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Kultur

Überraschungssieg beim Deutschen Buchpreis

Die in Serbien geborene Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji hat den diesjährigen Deutschen Buchpreis gewonnen. In ihrer bewegenden Geschichte einer Emigration erzählt sie von der Sehnsucht nach der Welt der Heimat.

Melinda Nadj Abonji (Foto: dpa)

Melinda Nadj Abonji kann die Auszeichnung kaum fassen

"Ich dachte, es regnet. Aber es sind meine Augen, die tränen." Diese Zeile eines ungarischen Liedes fiel Melinda Nadj Abonji spontan während ihrer Dankesrede für den Deutschen Buchpreis am Montagabend (04.10.2010) in Frankfurt ein. Sie mochte es als Kind sehr gerne, sagte die sichtlich bewegte Preisträgerin. Ihr Roman sei auch eine Hommage an ihre ungarische Großmutter, bei der sie ihre ersten Lebensjahre verbrachte. 1968 in der Vojvodina geboren, einer serbischen Provinz mit einer ungarischen Minderheit, folgte sie 1974 ihren emigrierten Eltern in die Schweiz.

Erwachsenwerden in der Fremde

Sie teilt das Schicksal mit Ildiko, der Hauptfigur ihres Romans, die erzählt, wie die Familie Kocsis dem sozialistischen Jugoslawien unter Tito den Rücken kehrt und in einem Schweizer Dorf Fuß zu fassen versucht. Verbissen schuften die Eltern in ihrer Cafeteria für den Lebensunterhalt ihrer beiden Töchter - und für Anerkennung. Sie passen sich an, sie bestehen den Test für die Einbürgerung, sie sind jetzt Schweizer: eine gelungene Integration auf den ersten Blick. Und doch bleiben die Kocsis’ bei etlichen ihrer Schweizer Mitbürger die 'vom Balkan’. Als einer der 'Gäste’ das Klo mit Kot beschmiert, hat Ildiko endgültig genug von der Freundlichkeit um jeden Preis, zu der sie im Service gezwungen ist. Sie geht in die große Stadt und beginnt ohne Sicherheit, aber selbstbewusst, ihr eigenes Leben…

Buchpreis-Logo

Zum 5. Mal vergeben - der Deutsche Buchpreis

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 2005 jährlich am Vorabend der Frankfurter Buchmesse den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Damit soll er zur Förderung der deutschen Literatur beitragen und sie vor allem im Ausland bekannter machen. Dass er mittlerweile in Deutschland zur Institution geworden ist, konnte man in diesem Jahr schon allein an der gewachsenen Zahl der Fernsehkameras bei der Preisverleihung ablesen. Und schon vorher waren die sechs Finalisten mit einem nie dagewesenen Medienecho bedacht worden.

Sprache als Heimat

Thomas Lehr (Foto: picture-alliance)

Thomas Lehr galt als einer der Favoriten

Die Schriftstellerin und Musikerin Nadj Abonji zählte dabei eher zu den Außenseitern. Als einer der Favoriten galt Peter Wawerzinek mit seinem Roman "Rabenliebe", in dem er sich sein Kindheitstrauma von der Seele schrieb. Der Berliner Autor war einst von seiner Mutter bei deren Flucht in den Westen als Waise in der DDR zurückgelassen worden. Auch Thomas Lehr mit seinem ehrgeizigen Romanprojekt "September. Fata Morgana" waren gute Chancen eingeräumt worden.

Nadj Abonjis Roman "Tauben fliegen auf" spielt vor dem Hintergrund der Verwerfungen der jüngsten europäischen Geschichte. Er handelt auch vom sozialistischen Elend, vom Krieg und von der ungarischen Minderheit in Serbien. Vor allem aber beschreibt er das Leben in mehreren Kulturen, erzählt von den Irritationen, die das mit sich bringt. So fällt es Ildiko bei ihrer Ausreise auf, dass der Name ihrer Geburtsstadt gleich drei mal auf dem Ortsschild steht: auf serbokroatisch, in kyrillischen Buchstaben und auf ungarisch. Aber auch um die Liebe zur Sprache geht es der Autorin – zur ungarischen und deutschen - und um die positive Kraft der Erinnerung.

Die deutsche Literatur wird international

Mit ihren multikulturellen Wurzeln ist die frisch gekürte Buchpreisträgerin nicht allein: drei der sechs Shortlist-Kandidaten sind Kinder von Einwanderern - ein ähnliches Verhältnis wie bei den 20 Longlist-Titeln. Ihre ersten Worte haben sie noch in anderen Sprachen gesprochen, ihre Bücher schreiben sie auf Deutsch. Jan Faktor, Sohn einer jüdischen Kommunistin, erzählt eine Kindheit und Jugend im sozialistischen Prag: ein Rückblick voller Witz und Trauer zugleich. Doron Rabinovici, geboren in Tel Aviv und als Kleinkind nach Wien gekommen, lässt seine Figuren um jüdische Identität und das richtige Erinnern streiten – mit einem intellektuellen Humor, der die Rezensenten immer wieder an Woody Allen erinnert.

Tatsächlich spiegelt sich hier eine Entwicklung, die in den vergangenen Tagen von allen deutschen Feuilletons hervorgehoben wurde: die jüngste deutsche Literatur und vor allem dieser Bücherherbst ist geprägt von Autoren, die in mehreren Kulturen zu Hause sind . "Lasst uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen, damit wir uns besser verstehen", so hieß es nach dem Fall der Mauer, als die Fremdheit zwischen Ost- und Westdeutschland offenbar wurde. Nun kann man diesen Aufruf mit Gewinn erweitern, auf ganz Europa und über Europa hinaus.

Autorin: Gabriela Schaaf
Redaktion: Sabine Faber

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf. Roman. Verlag Jung und Jung 2010. 314 S.



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