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Europas Kulturhauptstädte

100 Lichter und 100 Gesichter

Mischa Kuball will eine Geschichte erzählen - über Migration in die Europäische Kulturhauptstadt 'Ruhr.2010'. Ein aufwändiges Projekt, für das der Künstler derzeit durchs Ruhrgebiet reist - im Gepäck: eine Lampe.

Familie Saeed in ihrem Wohnzimmer - mit der Lampe von Mischa Kuball (Foto: Egbert Trogemann)

Kuballs Lampe: auch Soba Toko aus Angola hat getauscht

"Soll ich mir die Schuhe ausziehen?" Mischa Kuball steht im Wohnzimmer der Familie Saeed, die aus dem Irak eingewandert ist - nach Moers im Ruhrgebiet. Normalerweise trage man hier keine Schuhe, sagt Zeynab, eine Tochter der Familie, aber Kuball könne sie ruhig anbehalten. Er zieht sie trotzdem aus. "Ohne Schuhe fühle ich mich wohler", sagt der Künstler. Kuballs Mitarbeiter machen sich gleich ans Werk. Sie stellen eine Lampe neben das Sofa auf deren metallenem Stiel eine helle Kugel sitzt. Das Licht, das sie abgibt, ist so warm wie das Tageslicht. Auf der Kugel steht die lateinische Inschrift: "Lux venit in mundum et dilexerunt homines magis tenebras quam lucem." Kuball übersetzt: "Das Licht kam in die Welt, aber die Menschen liebten die Dunkelheit mehr als das Licht."

Erzählung in Bild und Ton

Der Fotograf und Filmer Egbert Trogemann porträtiert die Familie Saeed, also Eltern, drei Kinder und zwei Enkel. "Heute ist nur die Hälfte von uns da", lacht Zeynab. Trogemann macht ein Foto der Familie auf dem Sofa und eines vom leeren Raum. Immer steht die Lampe in der Mitte. Sie ist Kuballs roter Faden. Der 50-jährige Düsseldorfer entwarf die Lampe eigens für das Projekt 100 Lichter/100 Gesichter – eine Erzählung über Migration. Sie ist Teil des Programms "Ruhr.2010". Die Stadt Essen ist im nächsten Jahr zusammen mit dem Ruhrgebiet Europäische Kulturhauptstadt.

Auch Soba Toko aus Angola tauschte seine Geschichte gegen Mischa Kuballs Lampe (Foto: Egbert Trogemann)

Familie Saeed in Moers

Vor laufender Videokamera erzählen Tochter Zeynab und Sohn Ammar ihre Familiengeschichte. Als irakische Kurden wurden die Eltern unter Saddam Hussein ausgegrenzt und in den Iran vertrieben. Auch dort erhielt Mutter Sahera keine Staatsbürgerschaft. 1986 zogen die Saeeds auf der Suche nach einem besseren Leben nach Deutschland. Gleich mehrmals dankt Vater Mohammad während des Interviews dem deutschen Volk für die freundliche Aufnahme. Der Irak sei ein Paradies gewesen, aber der Krieg habe alles verändert, sogar die Menschen, die dort leben. Und doch ist da diese Sehnsucht nach der Heimat, nach den Verwandten. Am Ende des Gesprächs kommen der Mutter die Tränen.

Ein ungleicher Tausch

Mohammad und Sahera sprechen Arabisch, die Kinder übersetzen. Denn die Eltern haben in mehr als zwanzig Jahren in Deutschland nie gut Deutsch gelernt. Ihnen war wichtiger, dass die Kinder fließend Arabisch sprechen, damit sie es an die Enkel weitergeben können. Und so spricht auch die dritte, in Deutschland geborene Generation im Hause Saeed die Sprache der alten Heimat, die zum kriegsgeschüttelten Alptraum geworden ist. Doch schon für die zweite Generation heißt die eigentliche Heimat Deutschland. Er sei "noch deutscher als die Deutschen", sagt Ammar. Er ist Mitglied bei einer politischen Partei, diente zweieinhalb Jahre in der Bundeswehr, studierte in Deutschland und umgibt sich hauptsächlich mit Deutschen. Wenn er ins Ausland fährt, sehnt er sich nach wenigen Tagen zurück.

Porträt Mischa Kuball (Foto: Yun Lee)

Mischa Kuball

108 Familien oder Einzelpersonen aus 108 verschiedenen Ländern will Kuball besuchen und dabei Geschichten sammeln, die sich zu einer großen Erzählung über Migration fügen. Der Künstler sieht seine Besuche als einen ungleichen Tausch einer materiellen Lampe gegen eine immaterielle Geschichte. Jedes Familienfoto und jeder Film, der dabei entsteht, wird mit einem Exemplar von Kuballs Lampe ausgestellt. Das Endergebnis soll im Jahr 2010 in der Bochumer Ruhr-Universität, dem Lehmbruck-Museum in Duisburg und dem neuen Kulturzentrum im Dortmunder U zu sehen sein. Kuballs Ziel ist es, die Komplexität von Migration im Ruhrgebiet zu zeigen. Gastarbeiter aus Polen, dem ehemaligen Jugoslawien oder der Türkei machen eben nur einen kleinen Teil der Erzählung aus.

Das Licht bleibt

Seit über 20 Jahren macht Mischa Kuball Kunst aus Licht. Schon einmal tauschte er dabei Lampen. Für die Biennale de São Paulo 1998 brachte er brasilianischen Familien eine selbst entworfene Lampe mit und nahm die vorhandene Lampe, um sie auszustellen. "Licht ist für mich eine überreligiöse Metapher, die keinen ausschließt", sagt Kuball. Beim Projekt 100 Lichter/100 Gesichter steht das Licht für die Erkenntnis, der sich die Menschen verweigern. Sie wüssten zu wenig über Migration und beschäftigten sich nicht damit, meint Kuball, und aus ihrer Unwissenheit entstehe Ausgrenzung: "Wir haben in Deutschland immer noch große Schwierigkeiten, eine Gemeinschaft zu bilden, die eine Gemeinschaft für alle ist."

Immerhin: Die Eltern, Kinder und Enkel in Familie Saeed haben alle ihren Platz in Deutschland gefunden. Sie wissen, wie es ist, an einem fremden Ort aufgenommen zu werden. Und sie wollen etwas zurückgeben. Der Migrant bei Familie Saeed ist die Lampe neben dem Sofa.

Autor: Aarni Kuoppamäki

Redaktion: Petra Lambeck

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