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Wirtschaft

100 Jahre Chemie in Leuna

Die chemisch-pharmazeutische Industrie gehört mit fast 450.000 Beschäftigten zu den wichtigen Wirtschaftszweigen in Deutschland. Einer der größten Chemie-Standorte liegt in Leuna. Er ist heute ein Vorbild für den Wandel.

Es war ein Meilenstein in der inzwischen 100-jährigen Geschichte von Leuna. Am 25. Mai 1994 griff Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) auf einem Feld in Spergau zur Schippe - zum symbolischen Baustart für die damals fünf Milliarden D-Mark teure Raffinerie. Das deutsch-französische Mega-Projekt galt als das größte der Nachkriegszeit.

Deutschland Kohl beim Spatenstich für die Raffinerie Leuna 2000, Foto: dpa

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl beim Spatenstich in Leuna

Fast 22 Jahre nach Kohls Spatenstich kommt nun Angela Merkel nach Leuna. Sie spricht beim Festakt "100 Jahre Chemiestandort Leuna" an diesem Donnerstag (3. März) - und will sich ein Bild der vom Altkanzler einst versprochenen "blühenden Landschaften" machen.

Auf und ab in Leuna

Die Historie des Riesenwerks im Süden von Sachsen-Anhalt ist von Höhen und Tiefen, Licht und Schatten geprägt. Heute sieht die Branche Leuna als einen Vorzeigestandort für den Wandel. Mehr als 100 Firmen - darunter international tätige Großunternehmen wie der französische Mineralölkonzern Total oder der belgische Chemiekonzern Domo – haben sich auf dem 1300 Hektar großen Areal angesiedelt.

DDR Walter Ulbricht VEB Leuna-Werke

Der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht besuchte 1962 die Leuna-Werke

Zu DDR-Zeiten waren die einstigen "VEB Leuna-Werke Walter Ulbricht" und andere Chemie-Großkombinate wie im benachbarten Schkopau (Buna), Bitterfeld, Wolfen und Böhlen ziemlich heruntergewirtschaftet worden. Nach der Wende ging es jedoch wieder bergauf.

Seit 1990 wurden insgesamt mehr als sechs Milliarden Euro am Standort Leuna investiert, berichtet Christof Günther, Geschäftsführer der Infrastruktur- und Servicegesellschaft Infraleuna GmbH. Zu einem der wichtigsten Ereignisse gehört für ihn der Neubau der Raffinerie.

Das Projekt sorgte später für Aufsehen im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre und damit verbundenen angeblichen Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe aus Frankreich. Altkanzler Kohl verwahrt sich bis heute gegen Bestechungsvorwürfe.

Heute: eine Erfolgsgeschichte

"Heute steht Leuna sehr gut da", sagt Günther. "Wir haben hier aktuell so viel Baugeschehen wie seit langem nicht mehr, die Anlagen unserer Firmen hier sind gut ausgelastet." Pro Jahr werde ein Umsatz von rund zehn Milliarden Euro erwirtschaftet.

Investitionen von 200 Millionen Euro kommen seinen Angaben zufolge derzeit von Firmen und aus der Gesellschaft selbst. Dazu zählten der Aufbau neuer Geschäftsfelder, die Erweiterung von Anlagen, Kapazitäten in der Logistik sowie die Modernisierung der Infrastruktur mit kilometerlangen Rohrleitungen.

Raffinerie Total in Leuna, Foto: dpa

Total beschäftigt am meisten Mitarbeiter in Leuna

Größte Arbeitgeber sind laut Günther die heute als Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH firmierende Erdölverarbeitungsanlage – dort werden aus Rohöl, das per Pipeline aus Russland geliefert wird, vor allem Kraftstoffe wie Benzin und Diesel sowie Heizöl hergestellt, das Zentrum für technische Gase der Linde AG sowie der belgische Chemie- und Faserproduzent Domo. Zudem hätten sich viele Mittelständler und auch kleinere Unternehmen etabliert.

