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Fokus Osteuropa

10 Jahre Kriegsende in Kroatien: Gespaltene Meinungen in Zagreb und Belgrad

Zagreb und Belgrad streiten um die angemessene Bewertung der kroatischen Militäroperation „Sturm“. Doch die Diskussion steht auf einer falschen Grundlage, meint Andrej Smodis in seinem Kommentar.

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In einem sind sich alle einig: die kroatische Militäroffensive 1995 war der Anfang vom Ende der modernen Balkankriege. Die Operation "Sturm", wie sie in Kroatien genannt wird, hat effektiv die schwelenden Kampfhandlungen im Land beendet. Der militärische Gegner, die selbsternannte Regierung der von den Serben so genannten "Republik Serbische Krajina", setzte sich geradezu panikartig in Richtung Osten ab. Die serbischen Truppen, eine Mischung aus ex-jugoslawischen Armee-Einheiten und paramilitärischen Gruppen, leisteten nur wenig Widerstand und flohen ebenfalls.

Mit der Operation "Sturm" wurde auch das Ende des Krieges in Bosnien eingeleitet. Plötzlich hatten die serbischen Militärführer in Bosnien in ihrem Rücken kroatische Regierungstruppen, anstelle der mit ihnen verbrüderten kroatischen Serben-Milizen. Diese kroatischen Regierungstruppen und die bosnische Armee erhöhten den militärischen Druck in den folgenden Monaten so sehr, das letztlich alle Beteiligten an den Verhandlungstisch in Dayton gezwungen wurden. Schon im Dezember war auch der Bosnienkrieg zu Ende.

Unterschiedliches Gedenken

Hier allerdings hat die Einigkeit ein Ende. In der Bewertung der vier Tage währenden Operation "Sturm" gehen die Meinungen vor allem zwischen Zagreb und Belgrad weit auseinander. In Kroatien ist das zentrale Thema bei den Jubiläumsfeiern die Herstellung der Souveränität auf dem gesamten Territorium vor zehn Jahren. Dabei werden die Vertreibungen der serbischen Zivilbevölkerung und die zivilen Opfer der Militäraktion beinahe völlig verdrängt. Bis heute ist auch nur ein sehr kleiner Teil der ethnisch-serbischen ehemaligen Bevölkerung nach Kroatien zurückgekehrt.

In Serbien wiederum werden die 200.000 Vertriebenen und die etwa 1.000 zivilen Opfer zum einzigen Fokus des Kroatienkrieges gemacht. Und auch auf dieser Seite wird verdrängt: nämlich, dass die selbsternannte Regierung der Krajina-Serben 1991 über 200.000 ethnische Kroaten aus der Krajina vertrieben hatte und dass auch hier die zivilen Opfer in die Hunderte gingen - und das alles mit Hilfe von Freischärlern aus Serbien und mit Unterstützung der damals von Belgrad kontrollierten Armee.

Keine Aufrechnung möglich

Es wird höchste Zeit, die politische Bewertung zu trennen von der rechtlichen Beurteilung. Auch während einer legitimen militärischen Aktion kann es zur Verletzung von Völkerrecht und von Menschenrechten kommen. Das stellt nicht unbedingt diese Aktion in Frage, aber die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden, ob vor dem Tribunal in Den Haag oder vor anderen Gerichten. Diese Einsicht setzt sich in Kroatien nur sehr langsam durch.

Auf der anderen Seite wiederum können Verstöße gegen Recht und Menschlichkeit in der Vergangenheit nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Der serbische Präsident hatte noch vor wenigen Wochen, zum Gedenktag von Srebrenica, die Täterrolle seitens des serbischen Militärs zugestanden. Doch nun erwähnt er die Rolle Belgrads in den Vertreibungen 1991 in Kroatien nicht - eine verpasste Gelegenheit, sich mit einem Eingeständnis in eine moralisch stabile Position zu bringen. Stattdessen fordert er lieber die Kroaten auf, sie sollten ihre Versäumnisse zugeben, und stellt sogar einen Vergleich mit dem Massaker von Srebrenica an. Schuldanerkenntnis als Ware, um die gefeilscht werden kann. Ein sehr trauriges Signal.

Man wird miteinander auskommen müssen auf dem Balkan - seine Nachbarn kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Und der Weg dahin führt nur über das eigene Gewissen. Die vermeintlichen Fehler des anderen anzuprangern führt nicht zum Ziel. Jeder muss seine eigenen Fehler und Verbrechen aufarbeiten. Nur dann kann langsam ein Geist der Versöhnung das Feld für ein echtes Zusammenleben ebnen.

Andrej Smodis

DW-RADIO/Serbisch, 4.8.2005, Fokus Ost-Südost