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Asien

1953: Irans gestohlene Demokratie

Die Beziehungen zwischen USA und Iran sind von tiefem gegenseitigem Misstrauen geprägt. Die Wurzeln dieses Misstrauens liegen 60 Jahre zurück. Damals stürzte die CIA Irans demokratisch gewählten Premier Mossadegh.

Für die USA ist der Iran "ein fundamentalistisches Regime, das nach der Atombombe strebt" und zur "Achse des Bösen gehört". Umgekehrt sitzt für Teheran in Washington der "gottlose, große Satan" und die "Wurzel allen Übels". Kaum ein Verhältnis zweier Staaten ist so belastet wie das zwischen dem Iran und den USA. Beide Seiten misstrauen einander zutiefst, fühlen sich vom jeweils anderen gekränkt oder gedemütigt. Die Gründe dieser Feindschaft reichen weiter zurück als zur Islamischen Revolution 1979. Schon 1953 griffen die USA zum ersten Mal massiv in die Politik des Iran ein – mit Folgen, die den Mittleren Osten bis heute prägen.

Kolonialattitüden und Kommunismusängste

Cover des Time-Magazins vom Januar 1952 (Quelle: Time-Magazin)

Für das Time-Magazin war er der "Man of the Year" 1951: Mohammed Mossadegh

Dabei war die Welt zwischen Washington und Teheran kurz nach dem Zweiten Weltkrieg noch in Ordnung. Das renommierte Time-Magazin hatte Irans Premierminister Mohammed Mossadegh sogar zum Mann des Jahres 1951 gewählt. Denn er hatte es gewagt, die britische Ölförderung im Iran zu verstaatlichen. Dafür zollten ihm auch hochrangige US-Politiker Respekt. "In den USA hatte man zu der Zeit große Sympathien für die antikolonialen Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt", sagt Jürgen Martschukat, Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt: "Mossadegh wurde sogar als eine Art 'Benjamin Franklin Irans' gehandelt."

Weniger begeistert waren die Briten. In deren Händen hatte die iranische Ölförderung seit Anfang des 20. Jahrhunderts gelegen. Die Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) hatte dem Empire jedes Jahr gewaltige Gewinne beschert. "Jahrzehntelang wurde das iranische Öl von den Briten buchstäblich geraubt," erzählt der in Berlin lebende iranische Publizist Bahman Nirumand. "Der Iran bekam nur ein Handgeld für das Öl, das die Briten förderten." Vehement forderten Teheraner Politiker daher seit Ende der 1940er Jahre eine gerechtere Verteilung der Erlöse. Doch Großbritannien zeigte sich stur und beharrte auf der Erfüllung der lukrativen Verträge. Als Mohammed Mossadegh 1951 zum Premierminister gewählt wurde, eskalierte die Situation: In seiner ersten Amtshandlung löste Mossadegh am 20. März 1951 einseitig den Kontrakt mit der AIOC auf und verstaatlichte die Ölindustrie.

London reagierte empört, drohte mit einem Einmarsch und rief Washington zu Hilfe. Doch die US-Regierung unter Präsident Harry S. Truman winkte ab. Natürlich waren die Briten Verbündete. Doch Washington hatte kein Interesse an einer anhaltenden Schwächung Teherans. Zu groß war die Angst, den Iran in die Arme der kommunistischen UdSSR zu treiben. Zudem trugen aus Sicht Trumans die Briten durch ihre starre Haltung eine Mitschuld an der Eskalation.

Die CIA und der Sturz

Der britische Premierminister Winston Churchill und US-Präsident Dwight D. Eisenhower begrüßen sich bei einem Treffen im Jahre 1952 (Foto:Getty Images)

Verabredung zum Putsch: Winston Churchill und Dwight D. Eisenhower

Die Haltung der USA änderte sich, nachdem Dwight D. Eisenhower Ende 1952 Truman als US-Präsident ablöste. Zwei Jahre lang hatten Iraner und Briten ergebnislos verhandelt, die Positionen waren völlig festgefahren, die Stimmung geradezu feindselig. Großbritannien hatte ein vollständiges Ölembargo gegen den Iran verhängt. Die Wirtschaft des Landes lag am Boden. Radikale Kräfte wie die kommunistische Tudeh-Partei bekamen im Iran immer mehr Zulauf.

Im Gefolge Eisenhowers hatten in Washington antikommunistische Hardliner das Ruder übernommen: John Foster Dulles wurde Außenminister, sein Bruder Allen Leiter der CIA. Sie sahen die Entwicklung im Iran mit Sorge, bezeichneten Mossadegh gar als "Irren", der das ölreiche Land mit seinem anhaltenden Konfrontationskurs in russische Hände treiben könnte. "Man kam zu dem Schluss, dass man die vertrackte Situation mit Mossadegh nicht würde lösen können", so der Historiker Jürgen Martschukat. Eine Militärintervention im Iran lehnten die USA zwar weiterhin ab. "Die Eisenhower-Regierung war aber bereit, mit anderen Mitteln vorzugehen, als es noch die Truman-Regierung gewesen ist." Das war der Moment, in dem die CIA ins Spiel kam.

