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Kultur

1945 - ein europäisches Kriegsende

Zerstörte Städte, Kriegswaisen, Heimatlose - und viele Kriegsverbrecher. Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin blickt auf zwölf Länder Europas nach dem Zweiten Weltkrieg.

Am 8. Mai 1945 fliegt der 19-jährige Ernst Kohlmann in einem amerikanischen Militärflugzeug über sein früheres Elternhaus in Köln. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass seine Eltern 1941 aus Köln deportiert und in Riga ermordet worden sind. Ihm selbst - wie rund 10.000 anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen - hat ein sogenannter "Kindertransport" das Leben gerettet. Britischer Staatsbürger ist Ernst Kohlmann zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber er hat ein Trainingscamp der britischen Luftstreitkräfte absolviert und darf nun, am offiziell letzten Tag des Zweiten Weltkriegs in Europa, zwei befreundete amerikanische Offiziere als Bordschütze beim Flug über seine einstige Heimatstadt begleiten. Dafür legt der junge Mann extra ein privates Logbuch an - und überzeugt so den Piloten auch sein früheres Wohnhaus in der Kölner Roonstraße zu überfliegen.

Der Dichter Jewgeni Dolmatowski im Mai 1945 in Berlin - mit Hitlerbüste unter dem Arm. DHM Ausstellung 1945 - Niederlage. Befreiung. Neuanfang (Foto: Jewgeni Chaldej)

Ein ikonisches Bild des Kriegsendes: Der Dichter Jewgeni Dolmatowski im Mai 1945 in Berlin - mit Hitlerbüste unter dem Arm. Auch seine Geschichte erzählt die Ausstellung

Dieses Logbuch ist nun hinter einer der Vitrinen zu sehen, die in der Ausstellung zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren im Deutschen Historischen Museum aufgebaut sind. Fein säuberlich auf Maschine getippt - von Ernst Kohlmann. Es ist eines von 36 persönlichen Schicksalen, die dem Besucher das Ende des Krieges in Europa nahe bringen sollen. Zwölf Länder nimmt die Berliner Ausstellung in den Blick. Dazu gehören Deutschland und seine unmittelbaren Nachbarländer wie Frankreich, Belgien oder Polen.

Den europäischen Siegermächten wie Großbritannien und Russland wird jeweils ein Teil der

Ausstellung "1945 - Niederlage. Befreiung. Neuanfang"

gewidmet. Italien oder auch das zwischenzeitlich von Nazi-Deutschland besetzte Griechenland aber fehlen in der Ausstellung. "Wir Deutschen haben einen besonderen Blick auf 1945 - und wir müssen ihn wahren und behalten", sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Aussstellungseröffnung am Donnerstag (23.04.2015). "In unserer Befreiiung liegt zugleich unsere Verantwortung. Auf ihre allerknappste Formel gebracht, hallt diese Verantwortung in zwei Worten wider, die jede deutsche Generation seit 1945 geprägt haben - in der Zwei-Wort-Formel des "Nie wieder"."

45 Millionen Kriegstote - und etliche Heimatlose

Deutschland Schulklasse von Larisa Popovičenko 1940 in Leningrad, Foto: DW

Schulklasse von Larisa Popovichenko 1940 in Leningrad

Fünfeinhalb lange Jahre hat der Krieg - nach dem Überfall Deutschlands auf Polen im September 1939 - in Europa gewütet. Die traurige Bilanz: etwa 45 Millionen Kriegstote - allein in Europa; weltweit sind es 60 Millionen. In keinem früheren Krieg starben mehr Menschen. Mehr als 13 Millionen von ihnen sind Opfer von NS-Verbrechen geworden. Mindestens 20 Millionen Halb- und Vollwaisen irrten in Europa umher, daneben rund sieben Millionen befreite Zwangsarbeiter und etwa 400.000 befreite KZ-Häftlinge.

Larisa Popovichenko kehrt als 14-Jährige in ihre Heimatstadt Leningrad zurück und muss feststellen, dass die meisten ihrer Freunde nicht mehr da sind. Aus ihrer Schulklasse von 32 Kindern, haben nur acht die Leningrader Blockade überlebt. Dass das Foto ihrer Schulklasse nun in der Ausstellung zu sehen ist, spendet der heute 84-jährige Larisa Popovichenko Trost. "Bis heute schmerzt es mich, dieses Bild anzuschauen", sagt sie als sie erstmals inmitten von Besuchern bei der Ausstellungseröffnung vor der Vitrine im Deutschen Historischen Museum steht. "Aber, dass das Gedenken an meine Mitschüler und diese schreckliche Zeit wachgehalten wird, dafür bin ich den Deutschen dankbar." Groll hegt sie keinen gegen Deutsche. "Auch sie haben gelitten und Hunger erleiden müssen", sagt sie. Wie viele andere Leningrader habe sie den deutschen Kriegsgefangenen nach dem Krieg Brot gebracht.

