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Welt

13.11.2010: Reisevorbereitung mit Muslim Bernd

Ali Almakhlafi interviewt Bernd Schließke Rechte: DW/Ali Almakhlafi

Ali Almakhlafi interviewt Bernd Schließke

Es ist fast soweit: Mein Aufbruch nach Mekka steht bevor. Aber weiß ich eigentlich selbst genug über den Hadsch? Als Kind habe ich zwar jahrelang Religionsunterricht erhalten, und ich bin selber Muslim. Aber reicht das? Ich komme ins Grübeln…

Etwas Nachhilfeunterricht könnte jedenfalls nicht schaden, denke ich mir und beschließe zu handeln. Die einzelnen Rituale des Hadsch sind nämlich durchaus kompliziert und wollen gelernt sein, deswegen bieten auch in Deutschland mehrere Moscheen dafür spezielle Schulungen an.

Im Internet habe ich eine in Köln gefunden, die gleich meine Aufmerksamkeit erregt hat: die Abu Bakr Moschee, der eine gewisse Nähe zur konservativen ägyptischen Muslimbruderschaft nachgesagt wird. Gleichzeitig beteiligt sich die Gemeinde aber regelmäßig am „Tag der offenen Moschee“ - und ich habe von Freunden gehört, das hier auch viele Muslime zum Beten hingehen, die wenig bis überhaupt nichts mit Politik am Hut haben.

Der Gebetsraum der Abu Bakr-Moschee Rechte: DW/Ali Almakhlafi

Der Gebetsraum der Abu Bakr-Moschee

Keine falsche Scheu also, denke ich mir und mache mich auf den Weg. Mir geht es ja heute nicht so sehr um investigative Recherchen und ich möchte vor allem auch niemanden unter Generalverdacht stellen. Ich bin auf der Suche nach Gläubigen, die sich auf die Pilgerfahrt ihres Lebens vorbereiten! Wie machen die das? In welcher Sprache? Das will ich wissen! Ich habe außerdem gehört, dass man in der Moschee auch deutsche Muslime treffen kann. Keine eingebürgerten Türken oder Araber, sondern Konvertiten. Das reizt mich besonders.

Power-Point-Schulung im Moschee-Keller

Die Moschee ist größer, als ich erwartet habe. Ein breiter roter Teppich auf dem Boden lädt zum Beten ein, aber das Gotteshaus steht leer. Ich suche hier und dort und finde schließlich heraus: Die Hadsch-Schulung findet im Keller statt!

Power Point Vortrag über den Hadsch Rechte: DW/Ali Almakhlafi

Power-Point-Vortrag über den Hadsch

Ich gehe die Treppe hinunter. Man empfängt mich durchaus herzlich und bietet mir einen Stuhl an. Ich sitze in einem Saal mit arabischen Schriftzeichen an den Wänden. Das Publikum besteht aus etwa 50 Männern und 20 Frauen. Sie sitzen wie ich auf Stühlen, aber voneinander mit einem Vorhang aus Stoff getrennt – anders als in der Kaaba-Moschee in Mekka, wo es meines Wissens keine solche Trennung gibt.

Alle lauschen dem Dozenten Idris, der seinen Einführungsvortrag zur Hadsch in Form einer Power-Point-Präsentation hält, abwechselnd auf deutsch und arabisch.

Wo lade ich beim Hadsch mein Handy auf?

Idris ist ein erfahrener Mann – er hat die Pilgerfahrt schon dreimal absolviert, zweimal mehr als vorgeschrieben. Die Schulung gibt er ehrenamtlich. Und er hat dabei neben den religiösen Details auch viele praktische Tipps auf Lager: Welche Kleidung zieht man am besten an? Wo kann man übernachten? Oder auch - keineswegs unwichtig: Wo kann man während des Hadsch eigentlich seinen Handyakku aufladen?

Die angehenden Pilgerinnen und Pilger stellen ihm auch viele Fragen über die sittliche Ge- und Verbote während des Hadsch: Wann genau darf man während des Hadsch Geschlechtsverkehr haben und wann nicht, möchte jemand wissen. Und warum dürfen Frauen ausgerechnet in Mekka ihr Gesicht nicht bedecken?

