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Deutschland

Überflüssige Brücke statt Moselwein

Deutschland ist gut aus der Finanzkrise gekommen: auch, weil die Regierung 50 Milliarden Euro für die Belebung der Konjunktur bereitstellte. Doch ist das Geld sinnvoll angelegt? Das bezweifeln Gegner einer Moselbrücke.

Die Mosel hat es Georg Laska angetan. Der Fluss schlängelt sich lautlos und kurvenreich durch das Tal, das Eifelhöhen und Hunsrückerhebungen voneinander trennt. An den sanften Hügeln ranken prächtige Weinreben auf Schiefer- und Vulkangrund.

Vor 20 Jahren zog Laska aus der Großstadt Köln ins Fachwerkdorf Uerzig, weil die Landschaft ihn faszinierte und eine ungeheure Ruhe ausstrahlte. "Es ist wie Urlaub, hier zu leben. Deshalb fällt es mir auch so schwer zu akzeptieren, dass nun solch eine Brücke das Tal verschandelt." Laska bezweifelt den Nutzen des Monuments, das sich auf 1,7 Kilometern Länge in einer Höhe von 160 Metern über das Tal spannen wird (Animation im großen Bild). Doch sein Kampf gegen das gewaltige und kostspielige Bauprojekt wird wohl vergeblich sein: 2016 soll die höchste Brücke Europas stehen. Drei der zwölf gigantisch hohen Betonpfeiler ragen schon in den Himmel, für weitere wird das Fundament gegossen."Sie wachsen zwar sehr langsam, aber ich bekomme jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn ich daran vorbeikomme", sagte Laska im DW-Gespräch: "Ein ungutes Gefühl".

Georg Laska, Bürgerinitiative pro-mosel. Foto: privat

Liebt die Mosellandschaft - ohne Brücke: Georg Laska

Als er erstmals von dem Vorhaben hörte, dachte er an einen Scherz. Er wusste nicht, dass das Projekt schon seit den 1960er Jahren in der Planung war. Damals, mitten im Kalten Krieg, drangen die US-Amerikaner auf den Bau einer Straße, die die NATO-Militärstandorte zwischen Eifel und Hunsrück verbinden sollte. Noch heute lagern in dem Gebiet US-Atomwaffen. Außerdem dachten ehrgeizige Landespolitiker in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz daran, durch die Erschließung der Bundesstraße 50 die Beneluxländer und vor allem die Seehäfen Rotterdam und Antwerpen mit dem Rhein-Main-Gebiet und später mit dem Regionalflughafen Hahn zu verbinden. Doch das Projekt wurde verworfen, 40 Jahre lang - aus Kostengründen.

Inzwischen hatte auch eine Studie des Bundesbauministeriums ergeben, dass der Bau der Brücke von keinem volkswirtschaftlichen Nutzen ist. Die Fahrzeit von Rotterdam nach Frankfurt würde sich sogar um eine Stunde verlängern, ist dort zu lesen. Auch private Investoren fanden sich nicht zur Realisierung der Straße auf Mautbasis.

Protestplakat gegen Moselbrücke. Foto: DW.

Offizielles Protestplakat

Als die Bundesregierung allerdings Ende 2008 beschloss, im Zuge der internationalen Finanzkrise im sogenannten Konjunkturpaket II insgesamt 50 Milliarden Euro zur "Beschäftigungssicherung durch Wachstumsstärkung" bereitzustellen, witterten die verantwortlichen Minister in Mainz Morgenluft. Das Land gab 20 Millionen Euro zur Finanzierung hinzu. Den Rest von 250 Millionen wollte der Bund übernehmen.

Der Spatenstich erfolgte unter Protest der grünen Opposition und internationaler Weinliebhaber. Doch inzwischen sitzt die Ökopartei an der Seite der SPD in der Landesregierung von Rheinland-Pfalz. Seither sind deren Stimmen verstummt.

