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Reise

1000 Jahre Straßburger Münster

Literarisch als auch politisch sind tausend Jahre eine halbe Ewigkeit. Das Straßburger Münster feiert noch bis September 1000 Jahre Grundsteinlegung. Getauft wurde hier jedoch schon in der Spätantike.

Immerhin hatte Bischof Wernher von Straßburg auf das richtige Pferd gesetzt - bzw. auf den richtigen Herzog. Im Thronstreit um die Kaiserkrone gewann Heinrich aus Bayern. Die Racheaktion des unterlegenen Hermann von Schwaben allerdings kostete den Bischof seine Kirche. "Das verwünschte Alemannenpack brach ... in die Kirche der Heiligen Gottesmutter ein und steckte das Gotteshaus in Brand", berichtet eine zeitgenössische Chronik empört über die Vorgänge des Jahres 1002. Erst 1015 wurde der Grundstein für die neue Kathedrale gelegt.

Veranstaltungen zum Jubiläum

Die 1.000-Jahr-Feier ist ein etwas gewolltes Datum. Denn erstens ist von dem sogenannten Wernher-Münster außer den Fundamenten heute kaum mehr etwas übrig; und zweitens hatte auch diese Kirche mehrere Vorgängerbauten, spätestens seit dem Jahr 728. Ein jüngst entdecktes, rund vier mal vier Meter großes Taufbecken beweist: An dieser Stelle wurde bereits seit der Spätantike getauft; ein Straßburger Bischof, Ansualdus, ist für das Jahr 614 belegt.

Das heutige Münster hatte seinen Spatenstich 1190, als nach mehreren Großbränden, zuletzt 1176, wiederum ganz neu gebaut wurde. Also eigentlich 825 statt 1.000 Jahre - doch auch im Elsass feiert man die Feste, wie sie fallen. Bereits seit vergangenem September gibt es eine Reihe von Veranstaltungen. Im Sommer stehen noch einige Höhepunkte an, wie etwa die allabendliche Inszenierung "Ton und Licht" vom 4. Juli bis zum 20. September. Mit Farben und Spezialeffekten wird die Westfassade des Gotteshauses belebt und immer neu betont.

Wie die Saiten einer Harfe

Copyright: dpa

Innenaufnahme des Kirchenschiffs

Das Münster aus rotem Vogesen-Sandstein, begonnen im spätromanischen Stil, wurde erst mit der Errichtung des Langhauses ein Meisterwerk der Gotik. Allerdings wird der himmelstrebende Raumeindruck durch den massiven, dunklen und fast höhlenartigen Chorraum der Vorgängerepoche getrübt.

Ein Gesamtkunstwerk ist die Westfassade, entstanden zwischen 1277 und 1439. Die Darstellung des reichen Figurenschmucks an den Portalen füllt Bände - und doch wird er noch übertroffen von der Westrosette mit ihren mehr als 15 Metern Durchmesser und ihren 16 doppelten "Blütenblättern". Eine "Harfe aus Stein", so hat Karl Friedrich Schinkel die Fassade genannt. Tatsächlich wirken die vorgeblendeten feinen Sandsteinsäulen und -bögen wie die Saiten einer Harfe.

Mit den 142 Metern des Nordturms ist das Straßburger Münster das höchste im Mittelalter vollendete Bauwerk, seinerzeit eine Art Weltwunder - auch wenn der Südturm nie vollendet wurde. Bis heute ist es der sechshöchste Kirchenbau der Welt. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten im Innern: die Astronomische Uhr aus dem Jahr 1574 und der einzigartige dreigeschossige "Engelspfeiler" im südlichen Querhaus, der das Jüngste Gericht darstellt.

Wechselvolle deutsch-französische Beziehungen
Der junge Goethe verstieg sich nach Erklimmen des Münsters 1770 in seiner Schrift "Von deutscher Baukunst" (1773) zu der kunsthistorisch unhaltbaren These, nur ein deutsches Genie wie der Architekt Erwin von Steinbach habe wahre, harmonische Kunst erschaffen können - während etwa die Franzosen oder Italiener vor allem alte Formen nachahmten.

Auch ansonsten erlebte Straßburg - und mit ihm das Münster - wechselvolle Zeitläufe zwischen Deutschland und Frankreich: Die katholische Bischofskirche wurde 1524 protestantisch. Der aufkommende deutsch-französische Gegensatz sorgte für einen erneuten Wechsel: Der Sonnenkönig Ludwig XIV. annektierte die Freie Reichsstadt und rekatholisierte das Münster 1681.

In der heißen Phase der Französischen Revolution gab es gar Pläne, den Nordturm im Namen der "egalite" einzureißen. Das verhinderten die Straßburger Bürger, indem sie dem Turmhelm als Freiheitssymbol eine blecherne Jakobinermütze aufsetzten. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel das Elsass erneut an Frankreich; im Zweiten Weltkrieg wollte Hitler aus dem Münster ein deutsches "Nationalheiligtum" machen. Stattdessen erhielt es im August 1944 britische und US-amerikanische Bombentreffer. Am Ende ist das Straßburger Münster über die Jahrhunderte ein deutsch-französisches Bauwerk, mitten in Europa.

Von Alexander Brüggemann (kna)