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Filme

13 mal Deutschland

Für "Deutschland 09" haben sich 13 Regisseure zusammengetan. Herausgekommen ist ein Puzzle über ein Land, das sich in Frage stellt - aber nicht mehr in Selbsthass zerfleischt.

Fotomontage mit verschiedenen Bildteilen einer Frau/Schwarz-weiß (herbstfilm)

Deutschland als Sehnsuchtschiffre: "Séance"

Film-Plakat von 'Deutschland 09', die Deutschlandfahne angedeutet mit Farbstrichen, darüber die beteiligten Regisseure in Schriftform (hoenerpresse)

Das Plakat zum Film

Es sollte eine Neuauflage des legendären Films "Deutschland im Herbst" werden. 30 Jahre nachdem Fassbinder, Schlöndorff und Co. sich filmische Gedanken über den Zustand des Landes machten und 20 Jahre nach dem Mauerfall, initiierten Produzent Dirk Wilutzky und Regisseur Tom Tykwer einen neuen "Omnibusfilm" - so werden Filme genannt, die aus mehreren Beiträgen verschiedener Regisseure zusammengesetzt sind. Unter dem Titel "Deutschland 09 - 13 kurze Filme zur Lage der Nation" erzählen nun dreizehn Filmemacher Geschichten aus ihrer Heimat.

Das Land auf der Intensivstation

Wer oder was ist Deutschland am Anfang des neuen Jahrtausends? Diese Frage versuchen Fatih Akin, Wolfgang Becker und Christoph Hochhäusler zu beantworten, Hans Weingartner, Dani Levy oder auch Sylke Enders. Zwar stand am Anfang des Projekts ein großes Teamtreffen, in dem über die Entwicklung von "Deutschland 09" diskutiert wurde. Aber die jeweils rund 12-minütigen Kurzfilme wurden dann von Individualisten angefertigt, die freie Hand hatten, was Inhalt und Form betrifft.

Ärzte und Helfer stehen um einen Patienten auf einem Tisch herum (herbstfilm)

Patient Deutschland

Wolfgang Becker zum Beispiel zeigt in "Krankes Haus" Deutschland als heruntergekommenes Hospital, in das reichlich Patienten eingeliefert werden. Oft unter Verdacht auf "Sozialinfarkt". Sie hyperventilieren, bekommen "Subventionsadrenalin" verabreicht, doch dann platzt die "Subventionsblase", und der Patient stirbt. Oder sie landen in der Psychiatrie. Kunstvoll und durchaus witzig jongliert Becker mit allen Krankheitszuständen, unter denen das Land zurzeit leidet. Aber er überfrachtet sein Werk auch, es verliert die Kraft, die in ihm liegen könnte.

Kinderarmut in Deutschland

Die Regisseurin Sylke Enders beim Dreh (piffl medien)

Macht sich Gedanken um Kinderarmut: Sylke Enders

In die gleiche Kerbe schlägt Sylke Enders mit ihrem Film "Schieflage", der allerdings formal ganz anders ausfällt. Produzent Dirk Wilutzky hatte der Regisseurin vorgeschlagen einmal darüber nachzudenken, worüber sie sich am meisten ärgert in der Gesellschaft. Sylke Enders dachte sofort an die Tatsache, dass es in ihrer Heimatstadt Potsdam eine Suppenküche für Kinder gibt. Kinderarmut ist heute auch im Wohlstandsland Deutschland ein Massenphänomen. So schildert Enders Episode, wie sich die Wege dreier Menschen in einer solchen Suppenküche kreuzen: Eine Journalistin, die das Thema Kinderarmut für ein TV-Magazin aufbereiten will, ein freiwilliger, überforderter Helfer und ein Junge, der nicht nur sein Essen holt, sondern sich auch um die tägliche Mahlzeit für seine Mutter kümmert.

Globalisierung und Geschichte

Benno Führmann mit Pappbecher an einem Stehtisch in Lokal (herbstfilm)

Auf dem Sprung: Feierlich

In ganz anderen Sphären bewegt sich dagegen der Protagonist in Tom Tykwers Beitrag "Feierlich reist". Feierlich (Benno Fürmann) ist Vertriebschef einer Modefirma und jettet das ganze Jahr durch eine Hochglanzwelt. Überall begegnet er den gleichen Schnellrestaurants, Cafe-Ketten, Boutiquen und Hotels. Feierlich kennt sich überall aus - und wirkt doch ziemlich verloren. Das ist perfekt und elegant inszeniert. Aber mit Deutschland hat das wenig zu tun.