Verzögerungen und Kostenexplosion

Nutznießer des Streits um die Moselbrücke sind vor allem Gutachter: In einer vom Land beauftragten Expertise wird das Verkehrsaufkommen mit 25.000 Fahrzeugen pro Tag beziffert - die vom Bund bezahlten Gutachter rechnen aber lediglich mit 13.000. Immer wieder haben betroffene Gemeinden, der Landkreis, Initiativen und Privatpersonen gegen das Mammutprojekt geklagt, weil sie Nachteile für Natur, Tourismus, Immobilien und den Weinanbau befürchten.

Auch Johannes Schmitz zog vor Gericht: Der Winzer aus Uerzig bangt um seine Lebensgrundlage. Seine Familie baut seit 1867 Wein an. Der schieferhaltige Boden und die rote Lavaerde machen den besonderen kräuterwürzigen Geschmack des Mosel-Rieslings aus, der in aller Welt geschätzt wird. Doch nun fängt der Hang an, sich zu bewegen - das könnte der Anfang vom Ende des Weinanbaus bedeuten. "Wir können die Reben ja an anderer Stelle wieder einpflanzen" - aus Schmitz' Worten spricht Sarkasmus, denn die Bodenbeschaffenheit der Mosel-Region findet sich nirgendwo sonst.

Baustopp durch Hangrutschungen

Das Tiefenwasser in den Schieferschichten und die Lavaerde beeinflussen den Weinanbau. "Sie sind auch Ursachen für die Hangrutschungen", erklärt Schmitz. Trotzdem wollten Politiker ihm nicht glauben, und auch Gerichte ließen sich nicht von den drohenden Risiken durch den Brückenbau überzeugen.

Moseltal bei Ürzig. Foto: PUBLICATIONxINxGERxSUIxONLY

Noch Brückenfrei: Moseltal bei Uerzig

Edmund Krauter von der Universität Mainz sieht aber auch die Sicherheit der Brücke selbst in Gefahr: "Bei besonderen Witterungsereignissen kann sich der Hang um einen Zentimeter pro Jahr bewegen", erklärt der Geologe. "Auf 100 Jahre, so lange soll eine Brücke halten, kann das die Standfestigkeit der Pfeiler gefährden." Die Rutschungen bewegen sogar Erdschichten unterhalb von 47 Metern. In dieser Tiefe sollen die Betonpfeiler verankert werden. Harald Ehses, Direktor des Landesamtes für Geologie und Bergbau und Krauters ehemaliger Kollege, hatte jahrelang vor den Konsequenzen gewarnt. In der Zeitung Trierischer Volksfreund weist der kritische Behördenleiter auf den "kompliziertesten Baugrund hin, den wir kennen." Inzwischen bekam der Beamte von der Landesregierung in Mainz einen Maulkorb verpasst und verlas zuletzt nur schriftliche Stellungnahmen wie: "Es bestehen keine Hindernisse für eine Fortsetzung des Brückenbaus auf der Eifelseite."

Dennoch soll ein Jahr lang baubegleitend beobachtet werden, welche Auswirkungen das Wasser auf den Hang hat. Kosten: 250.000 Euro. Denn selbst das Ministerium für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung in Mainz hat in einem internen Vermerk zugegeben, "dass das Bauwerk nach einschlägigen DIN-Vorschriften für den Baugrund nicht errichtet werden kann". Diese Versiegelung hätte jedoch gravierende Folgen für die Riesling-Qualität, befürchtet Weinbauer Johannes Schmitz.

Projekt rein politisch motiviert?

Moselbrücke Computersimulation. Foto: Getty Images.

So soll das Riesen-Bauwerk aussehen

Geologe Krauter ist überzeugt, dass die Brücke gebaut wird, trotz aller Risiken - weil sie politisch gewollt ist. "Es ist am Ende eine Frage des Preises." Die Baukosten bezifferten sich 2013 auf 375 Millionen Euro. Das sind die letzten offiziellen Zahlen.

Ob durch die Brücke tatsächlich mehr Touristen ins Moseltal gelangen, wie Politiker hoffen, oder ob sie nicht vielmehr durch die Betonbrücke über das idyllische Tal abgeschreckt werden - das muss sich erst erweisen. Vielleicht genießen sie von oben den herrlichen Blick - und setzen dann ihre Fahrt fort.

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