1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

100 Tage Trump: "Wir sprechen nicht über Politik"

Die Verhältnisse seien klarer als früher, sagt der USA-erfahrene Autor Christopher Kloeble. Er ist seit Mitte Januar Gastdozent in Tucson, Arizona. Und bekommt zu spüren, was es heißt, politisch Position zu beziehen.

DW: Herr Kloeble, Sie sind seit etwa drei Monaten als Gastdozent in Tucson im sonnigen US-Bundesstaat Arizona und hatten so die Gelegenheit, den Auftakt von Präsident Trumps Regierungszeit mitzuerleben. Hat sich in diesen ersten 100 Tagen in Ihrer Umgebung das politische Klima spürbar verändert?

Christopher Kloeble: Die Politik in Amerika ist ja sowieso schon sehr schwarz-weiß, sehr kontrastreich. Es gibt viele soziale Treffen, bei denen es eine generelle Regel gibt: Wir sprechen hier nicht über Politik. Das wird auch so gesagt, weil man merkt, dass die zwei Lager hier sehr weit voneinander entfernt sind, weiter als die Grünen von der CSU. Das ist mir sehr stark aufgefallen, auch im Verhältnis zu früher unter Bush. Die Leute sind vorsichtiger geworden beim Erwähnen politischer Aspekte oder beim Reden über Politik - selbst in einem relativ aufgeklärten Umfeld wie der Uni.

Denn man weiß, dass es, wenn eine politische Diskussion aufkommt und das Gegenüber nicht aus dem eigenen Lager ist, immer sehr heftig wird. Das hat so absurde Auswüchse, dass viele Menschen den Namen Trump gar nicht verwenden, sie sagen dann oft "President" oder umschreiben anders. Mich erinnert das an Harry Potter: Sprich den Namen Voldemort nicht aus, sonst rufst du ihn herbei!

In Deutschland gibt es diese Trennung viel stärker: Man kann verschiedener Meinung sein und sich trotzdem gut miteinander verstehen. Hier ist das nicht immer so. Man versucht generell, den gesellschaftlichen Umgang etwas anders zu gestalten, indem man mehr Freundlichkeit reinträgt, damit alles gut läuft. Wenn man erbittert diskutiert, dann ist das nicht zuträglich für einen gemeinsamen Abend.

Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Tucson (picture-alliance/AP Photo/R. D. Franklin)

Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Tucson im März 2016

Hat Trumps Präsidentschaft oder die geänderte gesellschaftliche Atmosphäre Auswirkungen auf Ihre Arbeitsbeziehungen, zum Beispiel auf die Interaktion mit den Studierenden?

Hier in Arizona ist es kompliziert. Tucson selbst ist ein blauer demokratischer Fleck im roten republikanischen Meer. Arizona ist ein sehr konservativer Staat. Seine Hauptstadt Phoenix ist eine Hochburg der Republikaner. Tucson ist traditionell sehr viel weiter links. Ganz früher gab es auch einige Hippie-Kolonien. Deswegen ist es hier im Ort natürlich ein bisschen angenehmer, aber es ist trotzdem relativ gemischt. Unter anderem deshalb, weil ein ganz großer Arbeitgeber der Gegend eine Militärbasis ist. Ich habe auch unter den Studierenden Leute, die zum Militär gehen werden, wenn sie das Studium beendet haben. Das ist also nicht so klar aufgeteilt.

Ein konkretes Beispiel, wo ich die Änderungen ganz stark gemerkt habe, ist, dass mein amerikanischer Verlag, der die Übersetzung meines letzten Romans in den USA herausgebracht hat, gesagt hat: Hinsichtlich der Zukunft haben wir Probleme. Unabhängige Verlage leben hier ja sehr von Privatinvestoren. Es gibt generell nicht viel staatliche Unterstützung für Literatur und Kunst in den USA.

Jetzt ist eine große Organisation weggebrochen, die meinem Verlag bei Übersetzungen von Büchern aus anderen Ländern sehr geholfen hat - weil der Geldgeber eher konservativ ist. Durch die Trump-Ära zeigt sich jetzt stärker, dass er zu seiner Einstellung steht. Vorher hat er sich eher zurückgehalten. Jetzt ist er deutlicher geworden und fragt: "Wofür brauchen wir denn eigentlich diese Übersetzungen alle? Wir haben doch schon so viele gute Sachen hier." Wenn man das in diesem Bereich merkt, dann ist das schon ein deutliches Zeichen. Denn an sich ist die Literatur ja eine ziemlich linke Welt. Aber selbst in dieser Sphäre gibt es das dann auch.

Wie schreibt es sich mit Trump an der Regierungsspitze?

Der US-Markt ist der größte Buchmarkt der Welt, heißt es, aber es kommen jährlich nur etwa drei Prozent Übersetzungen aus anderen Sprachen ins Englische heraus. Das ist natürlich eine absurd niedrige Zahl. Die Verleger denken hier: Wir haben ja schon aus jedem Kulturkreis einen Autor, der uns das direkt auf Englisch schreibt. Warum dann eine Übersetzung machen?