Französinnen feiern das Kriegsende in den Farben der alliierten Sieger. DHM Ausstellung 1945 - Niederlage. Befreiung. Neuanfang (Foto: privat)

Französinnen feiern das Kriegsende in den Farben der alliierten Sieger, zu denen auch Frankreich zählt

"Wir verneigen uns vor ihnen allen", sagte Frank-Walter Steinmeier bei seiner Eröffnungsrede der Ausstellung an die anwesenden Zeitzeugen gewandt. "Wir danken Ihnen, dass Sie heute nach Berlin gekommen sind, in die Hauptstadt jenes Landes, in dessen nationalistischer Übersteigerung und Rassenwahn all dieses unermessliche Leiden seinen Ausgang hatte". Deutschland, der einstige Anstifter von Unordnung, so der Außenminister, müsse heute in besonderem Maße Ordnungsstifter sein und mehr als andere, engagiert sein für politische Lösungen in Konflikten und den Erhalt von friedenssichernden Strukturen.

Das Deutsche Historische Museum zeigt: Die Herausforderungen nach Kriegsende sind in jedem Land unterschiedlich. Deutschland hat den Krieg verloren - und damit auch seine staatliche Souveränität. Es wird in vier alliierte Besatzungszonen aufgeteilt. Schon bald führen die unterschiedlichen Interessen der Siegermächte und der beginnende Kalte Krieg zur Gründung zweier deutscher Staaten. Auch weite Teile Polens liegen in Trümmern. Die Sowjetunion nimmt massiven Einfluss und betreibt die Stalinisierung des Landes. Großbritannien gehört zu den Siegermächten. Dennoch sind die Nachkriegsjahre von Armut und Mangel geprägt. Die Labour-Regierung forciert den Umbau des Landes in einen modernen Wohlfahrtsstaat. Auch Frankreich muss zur republikanischen Staatsform zurückfinden.

Von Kollaborateuren und Kriegsverbrechern: Wer soll bestraft werden?

Das zerstörte Warschau nach der Befreiung im Januar 1945. DHM Ausstellung 1945 - Niederlage. Befreiung. Neuanfang (Foto: Boris Puschkin/Stiftung Deutsches Historisches Museum

Das zerstörte Warschau nach der Befreiung im Januar 1945

Eine Frage aber stellt sich in allen ehemals besetzten Ländern wie auch in Deutschland und Österreich: Wer soll bestraft werden? Vielleicht der mittlere Beamte, der in der Verwaltungspraxis Gesetze ausführte, die eine systematische Ausplünderung von Juden ermöglichte? Die Bäuerin, die von deutschen Besatzungstruppen angeworben, sich an der Massenerschießung vermeintlicher Partisanen beteiligte? Die Künstlerin, die antisemitische Illustrationen für Tageszeitungen und Kinderbücher zeichnete? Der Industrielle in einem Rüstungsbetrieb, der Tausende Zwangsarbeiter beschäftigte? Oder lediglich der SS-Offizier, der in einem Vernichtungslager die Ermordung jüdischer Häftlinge beaufsichtigte? Gegen viele dieser Personen wurde in verschiedenen Ländern Europas Anklage erhoben.

"In Deutschland ist besonders auffällig, dass es nach dem Krieg innerhalb der Mehrheit der deutschen Gesellschaft wenig Willen gab, sich mit der eigenen Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen", sagt Kuratorin Quinkert.

Ehemalige Zwangsarbeiter auf der Flucht. DHM Ausstellung 1945 - Niederlage. Befreiung. Neuanfang (Foto: Stiftung Deutsches Historisches Museum)

Millionen Heimatlose irren 1945 in Europa umher. Darunter, wie hier im Bild, viele ehemalige Zwangsarbeiter

Anders der Umgang mit Kriegsverbrechen in Norwegen. Gemessen an der Bevölkerungszahl führte das während des Krieges von Deutschland besetzte, aber mit einer eigenen Regierung belassene Land, die umfassendste juristische Abrechnung mit Kollaborateuren und Kriegsverbrechen in ganz Europa durch. Aber auch in Polen finden bereits 1947 wichtige Auschwitz-Prozesse statt (Deutschland beginnt damit erst in den 60er Jahren) - und verurteilt einen Großteil der Angeklagten zum Tode.

"Bis heute ist wenig präsent, dass von den 13 Millionen Opfern von NS-Verbrechen fast 90 Prozent aus der Ukraine, aus Weißrussland, dem Baltikum und Polen kommen", sagt Quinkert. Auch dass nicht allein Deutsche durch die Westverschiebung an die Oder-Neiße-Grenze vertrieben wurden, weiß kaum jemand. Umgekehrt bedeutete dies auch für rund drei Millionen Polen, dass sie ihre einstige Heimat verlassen mussten. Durch das so genannte "Repatriierungsabkommen" wurden zudem rund 500.000 Ukrainer aus Polen in die Sowjetunion und über 1,1 Millionen Polen aus der Sowjetunion umgesiedelt. Der polnisch-armenische Fotograf Stanislaw Bober war einer von ihnen. Seine Heimatstadt Stanisławów lag nach 1945 auf ukrainischem Sowjetgebiet. Von dort musste er ins einst schlesische Oppeln ziehen. Mit der Kamera, die jetzt im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist, hat er die Strapazen dieser unfreiwilligen Reise festgehalten. Er ist einer von Millionen, die nach Kriegsende ganz auf sich allein gestellt sind.

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