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Europa

100 Jahre Jugendherberge

100 Jahre gibt es sie nun schon in Deutschland, die Jugendherbergen. Bei diesem Stichwort denkt so manch einer sofort an Hagebuttentee, ungemütliche Schlafsäle oder den Geruch von Bohnerwachs. Aber ist das heute noch so?

Die Rezeption der Jugendherberge Köln-Deutz (Foto: DJH Rheinland)

Warten auf den Check-In

Eine der modernsten Jugendherbergen Deutschlands steht in Köln-Deutz. Ein weißes Hochhaus mit sieben Stockwerken und 500 Betten. Drei junge Frauen in schicken schwarzen Outfits wirbeln hinter der Rezeptionstheke.

Typisch Jugendherberge

Vier Jugendliche unterhalten sich mit einer Frau hinter der Rezeptionstheke

Ankommen und Schlüssel abholen: Der erste Schritt führt an die Rezeption

An der Rezeption steht eine Traube von Schülern, alle ziehen Rollköfferchen hinter sich her. Mit Engelsgeduld beantworten die Frauen an der Rezeption jede Frage – stets freundlich, denn sie sind schließlich Profis aus dem Hotelfach. Nachdem die Schlüssel verteilt sind, rollert Klasse 9 aus Norddeutschland in Richtung Lift.

Im zweiten Stock wird es hektisch. Eine kleine rundliche Frau mit hochrotem Gesicht macht ihren Schülern Dampf: Die Damen von der Rezeption hätten gesagt, um elf Uhr kämen die nächsten Gäste. Schließlich ist es schon fünf nach halbzehn – vor fünf Minuten war eigentlich Check-Out Zeit.

Eingangshalle der Jugendherberge in Köln-Deutz (Miriam Klaussner)

Geräumig wie eine große Hotellobby: Die Eingangshalle der Jugendherberge in Köln-Deutz

Die 15-Jährigen bleiben cool, reiben sich den Schlaf aus den Augen. Der kleine Florian ist der Letzte, der hastig die restlichen Klamotten von seinem Bett sammelt. Ihm habe es hier gefallen, sogar Nachttischlampen habe es gegeben, erzählt er.

Florian zeigt auf die Holz-Stockbetten und auf die abschließbaren Schränke. Das Zimmer sei zwar nicht riesig, aber habe ein eigenes Bad. In modernen Jugendherbergen wie hier in Köln-Deutz ist das Standard.

Punkte für das Jugendherbergs-Essen

Essensausgabe in der Jugendherberge Köln-Deutz (Foto: DJH Rheinland)

Kein Hagebuttentee und Knäckebrot: In modernen Juhes gibt es variationsreiche Buffets

Florians Klasse hat nun ausgecheckt. Neben der Rezeption stehen Jugendliche in Grüppchen herum und warten auf ihre Lehrer. Der Empfangsraum der Jugendherberge – kurz Juhe – hat etwas von einer Hotellobby, aber er ist größer. Drei Schulklassen passen locker hinein. Ledersofas gibt es keine – stattdessen Holzhocker, abgeschirmt hinter Raumtrennern. Dort fläzen sich gerade Svenja und ihre Mitschüler, daneben sitzt eine Klasse aus England. Alle sind sechzehn Jahre alt und im Einheitslook: Jeans, Turnschuh, Trekkinganorak.

Wie es ihnen in der Jugendherberge gefällt? Die Engländer erzählen, dass das Wort "Hostel“ bei ihnen eine negative Bedeutung habe. „Englische Hostels sind kleiner und dreckiger“, bemerken sie. Die deutschen Schülerinnen heben besonders den Kakao hervor – auch das Essen sei gut in der geräumigen Jugendherberge.

