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Überschwang und Verriss

Motzen, nörgeln, stänkern. Verrisse verfassen oder mit spitzer Feder schreiben. Überschwängliche Begeisterung ausdrücken. Was ist Kritik und wann beginnt sie? Eine Spurensuche.

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Von Autoren gefürchet: die schlechte Buchkritik

Sobald der Mensch sein Haus verlässt, steht er unter Beobachtung. Natürlich unfreiwillig, aber daran ist nichts zu ändern. Wir werden wahrgenommen. Ob wir wollen oder nicht. Gleichzeitig nehmen wir selber wahr: „Was hat der denn an! Sieht ja schrecklich aus. Unsympathischer Kerl.“ „Muss die sich jetzt ausgerechnet da hinsetzen mit ihrem dicken Hintern, auf den letzten Fensterplatz?“

Der Kritik ausgesetzt

Kleine, unwichtige Beobachtungen, alltägliche, harmlose Begebenheiten. Die durchaus auch Positiv ausgedrückt werden können: „Sehr schick das Kleid. Donnerwetter!“ Oder: „Ist das nicht der, den ich gestern schon in der U-Bahn gesehen habe? Sieht wirklich gut aus!“

Wir sind stets am Bewerten, am Urteilen, am Beurteilen, am Kritisieren. Aber ist das mit dem schicken Kleid wirklich schon Kritik, wenn auch positive? Nein. Ist das Prädikat „unsympathischer Kerl“ negative Kritik? Auch nicht.

Kritik ist mehr als motzen

Kritik ist mehr und will mehr. Sie ist, folgt man einer klassischen Definition, “…die Kunst der Beurteilung, des Auseinanderhaltens von Fakten, der Infragestellung.“ Das klingt nach dem ehrenhaften Bemühen, mit großer Sachkenntnis zu urteilen und dabei möglichst objektiv zu bleiben.

Letzteres kann kaum gelingen. Denn Kritik ist ihrem Wesen nach immer subjektiv; genauso wie ihr Gegenstand. Schließlich gibt es keine objektive Literatur oder objektive Musik. Oder objektives Theater mit einer objektiven Interpretation.

Nicht immer einer Meinung

Es ist durchaus keine Seltenheit, dass ein und dieselbe Theaterinszenierung vom einen Kritiker in den Himmel gehoben wird, während der andere einen totalen Verriss schreibt. Hier überschwängliche Begeisterung, dort völlige Ablehnung.

Auch die Literaturkritik ist sich selten einig: Da wird einem Romanautor „hohe Erzählkunst mit stets feinstem Gespür für Details“ bescheinigt; und im Feuilleton der Konkurrenz muss er lesen, dass sich sein Text „in endlosen Beschreibungen unerheblicher Einzelheiten verliert.“ Wie auch immer, letztlich entscheidet das Publikum über Erfolg und Nichterfolg. Kritik kann sarkastisch, beißend, niederschmetternd und polemisch sein; gerade dann wird sie für erhöhte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sorgen.

Kritiker und Nörgler

Wenn etwas angeblich „unter aller Kritik“ ist, wird es oft erst recht interessant. Das ist so ähnlich wie mit den verbotenen Früchten, die doppelt reizen. Liegen hingegen die Kritiker dem Autor, der Schauspielerin, dem Star zu Füßen und himmeln ihn geradezu an, ist man merkwürdigerweise weniger gespannt, was einen da erwartet.

Kritik soll befeuern und genau das in Gang setzen, was als „kritischer Dialog“ bezeichnet wird. Kritik muss deshalb fundiert sein, der Kritiker muss wissen, wovon er redet. Ist das nicht der Fall, verkommt sein Geschreibe zur bloßen Nörgelei, die als dilettantisch empfunden und von niemandem ernst genommen wird. Es gibt sie ja, diese Berufsnörgler, die vermeintlich alles besser wissen und in ihrer Unzufriedenheit - und nicht zu vergessen: Unwissenheit – ihr Gemecker und Gemotze für profunde Kritik halten.

Die spitze Feder und Frau Lehmann

Es geht aber auch anders, auf höherem Niveau: Beim Schreiben „mit spitzer Feder“ – merkwürdigerweise hält sich dieser Ausdruck, obwohl wir längst auf Computertastaturen schreiben, - oder „die scharfzüngige Kritik“. Das Verfassen von Kritiken konnte ihre Breitenwirkung erst mit dem Aufkommen von Zeitschriften und Zeitungen entfalten.

Einer der herausragendsten deutschsprachigen Kritiker des letzten Jahrhunderts war der Dramaturg, Regisseur und Journalist Herbert Ihering. Seine Kritiken sind Legende. Ihering fand Formulierungen, die in ihrer Kürze und Brillanz einmalig waren. Man muss nachklingen lassen, was er beispielsweise über den Gesang jener durch ihn unsterblich gewordenen Frau Lehmann schrieb, um dem unverwechselbaren Raffinement des Kritikers Ihering auf die Spur zu kommen.

Kurz und brilliant

Seine Kritik an der Darbietung der ‚Isolde’ besteht aus zwei Sätzen: „Gestern sang Frau Lehmann die Isolde. Das hätte sie nicht tun sollen.“

Fragen zum Text

Kritik ist immer…

1. negativ.

2. objektiv.

3. subjektiv.

Wenn man jemandem zu Füßen liegt,…

1. ist man begeistert von ihm/ ihr.

2. kritisiert man ihn/ sie scharf.

3. findet man seine/ ihre Füße sehr attraktiv.

Jemand, der mit spitzer Feder schreibt,…

1. kritisiert kurz und brillant.

2. kritisiert gar nicht.

3. kann nicht schreiben.

Arbeitsauftrag

Kritik ist "die Kunst der Beurteilung". Schreiben Sie eine Kritik für ein Buch, einen Film oder ein Theaterstück Ihrer Wahl.

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