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Europa

Überfordert der Flüchtlingspakt Griechenland?

Im Rahmen des EU-Türkei-Abkommens will die griechische Regierung Tausende Flüchtlinge von ihren Inseln auf das Festland bringen. Doch dort ist man nicht gut darauf vorbereitet, wie Panagiotis Kouparanis aufzeigt.

Lagerhalle für die Aufnahme von Flüchtlingen (Foto: DW)

(Noch) leere Flüchtlingsunterkunft: "Lagerhalle 21" in Thessaloniki

Am Anfang des Demonstrationszuges am Samstag in der Innenstadt von Thessaloniki gehen die Flüchtlinge, dahinter folgen Klein- und Kleinstgruppierungen des linken politischen Spektrums, Initiativen gegen Rassismus und Faschismus. Vor einem Jahr noch hätte sich an den Anti-Rassismus-Demonstrationen in mehreren griechischen Städten auch die jetzige Regierungspartei Syriza beteiligt. Nun steht sie im Zentrum der Kritik. Auf dem Flugblatt der Initiatoren werden die neu errichteten Flüchtlingslager der Regierung als "Konzentrationslager" bezeichnet - und es wird ihre Auflösung gefordert.

Antirassismusdemonstration in Thessaloniki (Foto: DW)

Gegen Rassismus - mit Flüchtlingen

Sie tragen die Angst mit sich

Die Flüchtlinge selbst haben ganz andere Anliegen. Immer wieder skandieren sie auf Englisch: "Open the Border" ("Öffnet die Grenze"). Und auf Arabisch singen sie Lieder, in denen der syrische Präsident Baschar al-Assad für die Zerstörung von Städten und die Tötung von Kindern verantwortlich gemacht wird. Und dann ist da eine Losung, die erst einmal irritiert: man wolle ein guter Repräsentant Syriens sein. "Das kommt daher", erklärt Cathrin, die fließend Arabisch spricht, "dass in Syrien Fehlverhalten mit Verhaftung sanktioniert wird". Diese Angst tragen die Flüchtlinge mit sich. Sie befürchten, dass das auch in Griechenland passieren könnte, so die amerikanische Ethnologin von der Columbia-Universität, die für ein Jahr in Thessaloniki lebt.

Die rund 200 Personen umfassende Gruppe der demonstrierenden Syrer ist aus dem Flüchtlingslager Diavata gekommen, das rund zehn Kilometer außerhalb von Thessaloniki auf einem Militärgelände errichtet wurde. Die vier Busse zum Transport haben linke Gruppierungen organisiert. Auf der Kundgebung rufen ihre Anhänger Parolen gegen die NATO und "Krieg dem Krieg der Imperialisten". Die Flüchtlinge scheint das nicht zu interessieren, sie sind auch sprachlich nicht in der Lage, irgendetwas von den Losungen ihrer griechischen Unterstützer zu verstehen. Wenn doch, dann wäre es ihnen wohlmöglich auch reichlich egal. Ihnen brennt nicht die Weltrevolution auf den Nägeln, sondern ganz konkrete Probleme - vor allem die Frage: können sie nach Deutschland kommen oder nicht?

Das fragt sich auch der 20-jährige Student Mohammed. Mit seinen beiden Brüdern ist er aus der von der Terrormiliz "Islamischer Staat" belagerten ostsyrischen Stadt Deir ez-Zor geflohen. Nein, sagt Mohamed, er und die allermeisten Flüchtlinge im Flüchtlingslager Diavata hätten sich nicht in den Listen für das Programm der EU zur Umverteilung der Flüchtlinge eingetragen: "Wir haben gehört, die Grenze wird öffnen." Auch kennen sie keinen, der über das "Relocation"-Programm Griechenland verlassen habe.

Flüchtlinge steigen in Bus ein (Foto: DW)

Nach der Demo: zurück ins Lager Diavata

Leben in der Lagerhalle

Ähnlich denkt Delal, eine Witwe mit vier Kindern, die ebenfalls aus Deir ez-Zor kommt. Man habe sich als Großfamilie von 40 Leuten auf die Flucht begeben. Alle haben es bis hierher nach Thessaloniki geschafft - vom 68-jährigen Familienoberhaupt bis zur ihrer zweijährigen behinderten Tochter. Seit Donnerstag ist ihr neues Zuhause die 1000 Quadratmeter große "Lagerhalle 18" im Hafen von Thessaloniki. Rund 320 Flüchtlinge sind über Lesbos und die nordgriechische Hafenstadt Kavala hierher gebracht worden.

Delal in Halle 18 (Foto: DW)

Delal in "Halle 18"

Bei ihrem Eintreffen sprach die Hafengewerkschaft von einem Zeichen der Solidarität, die Hafenbehörde von der Übergabe eines intakten Flüchtlingslagers und die Stadt von einer funktionierenden Koordinierung der Arbeit der Freiwilligen und der Nichtregierungsorganisationen. Tatsächlich fanden die Flüchtlinge eine leere Halle vor, in der sie ihre mitgebrachten Zelte aufstellten - und von den Nichtregierungsorganisationen ist weit und breit nichts zu sehen. Und dennoch findet sich kein Flüchtling, der sich beklagt. Es sei zwar kalt in den Zelten, aber es regne nicht hinein, die Toiletten auf dem Hafengelände würden ständig sauber gehalten, täglich komme ein Arzt des Roten Kreuzes. Und die griechische Armee sorge dafür, dass sie drei Mal am Tag zu essen bekommen.

Flüchtlinge verlassen die Inseln

Ob es bei diesem überschaubaren Leben bleibt, ist fraglich. Schon am Montag könnte eine große Zahl von weiteren Flüchtlingen in der gegenüberliegenden, deutlich größeren "Lagerhalle 21" einquartiert werden, aber auch in einer anderen. Es mehren sich nämlich die Meldungen, dass die griechische Regierung bis Sonntagabend rund 8700 Flüchtlinge von den Inseln Lesbos, Samos, Chios und Kos auf das Festland bringen wird. Auf allen vier Inseln sind Hotspots eingerichtet, in denen nach EU-Standards all diejenigen registriert werden, die über die Ägäis aus der Türkei nach Griechenland kommen. Ziel dieser Aktion sei es, die griechischen Verpflichtungen des EU-Türkei-Abkommens umzusetzen, das an diesem Sonntag in Kraft tritt. Gemäß diesem Abkommen werden von nun an all diejenigen von den Hotspot-Inseln in die Türkei zurückgeführt, die als illegale Migranten eingestuft werden. Diese Regelung betrifft allerdings keinen der Flüchtlinge und Migranten, die vor dem Stichtag nach Griechenland kamen.