Im Sommer 1953 startete der US-Geheimdienst in Teheran die "Operation Ajax": Die CIA bestach Politiker, Offiziere und Geistliche und wiegelte sie zur Opposition gegen Mossadegh auf. Gleichzeitig überredete sie den Schah Reza Pahlavi, Mossadegh per Dekret seines Amtes zu entheben. Am 19. August kam es zu einer Straßenschlacht zwischen Mossadegh-Anhängern und Putschisten vor dem Privathaus des Premierministers. "Man wunderte sich über die Menschen, die da gegen Mossadegh demonstrierten", erzählt Bahman Nirumand, der den Putsch als Schüler in Teheran aus nächster Nähe miterlebte: "Da waren ganz schlimme Killerbanden darunter, und arme Menschen aus dem Süden der Stadt, die man mit Geld bestochen hatte." Als dann das Schah-treue Militär eingriff, wurde Mossadegh gestürzt und das demokratische Experiment im Iran fand ein jähes Ende.

Shah-Regime und Islamische Revolution

Schon während des Putsches, so Nirumand, "vermutete man, dass das nicht von Iranern organisiert worden war." Schnell wurde die Vermutung zur Gewissheit. Der Schah bekam massive Unterstützung aus den USA. Die Verstaatlichung der Ölindustrie wurde rückgängig gemacht, die Öleinnahmen gingen zur Hälfte an den Iran, zur anderen Hälfte an ein Konsortium aus 17 hauptsächlich amerikanischen und britischen Firmen. Schah Pahlavi errichtete eine Diktatur – mit militärischer, finanzieller und personeller Rückendeckung durch die USA. "Es gab damals über 10.000 amerikanische Berater im Iran", sagt Bahman Nirumand. "Sie haben das Land praktisch 25 Jahre lang beherrscht."

Gestürzt wurde der Schah Anfang 1979, durch die von Ayatollah Ruhollah Khomeini angeführte Islamische Revolution. "Die Erinnerung an Mossadegh war während der gesamten Proteste sehr präsent," erzählt Historiker Jürgen Martschukat. Bei den Anti-Schah-Demonstrationen 1978 hatten zahlreiche Demonstranten Bilder des ehemaligen Premiers in die Höhe gehalten. Und als aufgebrachte Iraner Ende 1979 die US-Botschaft in Teheran stürmten und 52 westliche Diplomaten als Geiseln nahmen, hatte dies eine große Symbolkraft. Denn von diesem Gebäude aus hatten die Drahtzieher des Mossadegh-Putsches 1953 die Strippen gezogen.

Zementiertes Misstrauen auf beiden Seiten

Eine iranische Frau vor einem antiamerikanischen Graffiti an der Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran (Foto:dpa)

Antiamerikanische Ressentiments sind in Teheran bis heute präsent

Der Sturz Mossadeghs hat in der iranischen Gesellschaft ein Trauma hinterlassen, das bis heute spürbar ist. Davon ist Bahman Nirumand überzeugt. Dass die antiamerikanische Propaganda der Mullahs auch 60 Jahre nach diesem Ereignis noch verfängt, sei wesentlich auf die damalige Zerstörung der iranischen Demokratie durch die CIA zurückzuführen: "Die Islamisten im Iran zehren bis heute davon. Sie sagen: 'Den Amerikanern ist einfach nicht zu trauen'."

Auf der anderen Seite war der Botschaftssturm von 1979 "ein ganz massiver Einschnitt in der Selbstwahrnehmung der Vereinigten Staaten", so USA-Experte Martschukat. Denn er verfestigte in Washington das Bild des Iran als Feind Amerikas. In der Folgezeit kultivierten die USA und der Iran ihre gegenseitige Abneigung so sehr, dass direkte Gespräche zwischen beiden Staaten bis heute kaum möglich sind.

Ein historischer Fehler

Kurzfristig war der Putsch von 1953 den Amerikanern von großem Nutzen. Denn er sicherte den USA 25 Jahre lang die Treue des Schahs und den nahezu ungehinderten Zugriff auf die iranischen Ölreserven. Doch langfristig erwies sich der Umsturz als großer Fehler. "Unter Historikern ist man sich da relativ einig", so Martschukat. Denn noch Anfang der 1950er Jahre waren die USA nicht nur im Iran, sondern im gesamten Mittleren Osten beliebt: "Als ein Staat, der sich selbst aus dem Zustand des Kolonialismus von Europa befreit hatte, hatten die USA Modellcharakter", erläutert der Historiker. Bis man sich dazu entschloss, aus knallharten wirtschaftlichen Interessen eine Demokratie zu stürzen und sie durch eine Diktatur zu ersetzen. "Da haben die USA sicher einiges verspielt."

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