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Kultur

100.000 Jahre Einsamkeit

Der schwerste Reaktorunfall aller Zeiten ereignete sich 1986 in Tschernobyl. Fotograf Robert Polidori war 2001 in der Sperrzone. Entstanden ist ein erstaunlicher Bildband über Vergänglichkeit und das unsichtbare Grauen.

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"Eine Rückkehr gibt es nicht mehr"

In den frühen Morgenstunden am 26. April 1986 sehen die Bewohner von Pripjat Flammen über dem benachbarten Tschernobyl. Im Kernkraftwerk explodiert der Reaktorblock IV. Der Druck von verdampfendem Kühlmittel reißt das über 1000 Tonnen schwere Dach der Reaktorhalle weg.

Soldaten in Schutzkleidung

Noch wissen nur wenige, dass sich hier der schwerste Reaktorunfall aller Zeiten ereignet. Eine hoch radioaktive Wolke wird freigesetzt. Nukleare Substanzen regnen Tage später noch tausende Kilometer entfernt hinab. Während die sowjetische Führung im Kreml Krisensitzungen abhält, geht das Leben in Pripjat zunächst weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Bildband Sperrzonen -Pripjat und Tschernobyl Foto: Robert Polidori

Bildband Sperrzonen -Pripjat und Tschernobyl Foto: Robert Polidori

Erst 36 Stunden nach dem GAU werden die Bewohner informiert. Soldaten in Schutzkleidung treffen auf Familien, die in der Frühlingssonne spazieren gehen. 116.000 Menschen werden in den folgenden Tagen mit Omnibussen fluchtartig evakuiert.

30 Kilometer Sperrzone

"Eine Rückkehr gibt es nicht mehr. Lebt wohl!" schreibt ein Unbekannter zwei Tage nach der Katastrophe auf die Tafel eines inzwischen hoch kontaminierten Kindergartens in Pripjat. Rund um den Reaktor wird im Radius von 30 Kilometern eine Sperrzone errichtet und für dauerhaft unbewohnbar erklärt.

Robert Polidori hat das Klassenzimmer fotografiert. Der Fotograf, der unter anderem für den "New Yorker" und "Geo" arbeitet, ist im Mai 2001 in das Sperrgebiet gereist. In vorschriftsmäßiger Schutzkleidung hat er Turnhallen, Krankenhäuser, Wohnblöcke und Kontrollräume bildlich dokumentiert. 180 seiner atemberaubenden Fotos sind nun im Steidl-Verlag publiziert worden.

Das unsichtbare Grauen

Absolute Stille scheint über den Orten zu liegen. Wir sehen keine Bewegung, nicht ein einziges Tier. Die Bedrohung ist unsichtbar. Empfohlen wird den seltenen Besuchern in der Gefahrenzone möglichst nicht den Asphalt- oder Betonboden zu verlassen. Der Erdboden ist immer noch stark radioaktiv verseucht. In den Gebäuden herrscht ein heilloses Durcheinander. Nach der Evakuierung haben Plünderer die Habseligkeiten durchwühlt und weggeschafft, was sie tragen konnten.

Bildband Sperrzonen -Pripjat und Tschernobyl Foto: Robert Polidori

Bildband Sperrzonen-Pripjat und Tschernobyl Foto: Robert Polidori

15 Jahre nach der Katastrophe, im Frühling, scheint die Sonne über Tschernobyl. Die Häuser der Bewohner sind inzwischen grün überwuchert. Eine tadellose Kulisse für eine bösartige Dornröschenverfilmug eröffnet sich dem Betrachter. Polidori macht hier das Grauen des Reaktorunfalls in genau beobachteten Bildern sichtbar. Einige Experten gehen davon aus, dass Tschernobyl und Pripjat erst in 100.000 Jahren wieder vollständig bewohnbar sein werden.

Robert Polidori, Sperrzonen - Pripjat und Tschernobyl, Steidl 2004, ISBN 3-88243-921-1

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