Bernd kann es kaum erwarten

Idris hat Antworten auf religiöse und lebenspraktische Fragen parat Rechte: DW/Ali Almakhlafi Rechte: DW/Ali Almakhlafi

Idris hat Antworten auf religiöse und lebenspraktische Fragen parat

Der siebzigjährige Bernd Schließke absolviert die Schulung bereits zum zweiten Mal. Bernd – wir duzen uns von Beginn an – ist ein pensionierter Techniker aus Norddeutschland und vor acht Jahren zum Islam konvertiert. Anders als manche anderen Konvertiten, trifft auf Bernd aber nicht zu, dass er „exotischer“ aussähe als viele arabische Muslime: Er trägt eine sportliche blaue Winterjacke, normales Hemd, normale Hose, Kurzhaarschnitt ohne Bart.

Bernd ist von muslimischen Freunden animiert worden, den Hadsch in diesem Jahr zu absolvieren, denn: "Je älter man wird, desto schwieriger wird es. Jetzt mit siebzig Jahren kann ich das noch voll gut packen.“ Ich staune mit einigem Respekt, auch über seinen sportlichen Ehrgeiz.

Für den deutschen Muslim ist der Hadsch mehr als nur eine Reise Rechte: DW/Ali Almakhlafi

Für den deutschen Muslim ist der Hadsch mehr als nur eine Reise

Deutsche reisen bekanntlich gerne - auch in exotische Länder. Aber für Bernd ist der Hadsch „keine Reise, sondern etwas, das ich aus tiefer Überzeugung mache und das möchte ich auch so verstanden wissen. Das ist ein Teil des Muslimseins“. Er brenne schon auf Mekka, sagt Bernd. Zwar glaube er daran, dass Gott „überall“ sei – aber in Mekka sei er ihm eben noch näher. Ist die Kaaba-Moschee in Mekka also heilig für ihn, möchte ich wissen. Nein, sagt Bernd, fast ein bißchen irritiert. "Die Kaaba ist rein symbolisch. Wir Muslime beten keine Steine an. Wir beten zu Gott!“

Er als Deutscher und religiöser Pilger – ich als Araber und Reporter, der trotz eigener Zugehörigkeit zum Islam die Dinge aus der Distanz heraus betrachten muss. Ein spannender Kontrast, irgendwie. Vielleicht werden wir uns in Mekka wiedersehen….

Saudi-Arabien in Berlin?

Szenenwechsel: Die Botschaft des Königreiches Saudi-Arabien in Berlin. Dort musste ich hin, um mein Visum zu bekommen. Und auch davon möchte ich kurz vor meiner Mekka-Reise noch schnell berichten. Denn ich habe dort vieles gelernt …

Meine erste Lektion lerne ich schon am Eingang. Sie lautet: Die Botschaft ist ein absoluter Spiegel des Landes – denn an der Tür empfängt mich tatsächlich ein Pakistani! Saudi-Arabien ist bekannt für die zahlreichen dort lebenden Gastarbeiter aus Pakistan, Indien und anderen asiatischen Ländern, deren sozialer Status – vorsichtig ausgedrückt – nicht unbedingt besonders hoch zu veranschlagen ist. Menschenrechtsgruppen – auch arabische - haben dies schon häufiger kritisiert.

Meine zweite Lektion folgt schon wenige Minuten später und lautet: Irgendwie war Lektion Nummer 1 wohl doch etwas vorschnell – denn auf den zweiten Blick scheint vieles in der Botschaft doch ganz anders zu sein als in Saudi-Arabien selbst: Die netten Mitar-beiterinnen, mit denen ich ins Gespräch komme, sind nicht etwa tief verschleiert, sondern modern und westlich gekleidet! Und der Leiter des Konsulats behandelt mich trotz der 15.000 Pässe, die er laut eigener Auskunft noch für die Hadsch-Visa bearbeiten muss, mit großer Geduld und zuvorkommend – nicht etwa in orientalischer Pascha-Manier, wie manche meiner Freunde gemutmaßt hatten.

Zurück in Bonn, erhalte ich einen Anruf aus der Botschaft: Alles ist organisiert, die Reise kann losgehen! Der Mann ist Saudi, spricht mit mir aber auf englisch! Er fragt freundlich: Alles okay? „Of course“, sage ich. Und danke auf arabisch: „Schukran“.

Autor: Ali Almakhlafi
Redaktion: Rainer Sollich