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Politik

09/11 revisited

Es ist eine Frage des guten Geschmacks, ob man mit den Anschlägen vom 11. September Wahlkampf machen sollte. Aber: 09/11 – und die Tage danach – gelten als die große Stunde des George W. Bush.

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In jenem Moment, drei Tage nach den Terrorangriffen auf New York und Washington, als Bush am Ground Zero mit einer einfachen Windjacke bekleidet, das Megaphon ergriff, die andere Hand um einen der zahlreichen Rettungskräfte legte und der Nation in ihrer schwersten Stunde Mut und Trost zusprach - da war Bush wirklich authentisch. Wirklich gut.

In einer Serie von Wahlkampfspots, die Bush für knapp fünf Millionen Dollar produzieren ließ, wird nun zu sanfter Musik und in patriotisch schillernden Farben an die Katastrophe des 11.Septembers erinnert und Bush als Schutzherr der Nation stilisiert. Doch das Kalkül der republikanischen Spindoktoren ging nicht auf, der Propagandaschuss ging nach hinten los.

Die Hinterbliebenen wehren sich

Die Angehörigen der Opfer liefen gegen die Werbespots Sturm, sahen das Leid ihrer Liebsten zu billigen Propagandazwecken missbraucht. Sogar die Gewerkschaft der New Yorker Feuerwehrleute, im Anschluss an die Katastrophe des 11. Septembers als Helden gefeiert, protestierte heftig. Auch wenn ihr Protestgeheul insofern nicht ganz überzeugend wirkte, weil sie im Vorwahlkampf John Kerry unterstützen. Nun kann man getrost der Ansicht sein, dass Präsident Bush die USA durch seine aggressive Außenpolitik keineswegs sicherer gemacht hat.

Nichts geht ohne 09/11

Das Thema aus dem Wahlkampf auszuklammern hieße jedoch, das wichtigste Ereignis seiner Amtszeit schlichtweg zu ignorieren. Bush hat die Aufarbeitung der Vorgeschichte des 11.Septembers bislang eher behindert als voran getrieben. Er weigerte sich lange, überhaupt vor der Untersuchungskommission auszusagen und wird dies nun nur für eine Stunde und unvereidigt tun. Darauf hinzuweisen, haben die Angehörigen der Opfer jedes Recht. Zu glauben, Bush würde darauf verzichten, dieses Ereignis wach zu rufen, dass sich ohnehin ins kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt hat, wäre jedoch naiv.

Immerhin waren seine Umfragewerte damals phänomenal. Außerdem hat der 11. September die Außenpolitik der USA maßgeblich verändert und zwei Kriege herauf beschworen. Darüber müssen und sollen die Amerikaner in diesem Wahlkampf diskutieren. Fragen des guten Geschmacks haben darüber hinaus in der Politik noch nie eine besondere Rolle gespielt.

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