Svenjas Freundin Yvonne macht sich in der Hoffnung, noch etwas Essbares zu ergattern, auf den Weg in den Speisesaal. Doch es ist schon nach neun Uhr, das Buffet mit Cornflakes, Brötchen und Kakao ist schon abgeräumt. Frühstück ist übrigens im Preis enthalten, 25 Euro kostet das günstigste Bett. Und Küchendienst muss in Jugendherbergen schon lange keiner mehr machen. Hier in Köln sind dafür 40 Profis angestellt.

Modernität auf Kosten des Gemeinschaftssinns?

Herbergsleiter Ulrich Paulinski (Miriam Klaussner)

Herbergsleiter Ulrich Paulinski

In der Lobby diskutiert nun auch Yvonnes junger Lehrer Oliver Stolle mit über die „neuen“ Jugendherbergen: "Die Juhe ist wirklich wie ein Hotelbetrieb“, meint er. Nur die Getränkeautomaten, an denen man immer mal einen Euro bezahle, würden auf Dauer ins Geld gehen. Früher seien die Getränke umsonst gewesen.

Lehrer Oliver Stolle ist etwa zehn Jahre älter als seine Schüler, aber im Gegensatz zu ihnen kennt er noch die Jugendherbergen von früher, mit Hagebuttentee und Küchendienst. Aber eben auch mit Spieleabend, Tischtennisturnier und Lagerfeuer. Dem neuen Komfort würden die Gemeinschaftsaktivitäten zum Opfer fallen, meint Stolle. "In den älteren Juhes war das der Vorteil, ich weiß nicht, ob das immer so ein Nachteil ist, wenn man Küchendienst hat.“

Diesen Kommentar hat nun auch ein älterer Herr mitbekommen. Er ist der Herbergsleiter Ulrich Paulinski. "Es fängt schon bei der Begrüßung an, wenn man kümmert und fragt wie es denn war. Die Gemeinschaft ist schon noch da“, meint er. Das sei das Wichtigste, auch wenn man es nicht immer so fördern könne, wie man es wolle.

Bei über 500 Gästen ist das auch nicht so leicht. Paulinski versucht zumindest, junge Menschen zusammenzubringen. Schließlich war das ursprünglich Sinn und Zweck der Jugendherbergen. Das schicke Bistro oben, die Disko, die Lobby – theoretisch kann man auch in modernen Juhes wie hier in Köln Leute treffen. Aber Lagerfeuer mit Gitarre und Schnitzeljagd – das war einmal. Heute gibt es Sightseeing, Film und Musicals. Paulinski zeigt nach oben, auf ein Büro, das mit Filmpostern tapeziert ist.

Reisebüro inklusive

Burg Altena - die erste Jugendherberge der Welt (ullstein bild - Imagebroker.net)

Die Burg Altena - erste Jugendherberge der Welt

Nebenan sitzt eine Dame im grauen Kostüm hinter einem Schreibtisch in einem Haufen von Straßenkarten. "Wir buchen für die Klassen alles, die kriegen dann Voucher, und Stadtpläne, da ist alles markiert“, sagt sie. Die moderne Juhe hat also gleich noch ein Reisebüro mit im Haus. Früher mussten die Betreuer alles selbst organisieren. "Das ist für die Lehrer zu aufwendig, die haben ja auch wahnsinnig viel zu tun“, meint die Reisedame. Diesen Service gibt es woanders selten für Schulklassen.

Unten an der Rezeption checkt Paulinskis Kollegin die Liste. Heute hätten sie 254 Anreisen, das heißt 307 Personen, bemerkt sie. 300 Anreisen sei normal, meint die Dame an der Rezeption. Hauptsächlich seien es Schulklassen oder Tagungsgäste, dann Familien. Junge Einzelgäste erwähnt sie nicht. "Wir haben vielleicht noch zwei 4-Bett-Zimmer frei, aber ansonsten ist es ausgebucht.“ Die meisten reservieren, aber ab und zu verirren sich auch mal ein paar Rucksacktouristen, die nicht reserviert haben…

Autorin: Miriam Klaussner
Redaktion: Mareike Röwekamp

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