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Ostmitteleuropa

Überschwemmung durch Boulevard-Journalismus?

- Medien-Situation in den neuen EU-Ländern

Bonn, 10.5.2004, DW-RADIO, Andreas Noll

Die Europäische Union ist ein anspruchsvoller Club. Wer ihm beitreten will, muss nicht nur 80 000 Seiten Regeln und Verträge übernehmen, sondern auch genau definierte demokratische Voraussetzungen erfüllen. Die Presse- und Meinungsfreiheit steht da ganz oben. Doch die Pressefreiheit in der Verfassung zu verankern, ist das eine, sie mit Leben zu füllen das andere. Im ostfranzösischen Nancy diskutierten in diesen Tagen über 120 Studenten und Experten aus vielen Staaten Europas über die Situation der osteuropäischen Medien nach der EU-Osterweiterung. Andreas Noll hat sich dort umgehört.

"Von meinen Bekannten höre ich, dass sie mit der Qualität nicht zufrieden sind und die jungen Leute schmunzeln über diese Zeitung. Sie ist einfach flach dargestellt und das ist eine Sensationszeitung."

Noch würde Dobrawa Szymlik Polens beliebte Boulevard-Zeitung "Fakt" nicht freiwillig in die Hand nehmen. Aber wenn die junge polnische Studentin auch weiterhin über populäre Themen ihres Heimatlandes mitdiskutieren will, dann wird ihr vermutlich schon bald nichts anderes mehr übrig bleiben.

Seit knapp einem halben Jahr ist die vom deutschen Axel-Springer-Verlag produzierte polnische BILD-Zeitung an den Kiosken zu kaufen und schon jetzt gilt sie als feste Größe in der polnischen Medienlandschaft. Ihre Berichterstattung ist aggressiv und populistisch, die Artikel kurz und meinungsstark. Bereits sieben Wochen nach dem Start verkaufte "Fakt" täglich rund 300 000 Exemplare. Neben dem Kampfpreis von umgerechnet 30 Cents ist wohl auch die deutsch-kritische Berichterstattung für den Erfolg verantwortlich. "Nehmen die Deutschen unseren Bauern das Land weg?", fragt "Fakt" schon mal betont unschuldig.

Doch nicht nur in Polen erobern Boulevard-Blätter die Leserschaft im Sturm. Auch in anderen postkommunistischen Ländern Osteuropas macht Boulevardjournalismus der seriösen Berichterstattung zu schaffen. Petr Uhl schreibt als Kolumnist für die Prager Zeitung "Pravo" und beobachtet diese Tendenz schon seit ein paar Jahren:

"Das Problem in der tschechischen Republik und auch in der slowakischen Republik ist vor allem, dass sich die seriösen Medien der Boulevardpresse anpassen. Bei der starken Konkurrenz wollen sie, dass ihre Tageszeitung, ihr Radio- oder TV-Sender mit seinen Berichten das Massenpublikum anzieht."

Auch seine "Pravo" müsse immer mehr für dieses Publikum schreiben und setze daher auch zunehmend auf Boulevard-Berichterstattung, sagt Uhl. Er kenne in seinem Land lediglich noch eine Wirtschafts-Zeitung, die sich diesem Trend erfolgreich widersetzt habe. Weil die Vereinfachung bei Themen mittlerweile weit fortgeschritten sei, sieht der Journalist sogar Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt in seinem Land in Gefahr. Man brauche schließlich mehr als ein großes Foto und eine anklagende Schlagzeile, um Skandale, Betrug und Bestechung aufzuarbeiten.

Doch die Leser scheinen die neue Linie zu akzeptieren. Die gebürtige Tschechin Anna Vondracek studiert heute in Frankreich und hat im vergangenen Jahr für Radio Prag gearbeitet. Sie ist mit der Medien-Situation in Tschechien unzufrieden:

"Die Tschechen hätten schon gerne seriösere Informationen. Da ist aber auch das Problem mit dem westlichen Einfluss, dass die Zeitungen Menschen aus dem Westen gehören. Und dieser starke Einfluss wird oft kritisiert und ist möglicherweise auch für das gesunkene Interesse an der Politik verantwortlich."

Tatsächlich wird die Krise der Qualitätspresse in Osteuropa vor allem mit wirtschaftlichen Zwängen begründet. Die Zeitungen müssten am Markt erfolgreich sein und das seien sie zur Zeit eben mit dem Boulevard-Journalismus, meint Barbara Thomas, Osteuropa-Expertin an der Universität Bochum.

"Auch wenn es sich paradox anhört, kann man diese Boulevardisierung, die Sensationalisierung und Personalisierung positiv bewerten, weil das bedeutet, dass diese Demokratien ganz normal im demokratischen Medienmarkt ankommen. Und das ist eben der ganz normale Kapitalismusmarkt."

Die Boulevardisierung, da ist sich die Professorin sicher, stelle in den neuen EU-Mitgliedstaaten Osteuropas nicht die Kontrollfunktion der Medien gegenüber der Politik in Frage. Die Position der Presse als vierte Gewalt werde von den jeweiligen Regierungen akzeptiert. Dennoch werde bei öffentlich-rechtlichen Sendern immer noch von Politikern versucht, Einfluss zu nehmen. (fp)

  • Datum 10.05.2004
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