Erfolgskonzept: Spezialisierung

"Die Strategie unserer Firmen ist richtig, sich im globalen Wettbewerb als Spezialanbieter ihre Nischen zu sichern, um damit auch die Austauschbarkeit ihrer Erzeugnisse mit Massenproduzenten wie aus China zu vermeiden", erklärt Standortchef Günther. Ein Vorteil sei dabei das Verbundsystem von Leuna, wo an Ort und Stelle Rohstofflieferanten und Produzenten eng kooperieren können.

Im Zuge des Strukturwandels der ostdeutschen Branche nach 1990 sei Leuna - "eigentlich aus der Not geboren" - zu einem Vorreiter der Chemieparks geworden, von denen es bundesweit von Ludwigshafen bis Bitterfeld knapp 40 gibt, sagt Torsten Kiesner, Sprecher des Landesverbandes Nordost im Verband der Chemischen Industrie. Frühere Kombinate wurden von der Treuhand in Einzelteilen verkauft. Zudem siedelten sich an den dann sanierten Alt-Standorten oder auf der grünen Wiese nebenan neue Firmen an.

Ammoniak, Sprengstoffe, Strümpfe - Zwangsarbeiter

Das Leune Werk, historisches Bild, Foto: BASF

Wechselvolle Geschichte in Leuna

Die Geschichte von Leuna begann 1916 mit dem Bau einer Ammoniakfabrik im Auftrag der BASF. Aus Ammoniak wurden Düngemittel und auch Sprengstoffe hergestellt. Verbunden mit Leuna sind Erfindungen wie der Grundstoff von Perlon für die Strumpfindustrie oder synthetische Treibstoffe auf Basis von Braunkohle als Erdöl-Ersatz.

Aber auch großes Leid und Grauen gehören zur Geschichte des Industriestandorts südlich von Halle. So dienten Produkte wie das Leuna-Benzin in der NS-Zeit der Kriegsmaschinerie. Tausende Zwangsarbeiter mussten außerdem in Fabriken in Leuna unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, wurden in Lagern wie in Spergau gepeinigt, wie Dokumente belegen.

Der Wandel des Standorts und der Branche nach dem Ende der DDR ging dann erneut mit einigem Kummer einher: Zehntausende Arbeitsplätze fielen mit der Stilllegung und dem Abriss maroder Anlagen weg. Alternativ-Jobs gab es kaum. Die Region im Saalekreis leidet trotz Milliardeninvestitionen, die zum Großteil vom Steuerzahler mitsubventioniert wurden, noch immer unter Arbeitslosigkeit. Mit 9,5 Prozent lag die Erwerbslosenquote im Saalekreis im Januar 2016 allerdings unter der Quote von Sachsen-Anhalt (10,9 Prozent).

In Zukunft: Vorprodukte der Chemieindustrie im Visier

Deutschland Verwaltungsgebäude des Chemieparks Leuna

Verwaltungsgebäude des Chemieparks Leuna

Computer und moderne Steueranlagen sind auch in der Chemie angesagt, um dem Kosten- und Wettbewerbsdruck durch die Billigkonkurrenz etwa aus Asien standhalten zu können. Die Leuna-Raffinerie - seit 1997 in Betrieb - will sich künftig angesichts tendenziell sinkender Kraftstoffverbrauche spritsparender Motoren auch noch mehr auf die Produktion von Vorprodukten für die Chemieindustrie konzentrieren.

Ihr Bau war letztlich eine politische Entscheidung. "Es bedurfte des Kanzlerworts von Helmut Kohl und von (Frankreichs damaligem Präsidenten) François Mitterrand", sagt Sprecher Stefan Möslein. Hintergrund: Der damalige Investor Elf Aquitaine (Paris) soll damals vorübergehend von seinen Ursprungsplänen abgerückt sein.