Die junge Regisseurin Helene Hegemann zwischen Susan Sonntag und Ulrike Meinhof (Jasmin Tabatabai und Sandra Hüller) (piffl medien)

Zwischen zwei berühmten Frauen, die junge Regisseurin

"Die Unvollendete" heißt der Film von Nicolette Krebitz. Darin zeigt sie, wie sich die Journalistin Susan Sontag, die Terroristin Ulrike Meinhof und die Jung-Regisseurin Helene Hegemann bei einem Gedankenaustausch begegnen. Ein fiktives Treffen quer durch die Zeiten in einer kahlen Wohnung. Eine interessante Idee. Der Nachteil: die Episode ist vollgestopft mit Zitaten. So thematisiert der Film eher eine veraltete linke Weltanschauung.

Brutale Wirklichkeit

Da setzt Hans Weingartner mit "Gefährder" einen interessanteren Akzent. Es schildert - in Spielfilmform - einen wahren Fall. Andrej Holm hatte die Proteste gegen das G-8-Treffen in Heiligendamm im Juni 2007 innerhalb der Bürgerbewegungen mitorganisiert. Der Soziologe wurde aber verdächtigt, Mitglied einer Terrorgruppe zu sein und verhaftet. Er und seine Familie wurden von einer schwerbewaffneten Antiterroreinheit in Kampfanzügen zu Hause überwältigt. Weingartner stellt hier die Frage nach dem Wert von Bürgerrechten in der Demokratie.

Romuald Karmakar hingegen sucht in seiner Kurzdokumentation den iranischen Besitzer eines Animierlokals im Herzen des alten West-Berlin auf. Das einst blühende Geschäft darbt vor sich hin. Der Fall der Mauer hat viele Osteuropäerinnen nach Deutschland gebracht, die die Preise auf dem Sexmarkt gedrückt haben. Fernsehen und Internet bieten inzwischen ebenfalls viel nackte Haut. Die erschreckenden wie authentischen Kommentare des Barbesitzers: "Heute ist es schwer, gutes Personal zu bekommen. Es ist eine Katastrophe. Wenn die Ausländerinnen nicht wären, wäre die Branche in Deutschland ganz kaputt. Außerdem gibt es zu viele Hartz-IV- Empfänger."

Sehnsucht nach der Vergangenheit

Der mit Abstand beste Film stammt von Christoph Hochhäusler. In seinem Essay "Séance" erzählt der Filmemacher, wie sich die Menschheit nach der ökologischen Katastrophe aufmacht, den Mond zu bevölkern. Wobei das Raumschiff mit den Kulturgütern auf der Reise verloren geht. Um eine neue Ordnung aufzubauen, werden alle Erinnerungen, die den Menschen gefährlich werden könnten, systematisch gelöscht.

Der Schauspieler Christoph Jacobi als Andrej Holm neben einem maskierten Staatsbeamten (herbstfilm)

Von schwerbewaffneten abgeführt: Andrej Holm

Doch eine Frau weigerte sich. Als letzter Mensch, der noch Erinnerungen an die Erde hat, entfernt sie sich unerlaubt von der Kolonie, überwindet die gesicherte Zonengrenze, die die Menschen vor dem Anblick der Erde schützen soll. Unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte schreibt sie "Deutschland" in den Mondsand. Dann stirbt sie. Fortan benutzen die Menschen, wann immer sie ein sehnsüchtiges Gefühl empfinden, ohne genau zu wissen wonach, das Wort Deutschland.

Brillant verbindet Christoph Hochhäusler in seinem Film eine "Arche Noah-Story" mit deutscher Geschichte und Referenzen an Filmemacher wie Orson Welles, Francois Truffaut oder Andrej Tarkowskij. Ein intelligenter Essay: sehnsuchtsvoll, poetisch und mit viel Tiefgang. "Ich glaube, in jeder Geschichte geht es um Verlust, aber in der deutschen ganz sicher besonders stark. Und Verlust ist ja nichts anders als die Sehnsucht nach dem Verlorenen", erläutert Christoph Hochhäusler seinen Ansatz.

Viel Diskussionsstoff

"Deutschland 09", das sind dreizehn Geschichten, die nicht recht zusammen passen. Die aber dennoch irgendwie ein Puzzle bilden von einem Land, dass sich selbst ständig in Frage stellt. Aber im Gegensatz zu früher ohne Selbsthass. Selten hat es einen Film beziehungsweise eine Filmsammlung gegeben, die so viel Diskussionsstoff bietet. Bereits bei der Premiere auf der diesjährigen Berlinale hat "Deutschland 09" stundenlange Debatten initiiert. Wesentlich mehr kann ein Film eigentlich nicht bieten.

Autor: Bernd Sobolla

Redaktion: Jochen Kürten/wl

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