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Welt

18.11.2010: Gibt es ein Tor zum Himmel?

Am letzten Tag des Hadsch berichtet DW-Reporter Ali Almakhlafi über eine risokofreudige saudische Fotografin, Helikopter über der Kaaba und bedürftige Pilger.

Zwiesprache mit Allah (AP Photo/Hassan Ammar)

Zwiesprache mit Allah

Ich bin jetzt wieder in Mina, in der Nähe von Mekka. Wo schätzungsweise 2,5 Millionen Pilger die letzte Nacht in Zelten übernachtet haben. Heute ist der letzte Tag der symbolischen Steinigung des Teufels - und auch der letzte Tag des Hadsch. Ich blicke noch einmal auf die Kaaba. Fast ein wenig wehmütig. Sieben mal wird sie heute von den Gläubigen umkreist, dann ist Schluss. Aber ich werde noch ein paar Tage hier und in Dschidda bleiben und Euch weitere Eindrücke schildern.

Der freundliche Motorradfahrer nimmt zwei Pilgerinnen von Muzdalifa nach Mekka mit (AP Photo/Hassan Ammar)

Der freundliche Motorradfahrer chauffiert zwei Pilgerinnen von Muzdalifa nach Mekka

Beim Anblick der Kaaba muss ich an eine Frage von DW-User „Serubogo“ denken. Er will wissen, ob sich nach islamischem Glauben über der Kaaba das Tor zum Himmel befindet - und ob deswegen möglicherweise sogar ein Überflug-Verbot für die Stadt Mekka besteht. Ich glaube, dass die Sache mit dem Tor zum Himmel auf Aberglauben basiert. Ich selbst habe noch nie etwas darüber gehört. Und die Pilger, die ich hier gefragt habe, auch nicht. Aber es ist ja oft so, dass sich religiöse Lehren mit volkstümlichen Vorstellungen mischen - auch der Islam ist davon nicht frei. Und wenn es hier ein Überflugsverbot geben sollte, dann gilt dies zumindest nicht für Hubschrauber! Denn Helikopter sieht man hier tags und nachts. Sie überwachen die Pilgerfahrt und stehen in ständigem Funkkontakt mit Polizei und Notärzten.

Trotzdem gab es auch in diesem Jahr wieder Tote bei der Hadsch. Allerdings wohl längst nicht so viele wie in früheren Jahren. Wie viele genau, darüber konnten oder wollten mir die Behörden hier bisher noch nichts sagen. Nur soviel, dass es sich wohl in erster Linie um Opfer von Verkehrsunfällen handelt. Massenpaniken wie früher gab es nicht, die Sicherheitsmaßnahmen wurden deutlich verbessert. DW-User Nasyr Muhammad ist sicher nicht der einzige, der das wissen wollte…

Susans gefährliche Einsätze

Ein Foto aus dem Helikopter - allerdings nicht von Susan (AP Photo/Hassan Ammar)

Ein Foto aus dem Helikopter - allerdings nicht von Susan

Susan Baaghil kann sich noch gut an 1997 erinnern, als Hunderte Pilger im Chaos ums Leben kamen. Sie gilt als erste Pressefotografin Saudi-Arabiens. Sie dokumentierte das Unglück damals mit ihrer Kamera von einem Hubschrauber aus, bei offener Bordtür. „Solche Einsätze sind gefährlich“, sagt sie. „Aber ich bin Fotografin aus Leidenschaft.“ Susan stammt, wie ich, gebürtig aus dem Jemen. Und spricht vier Sprachen fließend! Es gibt nicht viele weibliche Fotografen in Saudi-Arabien. Aber Susan sagt, sie fühle sich akzeptiert. Sie fotografiert übrigens nicht nur für die Nachrichtenagentur Reuters - sondern auch bei Hochzeitsfeiern. Ich spreche auch mit ihrer Tochter Dchanna. Sie erzählt schmunzelnd: „Das erste, was ich nach meiner Geburt gesehen hatte, war nicht meine Mutter. Es war ihre Kamera.“

Arme und reiche Pilger

Als Pressefotografin hat Susan sehr hohe Ansprüche. Sie liefert nicht nur die üblichen Pilgermassen-Bilder, sondern blickt auch auf jene Orte, die die saudischen Behörden nicht so gern vorzeigen: zum Beispiel die Zeltstädte der „illegalen“ Pilger, die ohne Visum oder gültige Erlaubnis hierher gekommen sind. Das sind meist ziemlich arme Menschen aus dem In- und Ausland, die sich eine Pilgerfahrt samt der Hotelkosten sonst gar nicht leisten könnten. „Ich versuche, in meinen Bildern darzustellen, worunter diese Menschen leiden“, sagt Susan. „Ich will, dass Menschen mit ihnen sympathisieren und ihnen vielleicht auch helfen".

Betende Pilger am Straßenrand (AP Photo/Hassan Ammar)

Betende Pilger am Straßenrand

In den Zeltstädten der armen Pilger gibt es unglaublich viel Müll: Plastiktüten, leere Kartons, Essensreste, die vor sich hin rotten – der Gestank ist an einigen Orten so heftig, dass manche Pilger dort nur noch mit Masken herumlaufen. Auch weil es zu wenig Mülleimer gibt und viele Menschen Angst vor ansteckenden Krankheiten haben. Umgekehrt gibt es aber auch sehr viele reiche Pilger. Ich habe hier einen Mann getroffen, dessen Mutter ihm fast 7000 Euro zugesteckt hat, damit er einen guten und würdigen Hadsch erleben kann - inklusive Übernachtung im Luxushotel. Soviel vielleicht auch zur Frage von DW-User Hayman Said, der wissen wollte, wo das ganze Geld der Pilger eigentlich hingeht. Im Einzelnen kann ich das natürlich nicht verfolgen. Aber die Hotels hier machen bestimmt einen Super-Umsatz.

Kostenloser Arztbesuch

Eine der drei Stelen, die den Teufel symbolisieren (AP Photo/Hassan Ammar)

Eine der drei Stelen, die den Teufel symbolisieren

Ich selbst wohne ebenfalls in einem Hotel: in einem Acht-Betten-Zimmer zusammen mit Pilgern aus dem Libanon, Syrien und Jemen. Gestern Nacht haben wir gefroren, weil die Klima-Anlage zu kalt eingestellt war – was unsere eigene Schuld war. Heute Morgen jedenfalls fühlte ich mich leicht erkältet, und mein Knie tat weh. Also: auf zum Pilger-Arzt! So sehr ich Deutschland vermisse, eines ist hier ganz kostenlos und unbürokratisch: der Krankenhausbesuch! Behandelt wurde ich vom saudischen Facharzt Muhammad Ali Khalifa, der sein medizinisches Handwerk vor zwanzig Jahren in Österreich gelernt hat, und der heute noch von Land und Leuten schwärmt. Dr. Khalifa rügt mich freundlich wegen einiger fehlender Impfungen. „Ist das ein großes Problem“, frage ich besorgt. Er lächelt. "Nein, nicht so schlimm. Schweinegrippe oder Meningitis gibt es in dieser Hadsch-Saison nicht.“ Na, Gott sei Dank!

Autor: Ali Almakhlafi, Mekka
Redaktion: Rainer Sollich