1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

14 Kilometer bei 12 Grad minus

Die Straßen Moskaus sind schon ohne Eis und Schnee eine Herausforderung - vor allem für Fahrradfahrer. Damit das anders wird, haben sich mehr als 1000 Moskowiter in den Sattel geschwungen und der Kälte getrotzt.

Dimitri Vasilev hat sich warm angezogen: dicke Hose, Skianorak und Sturmhaube. Unter seiner Montur sieht man nur noch die Augen. Auf seinem Fahrradhelm klebt eine Nikolausmütze. Gemeinsam mit mehr als 1000 anderen Fahrradfahrern nimmt der 18-jährige Moskauer Medizinstudent an der ersten Moskauer Winter-Fahrradparade teil. Bei einem Wetter, das einen eher eine warme Heizung und eine Tasse Tee ersehnen lässt, als eine 14 Kilometer Fahrradtour entlang der Moskwa: zwölf Grad unter Null, wolkenverhangener Himmel, leichter, aber eisiger Schneefall.

Unerschrockene Fahrrad-Pioniere

Warum tut man sich das an? "Zunächst mal bin ich ein ziemlicher Sportfan", sagt Dimitri, nachdem er sich von seiner Sturmhaube befreit hat. Außerdem sei es eine ideelle Sache: "Mir ist es wichtig, dass das Fahrrad ein Teil von Moskau ist!"

Vermummter Teilnehmer der Winter-Fahrradparade in Moskau (Foto: DW/P.Anft)

Gut gewappnet: Dimitri Vasilev demonstriert für mehr Radwege in Moskau

Damit zählen er und seine Mitstreiter zu Exoten in Russlands Hauptstadt. Denn noch ist das Auto der unbestrittene Herrscher auf Moskaus Straßen: Wer keines hat, dem bleiben die Metro und die eigenen Füße, um an sein Ziel zu gelangen. Als Fahrradfahrer die Parkanlagen und Grünstreifen der Metropole zu verlassen, dazu gehört ein gewisser Mut.

Geblinkt wird wenig, der Blick in den Rückspiegel wirkt meist flüchtig und Spurwechsel werden genauso ruckartig gestartet wie Überholmanöver. Die achtspurigen Asphaltbahnen, die Moskau auch in der Innenstadt durchziehen, kommen für Radler einer "No-Drive-Area" gleich.

Stadtverwaltung hält Radfahrern die Stange

Dass es in der russischen Hauptstadt seit ein paar Jahren überhaupt vereinzelt Fahrradwege und -ständer gibt, ist auch der Initiative der Fahrradparade zu verdanken. Deren Sommerversion fand 2015 bereits zum fünften Mal statt: "Mit der Parade im Sommer wollten wir der Stadtverwaltung zeigen, wie viele Menschen in Moskau Fahrrad fahren, damit sie eine Infrastruktur für Fahrräder aufbaut", erklärt Organisator Wladimir Kumov.

Fahrradparade am Moskwa-Ufer (Foto: DW/P.Anft)

Bei den Fahrradfans herrscht beste Laune

Dieser Versuch habe durchaus schon gefruchtet, meint Kumov. Deshalb wollte man nun auch einmal im Winter eine Parade durchführen. Und diesmal hat die Stadt-Verwaltung sogar mitorganisiert: "Auf den Wegen liegt kein Schnee", sagt Kumov.

Freie Bahn durch Matsch und Schnee

Zugefroren sind Moskaus Straßen und Wege tatsächlich nicht - die Räumfahrzeuge verteilen großzügig Streusalz. Was danach zurückbleibt, ist allerdings auch nicht gerade ein Traum für Fahrradfahrer: Eine Mischung aus dreckigem Wasser, Schneematsch und Eisbrocken bedeckt die Straßen.

Fahrradparade am Moskwa-Ufer (Foto: DW/P.Anft)

Eisschollen auf der Moskwa - immerhin sind die Straßen eisfrei

Die Fahrradfans, die sich für die Fahrradparade zusammengefunden haben, schreckt das aber nicht ab. Am Startpunkt herrscht beste Laune, Tee wird herumgereicht und viele Teilnehmer sind verkleidet: Diverse Versionen des russischen Väterchen Frost, des "Ded Moroz", haben sich in den Sattel geschwungen. Dazu kommen Gestalten aus der Tierwelt und die US-Serienfigur Hulk. Ähnlich artenreich präsentiert sich die Fahrradflotte des Starterfeldes: klassische Hollandräder, ein zwei Meter hohes Einrad und stylische City-Cruiser mit Monsterreifen sind dabei.

Auch die Polizei lernt dazu

Untermalt durch die Klänge von Queens "Bicycle Race" geht es los. Die Gruppe radelt am Ufer der mit Eisschollen bedeckten Moskwa entlang, vorbei am Postkartenpanorama aus Basilius-Kathedrale und Kreml.

Die Polizei fährt voraus und macht den Weg frei. Auch sie hat offenbar gemerkt, dass sich die endlosen Staus in Moskau durch ein paar Tritte mehr in die Pedale abmildern lassen könnten. Doch bis das Konsens wird, haben die Moskauer Radler wohl noch viele Paraden abzuhalten.