Ein Visumsstempel steht auf einer US-Flagge (picture alliance/dpa/blickwinkel/McPHOTO)

Fragen nach Facebook, Twitter und Co-Aktivitäten irritieren USA-Besucher

Ich bemerke im Austausch mit anderen Autoren die Sorgen, vor allem in Bezug auf die Auswirkungen der Überlegungen zur Änderung der Visa- und Einreisebestimmungen. Bei der Einreise müsste man den Behörden für ein Visum das Passwort für Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und solche Dinge geben. Das ist problematisch, denn wenn die Gesetzgeber damit durchkommen, kann man davon ausgehen, dass Autoren oder auch andere Leute zunehmend überlegen, was genau sie auf Facebook stellen, was genau sie twittern, und wie sie ihre Meinung kundgeben, wenn sie wissen: Oh, bei der nächsten Einreise in die USA kann der Grenzpolizist in mein Konto sehen. Und wenn ihm nicht gefällt, was er sieht, dann kann ich direkt wieder abreisen. Das kreiert eine Atmosphäre der Angst. Natürlich sagen die meisten: Ich lass' mich davon nicht einschränken! Aber wir wissen alle: Der ein oder andere wird sich sagen: Na gut, dann schreib ich das halt nicht auf Twitter, ich will ja keine Schwierigkeiten kriegen.

Hat Trumps Präsidentschaft Sie persönlich politisiert?

Was ich definitiv sagen kann: Für meine politische Haltung hat sie die Dinge fast ein bisschen leichter gemacht. Die Leute zeigen jetzt viel mehr Flagge - in beiderlei Hinsicht. Das heißt, dass Menschen wie der Mann, der dafür verantwortlich war, Übersetzung zu fördern, viel deutlicher zeigen, wo sie eigentlich stehen. Wenn man von manchen Leuten Aussagen hört, die teilweise auch rassistisch sind, weiß man jetzt genau: Aha, da stehst du. Man kann dann viel klarer gegen so jemanden vorgehen und sich gegen ihn äußern. Solche Menschen machen sich nun viel offensichtlicher zur Zielscheibe, es ist viel schwieriger geworden, im Grauen zu bleiben. Das war vorher nicht so. Ich kann jetzt politisch viel deutlicher dagegen Position beziehen. Das gilt natürlich nicht nur für die USA. Letztendlich ist das in Deutschland nicht so viel anders.

Sie haben ein Buch geschrieben, das den Titel trägt "Home made in India. Eine Liebesgeschichte zwischen Delhi und Berlin". Es soll im August erscheinen, und wie ich der Ankündigung entnehme, geht es um die Frage "Was ist Heimat?" Hat sich die Frage in den USA für Sie noch einmal neu gestellt?

Das ist für mich gar nicht leicht zu beantworten, denn ich war oft in den USA, seit ich klein war. Mein Vater ist als Nachkriegskind in der amerikanischen Besatzungszone aufgewachsen, mit einem sehr positiven Bild von Amerika als Befreier. Seine ersten Erinnerungen sind von einem amerikanischen Soldaten, der ihm Schokolade schenkte. Seit meiner Kindheit waren wir deshalb sehr oft in Amerika. Insofern ist es natürlich keine Heimat für mich, aber es ist zumindest so, dass ich viel mit Amerika aufgewachsen bin. Auch mit den Stigmata.

Ich finde auch, dass man sich Amerika genauer anschauen sollte. Wir tun es auch gerne ab und kritisieren Sachen, die wir nicht immer gut kennen. Das hat natürlich damit zu tun, dass man Amerika jeden Tag sieht, in den Nachrichten oder wenn man Cola trinkt. Und deswegen denken wir dann, wir kennen es gut. Aber das ist nicht unbedingt immer der Fall - es ist ein kompliziertes Thema.

Meine Sicht von Heimat hat es in der Hinsicht stark beeinflusst, wie es auch im Buch vorkommt: Ich bin meiner aus Indien stammenden Frau hier begegnet, und die meisten Menschen, die wir kennen, sind nicht nur einem einzigen Ort zuzuordnen, was ihre Heimat betrifft. Die Großeltern sind von dort, die Eltern von hier - und woher sind eigentlich ihre Kinder? Hier wird man in bestimmten Kreisen viel mehr daran erinnert, dass es idiotisch ist, zu sagen: Wir sind von hier, und du nicht. Wer ist denn wirklich von hier? Niemand ist das, und wenn überhaupt, dann die indigenen Völker. Heimat ist ein sehr problematischer Begriff, vor allem, wenn er so politisiert wird wie heute. Dazu hat nicht nur Amerika beigetragen, aber hier wird es einem viel stärker bewusst, da es von allen Parteien so wahnsinnig thematisiert wird: Make it great again! Welchen Teil meinen wir denn damit?

Aber natürlich gibt es ähnliche Tendenzen auch in Deutschland, bei gewissen Parteien. Und auch in Indien gibt es gerade wieder eine große Rückkehr zum Nationalismus und der Definition durch Abgrenzung zum Anderen. Wenn man selbst zu beiden Lagern gehört, kann man sich nicht gegen etwas Anderes definieren. Das ist natürlich ein Vorteil und ein Nachteil - je nachdem, in welchem Kontext.

Das Gespräch führte Sabine Peschel.

Christopher Kloeble studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für sein Romandebüt "Unter Einzelgängern" erhielt er den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung. Er hatte mehrere Gastprofessuren in den USA und in Großbritannien inne, unter anderem in Cambridge. Zuletzt erschien sein Familienepos "Die unsterbliche Familie Salz". Das Sachbuch "Home made in India" ist für den 4. August 2017 im Verlag dtv angekündigt.

Die Redaktion empfiehlt