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Geschichte

1914-18: Die gespaltene Erinnerung der Türkei

Zwei Ereignisse prägen die Erinnerung der Türkei an den Ersten Weltkrieg: die Schlacht von Gallipoli gegen Briten und Franzosen; und der Völkermord an den Armeniern. Mit beiden geht das Land sehr unterschiedlich um.

Ein Krieg, zwei Denkmäler. Das eine: vier gewaltige rechteckige Säulen, bedeckt von einer schweren Steinplatte, gut 42 Meter hoch, unübersehbar am Eingang der Dardanellen, jener Meerenge, die die Ägäis mit dem Marmarameer verbindet. Das andere: die in der Mitte geteilte Skulptur eines Menschen, errichtet nahe der osttürkischen Stadt Kars, 2011 aber abgerissen auf Geheiß des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Zwei Denkmäler, zweierlei Erinnerung. Einmal an die heroische Seite des

Ersten Weltkriegs

: die Schlacht bei den Dardanellen, die dramatischen Wochen im Frühjahr 1915.

Britische

und

französische

Truppen sind angerückt, um die Halbinsel Gallipoli am nördlichen Ufer der Dardanellen zu erobern. Von dort aus, so ihr Plan, wollen sie dann Istanbul einnehmen. Tatsächlich haben sie anfangs Erfolg. Doch dann kreuzen sie ein von den Osmanen ausgelegtes Minenfeld. Die meisten Schiffe der Flotte werden zerstört, die Angreifer ziehen sich zurück. Doch zuletzt wird der Sieg den Osmanen nicht helfen: Am Ende des Krieges wird ihr Reich untergehen. Was bleibt, sind über 100.000 Tote auf beiden Seiten und mehr als doppelt so viele Verwundete.

Ein türkisches Mörsergeschütz während der Schlacht von Gallipoli, 1915 (Foto: picture-alliance/Bildarchiv)

Blutzoll an die Schlafwandler: die Schlacht bei Gallipoli

Knapp 1200 Kilometer weiter östlich erinnerte für kurze Zeit auch mal ein anderes Denkmal an eine der dunkelsten Stunden des Ersten Weltkriegs: den Völkermord an den Armeniern. Kaum ist das Osmanische Reich im November 1914 auf Seiten Deutschlands und Österreich Ungarns in den Krieg eingetreten, starten seine Truppen eine große Offensive im Kaukasus. Die Angreifer werden vernichtend geschlagen. Umso größer ist ihr Zorn gegen die Armenier, die in der Hoffnung auf einen eigenen Staat auf die Russen gesetzt und sie militärisch unterstützt hatten. Sie werden zum Sündenbock: Im Frühjahr 1915 treiben Teile der osmanischen Armee und Polizei zahllose Armenier durch Massaker und Hungermärsche in den Tod. Genaue Zahlen gibt es nicht. Schätzungen sprechen von 300.000 bis 1.5 Millionen Opfern.

Zweierlei Erinnerung

Nirgends zeigt sich das gespaltene Verhältnis der Türkei zu ihrer Vergangenheit deutlicher als in ihrem Umgang mit den Ereignissen des Jahres 1915 gewidmeten Denkmälern. Das Çanakkale Şehitleri Anıtı, das Denkmal für die Märtyrer von Çanakkale am Nordufer der Dardanellen, ist in seiner stillen Größe Mahn- und Ehrenmal zugleich. In seiner Nähe befindet sich ein Friedhof mit den sterblichen Überresten von 600 Soldaten - wie alle anderen Soldaten jenes Krieges auch Opfer einer politischen Katastrophe, die sie nicht zu verantworten hatten

und noch weniger verhindern konnten

. In eine der Seiten ist eine Inschrift mit Versen aus dem "Unabhängigkeitsmarsch" gehauen, dessen erste beiden Strophen seit 1921 den Text der türkischen Nationalhymne bilden. Die Strophen beziehen sich auf die Schrecken des Ersten Weltkriegs, an den nun noch einmal die Besucher des Mahnmals erinnert werden. "Sei dir des Bodens bewusst, auf dem du marschierst / denn es ist kein normaler Boden. Gedenke der Tausenden von Toten, die dort unten ohne Leichentuch liegen." Zusammen mit der monumentalen und zugleich kunstvoll kargen Architektur schält sich für den Besucher ein zentraler Gedanke heraus: der von der Geburt der Nation aus dem Geist der Selbstaufopferung.

Der türkische Verteidigungsminister Ismet ehrt die Gefallenen von Gallipoli, 25.4. 2014 (Foto: imago/Xinhua) (Foto: Xinhua)

Der türkische Verteidigungsminister Ismet ehrt die Gefallenen von Gallipoli

Das Leid der Anderen

Doch nicht nur die Osmanen haben sich geopfert. Auch für das Leid der Anderen fand Mustafa Kemal, "Atatürk", der Gründer der türkischen Republik, im Jahr 1933 deutliche Worte, eingemeißelt in das ihm gewidmete Denkmal. "Für uns gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets", sagte er in Anspielung auf die türkischen, britischen und australischen Gefallenen. "Sie liegen nun Seite an Seite in unserem Land. Ihr Mütter, die Ihr eure Söhne aus weit entfernten Ländern schicktet, wischt eure Tränen weg. Eure Söhne liegen an unserer Brust und ruhen in Frieden. Sie sind auch unsere Söhne." Den Toten beider Seiten ist das gesamte Areal gewidmet, auf dem sich nicht nur das Märtyrerdenkmal, sondern zahlreiche weitere Gedenkbauten finden. Jeden 18. März feiert die Türkei auf dem 1973 zum Nationalpark erklärten Gebiet den Şehitler günü, den "Tag der Gefallenen".

Nein zur ausgestreckten Hand

Nur der armenischen Opfer mag die Türkei sich nicht erinnern. 2006 hatte der Künstler Mehmet Aksoy nahe der Stadt Kars das İnsanlık Abidesi, das "Denkmal der Menschlichkeit", errichtet. Die in der Mitte gespaltete Figur symbolisiert die unterschiedlichen, miteinander konkurrierenden Erinnerungen, die Türken und Armenier mit dem Völkermord verbinden. Beide Länder gedenken bis heute nur der Toten der jeweils eigenen Seite.

Denkmal der Menschlichkeit, 13.4. 2009 (Foto: Imago)

Das "Denkmal der Menschlichkeit"

Dem setzte Aksoy mit seiner Skulptur etwas entgegen. Eine der beiden menschlichen Hälften des Denkmals streckt die Hand aus. Das Anliegen des Künstlers ist offensichtlich: Wäre es nicht an der Zeit, gemeinsam der Toten zu gedenken? Nein, fand offenbar der damalige Ministerpräsident Erdoğan und sprach stattdessen von einer "Monstrosität" und einem "seltsamen Ding". Zwar sendete er im Frühjahr 2014 einige

versöhnliche Gesten

in Richtung Armenien, aber für das Denkmal war es zu spät. Es wurde 2011 abgerissen. Der Künstler versuchte den Abriss gerichtlich zu verhindern, kam aber nicht weit: Ein Richter am zuständigen Gericht von Erzurum erließ eine Verfügung gegen den Abriss – und wurde gegen einen anderen Richter ausgetauscht. So hinterlässt der Erste Weltkrieg in der Türkei bis heute eine doppelte Erinnerung: eine sensibel aufgearbeitete - und eine schamvoll und notfalls auch per Gerichtsbeschluss verschwiegene.

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