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Kultur

Überleben als Straßenmusikerin in Berlin

Berlin zieht Menschen aus aller Welt an. Auch eine junge Rumänin lebt seit zehn Jahren in der deutschen Haupstadt. Jeder Tag ist für sie eine Herausforderung: Denn sie verdient ihr Geld als Straßenmusikantin.

Berlin, Bahnhof Friedrichstraße: Ionela Lacatus sitzt auf einem Pappkarton und spielt eine schwungvolle Melodie auf ihrem Akkordeon. Jeden Morgen, egal ob die Sonne scheint oder ob es schneit, musiziert die 35-jährige Rumänin. Ihre Zuhörer sind Pendler, die über die Fußgängerbrücke zu den Gleisen an ihr vorbeimarschieren. Um zwei Uhr nachmittags hat Lacatus ihr Tagwerk vollbracht. Sie packt ihr Instrument und ihre Tasche zusammen, nimmt ihren Pappkarton und verstaut ihn im Metallgerüst der Brücke. Lacatus' Leben in Deutschland ist hart. Sie kämpft gegen viele Schwierigkeiten, zum Beispiel, sich in einer fremden Sprache verständlich zu machen oder gegen die soziale Kälte. Aber Deutschland bietet trotzdem bessere Chancen für sie als ihre Heimat Rumänien.

Wahlheimat Deutschland

Lacatus drückt sich in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Spanisch und Rumänisch aus. Vor zehn Jahren hat sie ihre Heimatstadt Bacau in Rumänien verlassen. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie im Berliner Stadtteil Neukölln. Sie mag Berlin. "Alles hier ist gut für mich. Berlin ist besser als Rumänien. Weil ich hier Geld verdienen kann. In Rumänien hatte ich keine Arbeit - zwar eine Wohnung, aber keine Einkünfte. Es ist schwierig für mich und meine zwei Kinder." Lacatus hat neben ihrem fünfjährigen Sohn auch noch eine sechzehnjährige Tochter.

Ihr Sohn Alex ist ein lebhafter Junge mit hellbraunen Augen und einem strahlenden Lächeln. Er scheint von einem unstillbaren Drang beherrscht zu sein, alles in seiner Umgebung zu erkunden. Er ist noch nicht in der Schule und spricht kein Deutsch. Aber seine Mutter hat sich mit einer anderen Frau zusammen getan, um ihn in den Kindergarten zu bringen. Wenn er sechs Jahre alt ist, soll er auch in die Schule gehen.

Berlin - Straßenmusikerin Ionela Lacatus

Der Arbeitsplatz von Ionela Lacatus in Berlin

Ihre Tochter hatte weniger Glück. Obwohl sie bereits im Teenageralter ist, sind ihre Deutschkenntnisse begrenzt, denn sie geht nicht zur Schule. Auf die Frage, was ihre Tochter jetzt tut, gibt sie keine Antwort. Sie schüttelt stattdessen den Kopf und wendet den Blick ab.

Lacatus hat erst mit dem Akkordeonspielen begonnen, als sie ihre Heimat verließ – also vor zehn Jahren. Es fällt ihr nicht besonders schwer. Und das obwohl es ihr niemand beigebracht hat. "Für mich nicht-complicado", sagt sie in dem für sie typischen Sprachenmischmasch. Sie erzählt, dass sie sich einige Techniken bei ihren Eltern abgeschaut habe. Das reiche aus, um traditionelle rumänische Lieder zu spielen.

Sinkende Temperaturen

Da der Winter naht, zieht sich Lacatus jetzt wärmer an, aber auch das kann sie nicht vor dem eisigen Wind, der von der Spree herüberbläst, schützen. Auf die Frage, wie sie die vielen Stunden in der Kälte übersteht und ihre Finger beweglich hält, zuckt sie gleichgültig mit den Schultern. "Es ist kalt, aber ich tue seit zehn Jahren nichts anderes." Natürlich ist Berlin ein Ort, an dem sich zahlreiche Zugewanderte ohne Deutschkenntnisse durchschlagen, aber einige von ihnen sprechen wenigstens Englisch. Lacatus zögert. Für das, was sie braucht, reichten ihre Sprachkenntnisse aus, sagt sie. Allerdings findet sie, dass die Berliner zu schnell sprechen würden. Zeit, um mit Menschen außerhalb ihrer Familie lange Gespräche zu führen, habe sie aber ohnehin nicht.

Dank ihrer Straßenmusik auf der Brücke an der Friedrichstraße verdient sie in sieben Stunden etwa 20 Euro. Der Alltag für sie und ihre Familie sei nur mit großer Mühe zu meistern, sagt sie.

Auf die Frage, ob sie Hilfe vom Staat erhält, schüttelt Lacatus den Kopf. Natürlich hätte sie gerne finanzielle Unterstützung, aber sie und ihre Familie müssen sich ohne fremde Hilfe über Wasser halten. Es gibt Sprachkurse, Integrationsprogramme und andere Angebote für Einwanderer, die offizielle Beratungsstellen vermitteln. Aber da sie ihre Familie unterstützen muss, hat sie keine Zeit für solcherlei Aktivitäten übrig. "Ich muss jeden Tag arbeiten. Sonst haben wir kein Geld."

Berlin - Straßenmusikerin Ionela Lacatus

Konkurrenz auf der Brücke am Bahnhof Friedrichstraße

Immer das Lächeln bewahren

Mag sein, dass ihr Leben alles andere als einfach ist. Trotzdem zeigt Lacatus keine Verbitterung. Herzlich bedankt sie sich bei allen Menschen, die ein paar Münzen für sie übrig haben. Die meisten eilen hastig vorbei. Trotzdem sagt die Rumänin nur freundliche Dinge über die Berliner.

Lacatus ist nicht alleine auf der Brücke, auch andere Bettler buhlen um die Münzen der Pendler – angefangen bei einem Punker, der mit seinem Hund in den frühen Morgenstunden unterwegs ist, bis hin zu einem Gitarristen und einer Tänzerin in den Abendstunden. Lacatus sieht die Situation wie sie ist: "Keine Freunde, aber auch keine Konkurrenz", sagt sie.

Ihr Sohn Alex scheint das Warten neben seiner Mutter wenig auszumachen. Wie jedes andere Kind ahmt er Flugzeuggeräusche nach und schiebt mit großer Begeisterung einen Spielzeug-LKW über den Tisch des Cafés, tief versunken in seine Phantasiewelt. Es wäre schön, die Sprachbarriere einen Moment einzureißen und sich mit ihm über seine Träume unterhalten zu können, darüber, was er tun möchte, wenn er erwachsen ist. Aber er versteht kein Deutsch. Er dreht sich schüchtern weg. Sicherlich hat er noch viele Hoffnungen, die nur darauf warten, in Worte gekleidet zu werden.