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Welt

11.11.2010: Mein Weg nach Mekka

DW-Reporter Ali Almakhlafi Foto DW/Per Henriksen

DW-Reporter Ali Almakhlafi

Grüßgott und Assalaam Alaykum. Ich heiße Ali. Ali Almakhlafi. Ich bin Journalist. Ich komme aus dem Jemen. Ich lebe in Deutschland. Ich bin 31 Jahre alt. Ich bin Muslim. Und ich war noch niemals in meinem Leben in Mekka. Obwohl ich, aus der Distanz betrachtet, eigentlich „gleich nebenan“ zur Welt gekommen bin und dort die ersten 19 Jahre meines Lebens verbracht habe.

Der Jemen ist das ärmste Land der arabischen Halbinsel und hat eine direkte Grenze zu Saudi-Arabien – eines der reichsten Länder der Region und Hüter der heiligen Stätten des Islam. Von der jemenitischen Hauptstadt Sana’a aus fliegt man vielleicht eineinhalb Stunden nach Mekka - von Deutschland aus sind es rund sechs Stunden.

Trotzdem beginnt meine Mekka-Reise hier in Deutschland, dem Land meiner privaten und beruflichen Lebenswahl. Und ich reise nicht etwa als religiöser Pilger dorthin, sondern bewusst als neutraler journalistischer Berichterstatter. Denn ich möchte versuchen, auch nicht-muslimischen Usern einen kleinen „Fensterblick“ auf die Pilgerfahrt Hadsch zu eröffnen - so wie ich umgekehrt in Deutschland Ostern, Weihnachten und andere christliche Feste kennenlernen durfte.

Schreiben Sie mir Ihre Fragen!

Die Heilige Moschee in Mekka (Rechte: AP)

Die Heilige Moschee in Mekka

Die in Saudi-Arabien geltende Auslegung des Islam gestattet nur Muslimen den Besuch der heiligen Stadt Mekka. Daher möchte ich Ihnen meine Eindrücke Beobachtungen und Begegnungen mit Pilgern aus aller Welt - insbesondere aus Deutschland - nahe bringen. Selbst viele Muslime kennen ja oft kaum mehr als die Fernsehbilder von religiösen Ritualen und strömenden Menschenmassen. Ich stelle mir vor, dass es auf dem Hadsch bestimmt noch sehr viel mehr zu entdecken gibt und möchte gerne gemeinsam mit Ihnen auf Entdeckungsreise gehen.

Sie möchten gerne wissen, wie die religiösen Rituale genau ablaufen? Wie die Sicherheitsvorkehrungen sind? Ob Männer und Frauen gemeinsam pilgern? Oder ob am Rande der Feierlichkeiten in Mekka auch die Konflikte zwischen moderaten und radikalen politischen Strömungen in der islamischen Welt irgendeine Rolle spielen? Vieles davon weiß ich selber noch nicht. Aber was immer Sie gerne wissen möchten - ich werde versuchen, es für Sie herauszufinden!

Kindheitserinnerungen vor dem Aufbruch

Obwohl ich als Journalist nach Mekka reise, so ist dies doch kein „ganz normaler“ Reportage-Einsatz für mich. Vielleicht geht es mir da ähnlich wie einem katholisch erzogenen Journalisten, der als Reporter in den Vatikan entsandt wird: Man berichtet neutral und mit Distanz, aber die Dinge bewegen einen doch irgendwie tiefer als ein Bericht über die jüngste Steuerreform.

DW-Reporter Ali Almakhlafi im Alter von drei Jahren. (Rechte: DW/Ali Almakhlafi)

DW-Reporter Ali Almakhlafi im Alter von drei Jahren.

So kann ich meine erste Mekka-Reise zum Beispiel nicht völlig von meinen Kindheitserinnerungen trennen - insbesondere nicht vom Religionsunterricht in meiner Geburtsstadt Taiz. Dort hatte man mir beigebracht, dass Gott im Himmel ist und uns Menschen sieht. Dass die Juden und die Christen viele Propheten mit uns Muslimen teilen, nicht jedoch den letzten Propheten und Gottgesandten Mohammad. Dass die Einwohner von Mekka einst Mohammad aus ihrer Stadt vertrieben hatten. Und dass Mohammad dann acht Jahre später nach Mekka zurückkehrte und die dort errichteten Steinstatuen falscher Götter zerstörte. Als kleiner Junge hatten mich diese Überlieferungen tief beeindruckt und geprägt. Sie gehören heute untrennbar zu meinem persönlichen kulturellen Erbe.

Natürlich habe ich in der Schule auch die fünf religiösen Pflichten der Muslime erlernt, die so genannten fünf Säulen des Islam. Der Hadsch ist eine davon – eine spirituelle Reise, die jeder gläubige Muslim einmal im Leben absolvieren muss, sofern er finanziell und gesundheitlich dazu in der Lage ist.

Mein Bild von Saudi-Arabien auf dem Prüfstand

Blick über die jemenitische Stadt Taiz, Alis Heimat

Blick über die jemenitische Stadt Taiz, Alis Heimat

Auf dem Prüfstand steht aber auch mein persönliches Bild von Saudi-Arabien, das eng mit meiner jemenitischen Herkunft verbunden ist. Es gab Zeiten, da durften wir Jemeniten ohne Visum einreisen und ältere Männer wie mein Großvater brachten von ihren Geschäftsreisen in das reiche Nachbarland kostbare Gastgeschenke mit. Aber es gab auch die Zeit, als sich Saudi-Arabien und Jemen vehement über den Kuwait-Krieg zerstritten und die saudische Führung in der Hauptstadt Riad Hunderttausende jemenitischer Gastarbeiter des Landes verwies. In dieser Zeit stieg nicht nur die Anzahl der Kinder in meiner Schulklasse sprunghaft von 20 auf über 120, auch Arbeitslosigkeit und Armut in meinem Geburtsland verschärften sich noch einmal dramatisch. Damals wurde mir zum ersten Mal klar, dass islamische Tugenden wie Solidarität und Brüderlichkeit schnell verpuffen können, wenn Politik mit im Spiel ist, und dass ein gemeinsamer Glaube nicht vor Menschenrechts-verletzungen schützt. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen ich nun in Mekka machen werde. Vielleicht ja doch ganz andere.

Autor: Ali Almakhlafi
Redaktion: Rainer Sollich