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Kultur

100 Jahre und kein bisschen leise

Amerikanischer Schrott oder Heavy Metal auf Asphalt? Seit 1903 baut Harley Davidson die umstrittensten Motorräder der Welt. Für die meisten Kunden ist ihre Harley kein Transportgerät, sondern eine Weltanschauung.

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Mit der Harley on Tour ...

Es ist ein Sound, der Millionen in seinen Bann zieht: Das tiefe Brummen, mit dem eine Harley-Davidson ihren Besitzer beim Anlassen begrüßt. Das satte Rumoren, das sie beim Drehen des Gasgriffs von sich gibt. Das ohrenbetäubende Knattern, mit dem sie sich in Bewegung setzt. Musik in den Ohren eines jeden Motorrad-Liebhabers, zu hören in der Telefon-Warteschleife der Harley Davidson Motor Company, Milwaukee, Wisconsin. Sogar zum Patent hat die Firma diese Motoren-Symphonie einmal angemeldet. Heute kümmern sich Akustik-Designer rund um die Uhr darum, dass die Harley weiter so klingt, wie nur eine Harley klingt: Born to be wild.

Opulente Geburtstagsparty

Open Road Tour Harley Davidson Motorrad Promotion Girls

Open Road Tour Harley Davidson

Schließlich ist das Motorengeräusch der Soundtrack einer Erfolgsgeschichte, die sich Hollywood nicht schöner hätte ausdenken können. Zum hundertsten Firmenjubiläum hat Amerikas letzter Motorradhersteller jede Menge Gründe, sich mit einer Neun-Städte-Tour über vier Kontinente und einer opulenten Party mit über einer Million Gästen selbst zu feiern. Mehr als eine Milliarde Euro Profit hat Harley Davidson im vergangenen Jahr gemacht – seit 16 Jahren schreibt man einen Rekordgewinn nach dem anderen - und den Marktforschern zufolge sind die Bikes Made in USA heute hinter Coca-Cola und Microsoft drittstärkste Marke der Welt.

Ein Motorrad aus der Tomatenbüchse

Open Road Tour Harley Davidson Motorrad

Open Road Tour Harley Davidson

Von all dem ahnten William S. Harley und die drei Davidson-Brüder Arthur, William und Walter nichts, als sie im Sommer 1903 in einer Hinterhofklitsche die sagenumwobene "Number One" zusammennagelten. Schließlich war dieses Gefährt nicht mehr als ein Fahrrad mit angebasteltem Motor; den Vergaser baute Harley aus einer alten Tomatenbüchse. Drei PS soll der motorisierte Drahtesel geleistet haben, und ebenso viele Bikes verkauften Harley und die Davidsons im ersten Jahr. Der Siegeszug der Firma begann erst 1909, mit der Einführung des Zweizylindermotors. Anschließend stürmten die Harleys im Zweiten Weltkrieg zunächst Europa, danach die Soldatenherzen und schließlich die Filmleinwände, als Peter Fonda und Dennis Hopper den Mythos der Easy-Rider-Gefährte schufen.

Dinosaurier auf zwei Rädern

Open Road Tour Harley Davidson Motorrad

Open Road Tour Harley Davidson

"Wir verkaufen Träume, die Harley gibt's umsonst dazu", sagte damals der Deutschland-Importeur Klaus Zobel – und dieses Motto schien das Unternehmen anfangs der 1980er-Jahre wörtlich zu nehmen. Denn neben der Konkurrenz aus Fernost wirkten die überalterten Edelbikes wie schwerfällige Dinosaurier. Für die Käufer wurde ihr American Dream zum Albtraum. Den Spruch "Eine Harley verliert kein Öl, sie markiert nur ihr Revier" fanden selbst die hartgesottenen "Hells Angels" nicht mehr witzig. 1981 stand die Firma vor dem Bankrott. Erst in letzter Sekunde kauften 13 führende Mitarbeiter das Unternehmen auf, überredeten die US-Regierung zu drakonischen Strafzöllen auf Motorrad-Importe und überarbeiteten das Innenleben der museumsreifen Maschinen.

Viel Lärm um nichts?

Open Road Tour Harley Davidson Motorrad

Open Road Tour Harley Davidson

Dennoch sei eine Harley auch heute noch mehr Lärm als Motorrad, spotten Kritiker: Zu schwer, zu langsam, zu reparaturanfällig – und dazu rund 50 Prozent teurer als ein vergleichbares Zweirad aus Japan. Doch wen interessiert das schon, wenn man dafür ein Stückchen Lifestyle kaufen kann? "Harley fahren ist wie ein lebenslanges Abenteuer", sagt William Davidson, Chefdesigner und Enkel eines Firmengründers. "Diese Motorräder haben etwas Magisches. Sie sind eiserne Rösser der Moderne."

Böse Buben aus der Retorte

Open Road Tour Harley Davidson Motorrad

Open Road Tour Harley Davidson

Die Kunden lieben offenbar diese Marketing-Slogans. Denn seit den 1990er-Jahren gönnen sich immer mehr Amerikaner eine Harley. Es sind vor allem Männer Mitte 50, die sich ihren Freiheitstraum aus Chrom und Stahl erfüllen; Alt-68er, die sich die Spaßmaschine nach erfolgreichem Marsch durch die Institutionen nun endlich leisten können. Für diese Broker, Anwälte, Zahnärzte ist die Harley ein perfektes Fluchtfahrzeug raus aus der Welt ihrer klimatisierten Büros, gepflegten Vorgärten und Produkthaftungsklagen.

Denn es ist so einfach, ein "Bad Boy" zu werden: Das garantiert abwaschbare Tattoo auf den Arm geklebt, das Adler-T-Shirt über den Wohlstandsbauch gestreift, die Marlboro ins Gesicht gesteckt, auf den Bock geschwungen – schon ist er fertig, der Asphalt-Cowboy, vergessen die Midlife-Crisis. Die Route 66 wartet. Und bei dem Sound werden dem neidischen Nachbarn garantiert die Ohren abfallen.

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