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Kultur

1000 Stufen in zehn Minuten

Die Treppen der Welt sind sein Revier: Stefan Minten ist der vermutlich erste und einzige Treppenlaufprofi der Welt. Reich und berühmt wird er damit nicht. Ein Porträt.

Auch Berlin hat manche Stufe zu bieten: Minten am Alexanderplatz (Foto: dpa)

Auch Berlin hat manche Stufe zu bieten: Minten am Alexanderplatz

Er hat alle fünf Kontinente bereist und unter der Erde und über den Wolken Wettkämpfe bei unerträglicher Hitze und klirrender Kälte bestritten. Er ist mehrfacher Weltrekordhalter und hat bisher an vier Weltmeisterschaften und sechs Europameisterschaften teilgenommen. Sein Trikot hängt in einer Sportausstellung in Monaco neben dem Rennanzug der Formel-1-Ikone Michael Schumacher. Dennoch: Stefan Minten ist nicht berühmt, kein Liebling der Klatschpresse und erst recht nicht schwerreich. Minten ist Treppenläufer.

Training am Rhein in Bonn (Foto: dpa)

Training am Rhein in Bonn

Angefangen hat alles im Jahr 2000 in New York. Seine fünf Tage Resturlaub verbrachte der heute 40-jährige Bonner mit seiner Freundin in Big Apple. Minten ist zu der Zeit noch im Job, ein Beamter mit Bezügen und Rentenansprüchen. Doch nach der Besichtigung des Empire State Building wird alles anders. Noch vor Ort erfährt er von einem Laufwettbewerb im Treppenhaus des Wolkenkratzers in Downtown Manhattan. Kaum zurück in Deutschland bewirbt er sich für dieses traditionelle Rennen - wie 50.000 andere Menschen auch - und hat Glück. "Nach drei Monaten kam die Genehmigung, dass ich einer von den 160 Startern sein darf. Dann war im Februar 2000 mein erstes Rennen."

Das Empire State Building ist 381 Meter hoch. Bis zur Aussichtsplattform gilt es 1860 Treppenstufen zu überwinden. Die meisten Touristen fahren deshalb bequem per Aufzug empor. Der Sportler Stefan Minten lief: "Ich wollte eigentlich 40 Minuten laufen, bin dann aber nach 18:38 Minuten ins Ziel gekommen, war unter den Top 100 und absolut glücklich."

Empire State Building am Abend (AP Photo/John Carucci)

Das Empire State Building war Mintens erste Herausforderung als Treppenläufer

Die einmalige Chance ergriffen

Auf den Lauf in New York folgten Einladungen in alle Welt. Doch das ständige Reisen zu den Wettkampfstätten in aller Welt und der Job im nordrhein-westfälischen Bonn ließen sich nicht miteinander verbinden. Der Hobbysportler Minten suchte das Gespräch mit seinem Arbeitgeber. Beide Seiten einigten sich auf eine befristete Beurlaubung ohne Bezüge und Rentenansprüche. Das war 2001. Seitdem ist Minten soweit er weiß der erste und einzige professionelle Treppenläufer der Welt. Die Betonung liegt dabei auf "erster und einziger" - das ist ihm wichtig.

Auf die Frage, ob er immer der Erste sein muss, antwortet er ausweichend: "Ich denke, dass ich meine Chancen immer realistisch einschätze. Wenn ich in ein Rennen gehe, weiß ich meistens, was ich erreichen kann." Seinen Sponsoren erklärt er, er könne nicht versprechen zu gewinnen. Denn selten bietet sich eine Chance wie ein anderes Mal im Empire State Building: Stefan Minten ist der erste Mensch, der den Wolkenkratzer mit einem Fahrrad erklommen hat. "Das kam so", erklärt er, "der Sponsor wollte, dass ich irgendwo der erste Mensch bin. Da die Chance, das Gebäude als Sieger zu verlassen recht gering war, habe ich das Rad halt hoch getragen."

Sponsoring: Der Kampf um die letzten Krümel

Apropos Sponsoring: Gerade in Randsportarten geht es oft nicht ohne die Unterstützung von Sponsoren. Das gelte natürlich auch für den Treppenlauf, betont Minten: "Das Problem ist: Ohne Sponsoren kein Treppenlauf." Die populären Sportarten Fußball und Formel 1 würden die meisten Sponsoren anziehen. Anders das Treppenlaufen: "Wir bekommen von den Resten die Krümel. Es ist eigentlich schon ein Überlebenskampf."

