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Wissen & Umwelt

100 werden mit Schal und Mütze

Die Hälfte der heute Geborenen könnte 100 Jahre alt werden. Das sagt der Demografie-Forscher Roland Rau von der Uni Rostock.

Deutsche Welle: Die Deutschen werden immer älter. Bei Mitte, Ende Siebzig liegt die Lebenserwartung der Menschen aktuell in Deutschland, und wer jetzt geboren wird, hat sogar gute Chancen, die 100 zu erreichen. Worauf ist dieses Phänomen zurückzuführen?

Roland Rau: Wir Demografen haben erkannt, dass es dieses Phänomen schon seit 160, 170 Jahren gibt. Früher, vor etwa 120 Jahren, sind 25 von 100 Säuglingen gestorben. Mittlerweile sind es nur noch drei bis vier pro tausend.

Den größten Fortschritt haben wir der Medizin zu verdanken. So ist seit 30 Jahren ein deutlicher Rückgang der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit zu beobachten. Inzwischen sind Patienten nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus weit besser aufgehoben als früher. Stants, Bypassoperationen, also die Behandlung von akuten Symptomen klappt weitaus besser. Die Überlebenschancen sind beachtlich.

Außerdem ist die Gesundheits-Prävention vorangeschritten und wir wissen mehr und mehr über Risikofaktoren. Unsere Großeltern wussten noch gar nicht, was ein Cholesterinspiegel ist.

Für mich als Fußballfan ist besonders interessant, dass die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ansteigt, wenn wichtige Fußballereignisse stattfinden. Bei Männern war sie während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland um das Dreifache erhöht. Man weiß also immer mehr, was einen Herzinfarkt oder Herz-Kreislauferkrankungen auslösen kann.

Woraus setzt sich die Lebenserwartung zusammen? Wie viel machen die Gene aus, wie viel die Lebensführung und wie viel die Medizin?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt Studien, die analysiert haben, welches die verschiedenen Faktoren für die Unterschiede in der Langlebigkeit sind. Sie haben ergeben, dass maximal ein Viertel auf genetische Faktoren zurückzuführen ist. Frühkindliche Ereignisse und Veranlagungen machen ein weiteres Viertel aus. Mehr als die Hälfte wird bestimmt durch die persönliche Lebensführung und den medizinischen Fortschritt.

Worauf basieren eigentlich die Prognosen für die Lebenserwartungen? Werden da einfach Kurven und Linien der vergangenen Jahre und Jahrzehnte weitergezogen?

Es ist ein bisschen desillusionierend, wenn man sieht, wie so etwas normalerweise gemacht wird. Häufig wird man darauf angesprochen, wie beispielsweise Umwelteinflüsse oder ökonomische Krisen berücksichtigt werden. Die Antwort ist: gar nicht! Es gibt unterschiedliche statistische Verfahren, aber im Prinzip geht es darum, Trends der Vergangenheit in die Zukunft zu extrapolieren.

Das heißt: Führt man diese Kurve fort, kommt heraus, dass die Menschen irgendwann unendlich alt werden?

So weit würde ich nicht gehen. Ich denke nicht, dass wir unendlich alt werden. Wir sehen jedoch, dass selbst in Ländern mit der weltweit höchsten Lebenserwartung wie Japan oder Frankreich, diese immer noch alle zehn Jahre um zweieinhalb Jahre ansteigt. Das heißt, sie steigt pro Jahr um ein Vierteljahr oder sechs Stunden pro Tag, der vorübergeht.

Das heißt, ich sollte mich mit dem Zeugungsakt zurückhalten, wenn ich meinen Nachfahren ein längeres Leben gönnen möchte?

(lacht) Ja, das könnte man so interpretieren, auch wenn ich es noch nie aus dieser Perspektive gesehen habe.

Ich bin Nichtraucher, trinke fast nie Alkohol, treibe Sport. Was kann ich noch tun, damit ich nicht nur 79 oder 82 werde, wie von Ihnen vorausgesagt, sondern 85 oder gar 90 Jahre?

Den größten Risikofaktor können Sie leider gar nicht ausschließen, das ist nämlich der Umstand, dass Sie ein Mann sind. Die Lebenserwartung ist nämlich in allen Ländern für Frauen höher als für Männer. Davon abgesehen, sollten Sie sich im Winter warm anziehen, denn es ist bekannt, dass die Sterblichkeit im Winter 20, 30 Prozent höher ist als im Jahresdurchschnitt. Das liegt daran, dass das Risiko, an Atemwegserkrankungen oder an einer Thrombose zu sterben, erhöht ist. Ich sage immer zu meinen Studenten: Wenn sie das befolgen, was die Mutter zu Ihnen gesagt hat - nicht rauchen, wenig trinken, Sport treiben, haben Sie alles getan. Der Rest ist auf medizinischen Fortschritt zurückzuführen. Da können Sie persönlich relativ wenig machen. 

Roland Rau ist Professor am Institut für Soziologie und Demographie an der Universität Rostock. Die Fragen stellte Tobias Oelmaier.

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