1926: Die wilden 20er - eine Queen wurde geboren | Lebensart | DW | 20.04.2016
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Lebensart

1926: Die wilden 20er - eine Queen wurde geboren

Großbritanniens Königin Elisabeth II. feiert am 21. April 2016 ihren 90. Geburtstag. Wir blicken zurück: Wie sah die Welt politisch, gesellschaftlich und kulturell aus, in die sie im Jahr 1926 hineingeboren wurde?

Auf die Schrecken des Ersten Weltkrieges folgten die sogenannten "wilden Zwanziger Jahre" - moderne Errungenschaften wie Autos und Flugzeuge bschleunigten die industrialisierte Welt. Die Unterhaltungsindustrie lockte mit Kino, Schallplattenspieler und Tanzabend zu Jazzmusik. Es war eine Zeit des vermeintlichen Friedens und des Optimismus. Die Gesellschaft erlebte soziale Reformen in Europa und der Welt.

Als die zukünftige britische Königin am 21. April 1926 das Licht der Welt erblickte, ging das Zeitalter der "Roaring Twenties" bereits seinem Ende zu. Schon bald sollten die große Depression und der aufkeimende Faschismus und der Nationalsozialismus in Deutschland die Welt in ein neues Chaos stürzen. Großbritannien, bis dato das größte Imperium aller Zeiten, büßte viel von seinem bisherigen Einfluss als dominante Weltmacht ein. Die Welt schaute nun auf die Vereinigten Staaten von Amerika.

Vergnügen, Dekadenz und Experimentierfreude

Während Europa noch mit seinem Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigt war, und die USA sich gegen die von der Prohibition verursachte Korruption und Kriminalität aufbäumten, rebellierten junge Amerikaner gegen soziale Konventionen und tanzten sich ihren Weg in das Jazz-Zeitalter.

Wettbewerbsfilme Cannes Filmfestival 2013 Eröffnungsfilm The Great Gatsby ( Foto: picture-alliance/dpa/Warner Bros)

Fitzgeralds "Der Große Gatsby" wurde 2013 verfilmt mit Leonardo DiCaprio (l.), Carey Mulligan und Joel Edgerton.

Die Surrealisten und jungen Literaten beeinflussten die Kunstszene, und in Paris wurde die "rive gauche" zu einem festen Begriff der neuen Literatur mit Vertretern wie Hemingway, Gertrude Stein und F. Scott Fitzgerald, dessen Roman "Der Große Gatsby" (The Great Gatsby/ 1925) die rebellischen Exzesse dieser Zeit thematisierte.

In den 1920er Jahre bekamen die Frauen Wahlrecht. Die Erfindung des Kondoms als Mittel der Geburtenkontrolle trug zu ihrer Unabhängigkeit bei.

Im Geburtsjahr von Königin Elisabeth II protestierten Arbeiter für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen und legten mit einem Generalstreik das Land zwölf lang lahm.

Die USA entwickelten sich zur stärksten Wirtschaftsmacht der Welt. Ihre Wirtschaftskraft war größer als die von Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan zusammen. Die Kolonialmacht Großbritannien musste sich zusätzlich mit Unruhen in Indien auseinandersetzen. Die größte Kolonie des englischen Königreichs kämpfte für ihre Unanbhängigkeit.

Mahatma Gandhi (Foto: picture-alliance/dpa)

Gandhi sollte Indien 1947 in die Unabhängigkeit führen.

Der indische Pazifist und Widerstandskämpfer Mahatma Gandhi gab den Anstoß zu einer antibritischen Bewegung im gesamten Königreich, vor allem in Irland, das 1922 einen eigenständigen Staat gründete.

Auch die eigene britische Jugend rebellierte gegen den Status Quo. Vom Albtraum des Ersten Weltkrieges desillusioniert, begehrte sie gegen altmodische soziale Normen auf. Eine neue, nihilistisch geprägte Generation suchte das Vergnügen, die Dekadenz und die Experimentierfreude. Der Schriftsteller Evelyn Waugh hat das in seinem Roman "Lust und Laster" (Vile Bodies/ 1930) treffend beschrieben.

Baker, Lang und Einstein

Die afroamerikanische, bisexuelle Sängerin, Performerin und Aktivistin Josephine Baker stand in den 1920er Jahren symbolisch für künstlerische, soziale und sexuelle Emanzipation. Sie wurde zu einer der höchstbezahltesten Künstlerinnen in Paris und Berlin und setzte sich von Europa aus gegen die Rassentrennung in Amerika ein.

Josephine Baker als Kleopatra (Photo by Hulton Archive/Getty Images)

Josephine Baker in einem ihrer zahlreichen Kostüme als Kleopatra

In dieser Zeit gingen die Scheidungsraten in die Höhe, und so manche Feministin ließ sich die Haare kurz schneiden und trug Anzüge. Bis 1920 hatten Frauen in den meisten westlichen Staaten bereits ein begrenztes Wahlrecht, doch sie kämpften weiter für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, was 1928 in Großbritannien im Erlass eines gleichberechtigten Wahlrechts mündete.

In Industriezentren wuchs die Bevölkerung im Rekordtempo. Ein neuer Massenkonsum prägte das städtische Leben. Filmemacher dokumentierten den Aufstieg dieses durch Maschinen geprägten Zeitalters. Fritz Langs Stummfilm "Metropolis" (1927) symbolisierte diese neue mutige Welt, während Charlie Chaplin eindrucksvoll den Kampf seines kleinen "Tramp" beschrieb, der im Filmklassiker "Moderne Zeiten" versucht, mit der materialisierten Welt zurecht zu kommen.

Inzwischen machte das Fernsehen seine ersten Schritte und die Entdeckung von Penicillin und Insulin ermöglichte die Bekämpfung bislang tödlicher Krankheiten. Albert Einstein entwickelte in Berlin seine Relativitätstheorie, die fatalerweise die Erfindung der Atombombe nach sich ziehen sollte.

Als sich die 1920er Jahre dem Ende zuneigten, war die zukünftige Königin Elisabeth II. noch ein Kleinkind. Die wirtschaftliche Depression warf ihre Schatten voraus, sie mündete 1929 im sogenannten "Schwarzen Freitag". Noch waren die im Ersten Weltkrieg aufgerissenen Wunden nicht ganz verheilt, da begann bereits die goldene Fassade dieses kurzen Jahrzehnts der "Roaring Twenties" in Europa und der ganzen Welt wieder zu bröckeln.

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