800 Kleinsponsoren haben ihn in den vergangenen acht Jahren unterstützt - weniger mit Geld als mit Sachwerten. "Der Bäcker gibt 100 Kilo Brot, der Metzger 100 Kilo Fleisch, der Friseur schneidet die Haare und das Blumengeschäft gibt Blumen." Einmal hat ihm der Betreiber eines kubanischen Restaurants sogar Havanna-Zigarren geschenkt. "Die sind immer noch komplett. Die werde ich auch nicht anpacken, obwohl es eine gute Marke ist." Um sich der Zuwendung seiner Unterstützer sicher zu sein, muss sich Minten konsequent selbst vermarkten. Er sei daher, so bedauert er, nicht nur Sportler, sondern auch Geschäftsmann. Einmal trug er ein Trikot, geschmückt mit den Emblemen von 86 Sponsoren - auch ein wohl neuer Weltrekord.

Die Frage nach Gewinnprämien bei Treppenläufen stellt sich erst gar nicht. Einzig dem Sieger des Laufs auf den Fernsehturm von Kuala Lumpur winkt ein Preisgeld von umgerechnet 7500 Euro. In Moskau bekommt der Erstplatzierte einen Staubsauger und die Siegerin eine Waschmaschine. Die Prämien, die Weltrekordler Minten bis dato einstreichen konnte, machen sich dagegen bescheiden aus: "In Augsburg gab es ein Glas Honig und in Moskau eine Pelzmütze, ein paar Felgen in Polen und einen 25-Euro-Gutschein in Nimwegen." Das Treppenlaufen sollte ein Sportler wohl nicht der Gewinnprämien wegen betreiben.

Gizeh-Pyramiden hinter See mit Segelbooten (AP Photo/Amr Nabil)

Auch schon erstiegen: eine der Gizeh-Pyramiden in Ägypten (Archivfotos)

"Vom Nordkap über Mittelamerika nach Afrika und Australien"

Trotz der Abhängigkeit von Sponsoren will der Bonner seine sportliche Karriere noch bis zum Jahr 2012 fortsetzen. "Wenn ich überlege, wo unsere Wettkämpfe sind, da kommst du vom Nordkap über Mittelamerika nach Afrika und Australien. Ich bin bei der Treppenlauf-WM in Sydney gewesen und finde das immer noch genial." In Ägypten hat er mit der Pyramide von Gizeh eines der sieben Weltwunder bestiegen und den Weltrekord im tiefsten Treppenlauf im Nahen Osten bei 400 Meter unter Null aufgestellt. Den Weltrekord in der Disziplin höchster Treppenlauf hält Minten auch: "Den halte ich in einem Flugzeug bei 11.880 Metern." Auf dem Rückflug von Malaysia nach Deutschland konnte er den Piloten überreden, die Flughöhe von 11.500 Meter kurz zu verlassen. Auf 11.880 Metern lief er dann die Treppe von der Economy Class in die First Class hoch: neuer Weltrekord.

Neben der sportlichen Herausforderung und den unzähligen Reisen reizt den geselligen Sportsmann auch der Kontakt mit Menschen. Minten weiß von zahlreichen Begegnungen mit Promis aus den verschiedensten Bereichen zu berichten. "Ich bin mal mit Klaus Meine von den Scorpions eine Hotelanlage in Malaysia hoch gelaufen, weil wir im selben Hotel waren. Der ist echt topfit." Im Rahmen seiner turnusmäßigen Hop-to-the-top-Läufe lieferte sich Minten unter anderem mit Vater Beimer aus der Lindenstraße, mit Martin Semmelrogge, Dagmar Berghoff, Christoph Daum und Johannes B. Kerner ein Rennen.

Nach einem Konzert der deutschen Rockband "Die Ärzte" in Bonn wurde Minten von dem Schlagzeuger Bela B. angesprochen: "Er sagte zu mir, er würde gerne mal von mir trainiert werden. Das war für mich eine absolute Ehre." Für dieses Probetraining, betont Minten, stünde er jederzeit bereit. Auch mit Otto Waalkes ist Minten bereits gelaufen. Nach einem Konzert des Komikers auf der Museumsmeile in Bonn, hatte Minten mit dem hungrigen Otto Pizza gegessen. "Er hat erfahren, dass ich Treppen laufe und war so begeistert, dass er nach dem anstrengenden Abend noch einen Lauf bei uns zu Hause absolviert hat."

Das Abenteuer geht weiter - bis 2012

Solche Erlebnisse entschädigen Minten für alle Anstrengungen des täglichen Trainings in Bonn und der Wettbewerbe auf den Treppen dieser Welt und nicht zuletzt für den Stress im Kampf um Sponsoren und Laufgenehmigungen. Bis in vier Jahre sein altes Leben ruft, warten noch viele Rennkilometer auf den Bonner Treppenläufer. Die nächsten Wettkämpfe stehen schon fest: Im September 2008 geht es von Asien über Lappland nach Belgien. Dort will Stefan Minten wieder neue Rekorde aufstellen, fremde Kulturen entdecken und neue Bekanntschaften machen.