1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschlehrer-Info

Übungsroboter als Hilfslehrkräfte

Der Marburger Anglistik-Professor Jürgen Handke experimentiert in seinen Lehrveranstaltungen mit Robotern als Hilfsdozenten. Kritiker sehen die Gefahr einer inhumanen Lehre und warnen vor einer Rationalisierung.

Naos Augen leuchten himmelblau. Das bedeutet, er ist ansprechbar. Momentan habe ich Ferien und mache Pause“, sagt er mit seiner blechernen Stimme. Auch ein Roboter hat mal frei. Nao sieht aus wie ein Plastik-Superman. „Das ist unser Übungsroboter“, erklärt Jürgen Handke. Der Marburger Anglistik-Professor experimentiert in seinen Lehrveranstaltungen mit Maschinen wie Nao und seinem Roboterkollegen Pepper.

Humanoide im umgedrehten Unterricht

Handke ist einer der Vorreiter der digitalen Lehre an Hochschulen. 2015 erhielt er den Ars legendi-Preis für den Bereich Digitales Lehren und Lernen. In seinen Kursen setzt er das Modell des „Inverted Classroom“ ein, des„umgedrehten Unterrichts“: Alle Lehrinhalte stehen digital zur Verfügung, als Texte, Videos oder Selbsttests. Die Studierenden nutzen soziale Netzwerke und lesen die Literatur online. Zu einer Präsenzphase kommen sie an die Uni. „Die Studenten löchern mich dann mit Fragen“, erzählt Handke. Er hat sich Gedanken über eine Unterstützung in den Seminaren gemacht: Die beiden Roboter Nao und Pepper sollen bei Übungen helfen, abfragen und auf Prüfungen vorbereiten.

Computer mit Kindchenschema

Nao ist etwa 60 Zentimeter groß. „Sit down“, befiehlt der Wissenschaftler, und der Roboter setzt sich etwas umständlich hin. Nao sieht niedlich aus: großer Kopf, Kulleraugen. In einer ersten Untersuchung wollten die Marburger wissen, wie Menschen auf solche Roboter reagieren: „Positiv, total verliebt“, sagt Handke, denn das Aussehen entspricht dem Kindchenschema. Im Nebenraum zu Handkes Büro steht Pepper, größer als Nao, weniger menschlich, mit einem Bildschirm vor dem Bauch. Er bewegt sich auf Rollen. Im Wintersemester 2017/2018 will Handke ihn im Kurs „History of English“ einsetzen. Pepper soll die Studierenden zum Beispiel abfragen. Er kann ihnen einen Text vorgeben und fragen: „Welches Phänomen ist im ersten Satz zu finden?“ Die Studierenden wählen eine Antwort am Bildschirm aus, und Pepper gibt das Feedback: „Toll,das ist korrekt“ oder „Falsch, dieser Fehler wird oft gemacht.“ Der Roboter ist in der Lage, die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer wiederzuerkennen, und weiß, auf welchem Wissensstand sie sich befinden. Er erkennt Lernfortschritte und empfiehlt passende Aufgaben.

Pädagogisch abwegig

Matthias Burchardt, Bildungsforscher an der Universität Köln, hält den Einsatz von Robotern an Hochschulen hingegen für „pädagogisch abwegig“. „Schulen und Hochschulen mangelt es nicht an Geräten, sondern an gut ausgebildeten Lehrenden“, sagt er. Burchardt sieht die Gefahr einer inhumanen Lehre. Schon das Modell des „umgedrehten Unterrichts“ mit der digitalen Vorbereitung allein zu Hause sei eine Reaktion auf den Personalmangel. „Es ist beschämend, dass wir uns in einem so reichen Land keine bessere Betreuungsrelation leisten wollen.“ Außerdem gebe es starke ökonomische Interessen von Konzernen, die Digitalisierung an Schulen und Hochschulen voranzutreiben. „Wovon wir aber leben, sind die zutiefst menschlichen Beziehungen“, sagt Burchardt.

Nicht den Menschen ersetzen

„Wir werden mit diesen Maschinen zusammenleben. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.“ Davon ist Handkes Mitarbeiter Peter Franke überzeugt. Die Maschinen sollten den Routine-Kram erledigen. „Aber wir wollen nicht den Menschen ersetzen.“


epd/mk/sts

Die Redaktion empfiehlt