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Aktuell Europa

Überlebender: "Wir waren 950 Menschen an Bord"

Die jüngste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer hat wohl weit schlimmere Ausmaße als bisher angenommen. Angesichts des Massensterbens scheinen sich aber die EU-Politiker ihrer Verantwortung bewusst zu werden.

Mit einer Infrarot-Kamera aufgenommenes Foto von den Rettungsaktionen im Mittelmeer (Foto: picture-alliance/dpa/Guardia Di Finanza)

Mit einer Infrarot-Kamera aufgenommenes Foto von den Rettungsaktionen im Mittelmeer

Bei dem Flüchtlingsdrama vor der libyschen Küste könnten noch mehr Menschen ums Leben gekommen sein als bislang angenommen. "Wir waren 950 Menschen an Bord, auch 40 bis 50 Kinder und etwa 200 Frauen", sagte ein aus Bangladesch stammender Überlebender laut Nachrichtenagentur Ansa der Staatsanwaltschaft im italienischen Catania. Viele Menschen seien im Laderaum des Trawlers eingeschlossen gewesen. "Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen", erzählte der Mann, der in ein Krankenhaus in Sizilien gebracht worden war.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zeigte sich erschüttert. UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami sagte dem TV-Sender RAInews24, sollten sich die Angaben bestätigen, wäre es das "schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer gesehen wurde".

28 Überlebende, 24 Leichen

Nach Angaben der Küstenwache konnten nach dem Unglück bislang 28 Menschen gerettet werden, Zudem wurden 24 Leichen geborgen. Alle anderen Bootsflüchtlinge werden noch vermisst. Offizielle Angaben zur Zahl der Vermissten gibt es nicht.

Nach der neuerlichen Tragödie im Mittelmeer erwägt EU-Ratspräsident Donald Tusk die Einberufung eines Krisengipfels der Europäischen Union. Tusk werde mit den Staats- und Regierungschefs beraten und dann eine Entscheidung treffen, sagte sein Sprecher in Brüssel. Tusk selbst teilte über den Kurzbotschaftendienst Twitter mit, er habe nach der Tragödie bereits mit dem maltesischen Regierungschef Joseph Muscat gesprochen. Nun folgten weitere Gespräche mit den EU-Kollegen. Zuvor hatte bereits Italiens Regierungschef Matteo Renzi die Einberufung eines Krisengipfels gefordert.

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi bei einer Pressekonferenz in Rom zu der Katastrophe (Foto: picture-alliance/dpa/A. Carconi)

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi bei einer Pressekonferenz in Rom zu der Katastrophe

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, dessen Land ebenfalls stark mit der Flüchtlingsproblematik konfrontiert ist, rief die EU-Partner auf, unverzüglich einen "kohärenten Plan" auszuarbeiten, um der humanitären Krise zu begegnen. Die EU müsse ihre Rettungseinsätze im Mittelmeer verstärken ebenso wie ihre diplomatischen Bemühungen zur Beilegung der Konflikte in Syrien, in Libyen und im Irak, hieß es in einer in Athen verbreiteten Erklärung des Regierungschefs. Außerdem mahnte Tsipras eine größere Solidarität unter den EU-Partnern bei der Aufnahme der Flüchtlinge an.

Scharfe Kritik von Parlamentspräsident Schulz an EU-Staaten

Auch der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz verlangte eine neue Flüchtlingspolitik in Europa. "Wir können nicht an dem Symptom weiter herumdoktern, sondern müssen erkennen, dass wir ein Einwanderungsgebiet sind und eine legale, geordnete Einwanderungspolitik benötigen", sagte der SPD-Politiker dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Schulz äußerte scharfe Kritik vor allem an den Mitgliedsstaaten: "Nichts bewegt sich. Und das liegt nicht an der EU, sondern am Unwillen der Hauptstädte der EU-Mitgliedsstaaten. Nicht aller, aber einiger. Wie viel muss eigentlich noch passieren, damit es dort endlich begriffen wird?"

Schulz forderte unter anderem einen effektiven Küstenschutz, um die organisierten Schleppernetzwerke zu bekämpfen. An diesem Montag wollen die EU-Außenminister bei ihrem Treffen in Luxemburg über die Flüchtlingskrise beraten.

Wiederaufnahme von Rettungsprogramm Mare Nostrum gefordert

In der Nacht zum Sonntag war rund 110 Kilometer vor der Küste Libyens ein Schiff mit Hunderten Flüchtlingen an Bord gekentert. Die 28 Überlebenden wurden von einem Handelsschiff aufgenommen. Erst vor knapp einer Woche waren bei einem Schiffsunglück im Mittelmeer nach UN-Angaben offenbar mehr als 400 Flüchtlinge aus Afrika ertrunken. Bei einem schweren Bootsunglück vor der Insel Lampedusa am 3. Oktober 2013 waren mehr als 360 Menschen ertrunken. Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 3.500 Flüchtlinge bei der gefährlichen Passage nach Europa ums Leben.

Amnesty International gab den Regierungen der EU-Staaten eine Mitverantwortung für die Unglücke und forderte die EU auf, wieder eine Seenotrettungsaktion wie Mare Nostrum zu starten. "Wir brauchen jetzt kein Bedauern ohne Konsequenzen, sondern entschlossenes Handeln", erklärte die Generalsekretärin der Menschenrechtsorganisation in Deutschland, Selmin Caliskan. Dieser Forderung schlossen sich auch der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, und die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, an. Dass man das Seenotrettungsoperation Mare Nostrum eingestellt habe, sei "katastrophal und absolut inhuman", sagte Gysi dem Berliner "Tagesspiegel". Die EU müsse sichere Wege für die Flüchtlinge schaffen und könne diese nicht weiterhin wie bisher "zynisch ihrem Schicksal überlassen", sagte Göring-Eckardt der Zeitung.

sti/wl (afp, dpa, epd)