1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Fokus Südosteuropa

Überfüllte Zellen und unzufriedene Gefangene

Verletzungen der Menschenrechte, Folter, Misshandlungen - Die Haftbedingungen im bosnischen Zenica gaben in der Vergangenheit immer wieder Anlaß für internationale Kritik. Doch die Anstaltsleitung betont Verbesserungen.

Das Gebäude Pavilion 1 des Gefängnisses von Zenica in Bosnien und Herzegowina (Foto: DW)

Bausubstanz aus Zeiten der Habsburger Monarchie

Knapp 130.000 Menschen leben in Zenica im Herzen Bosnien-Herzegowinas, über 800 davon im Gefängnis. Es ist das größte des Landes, aber nicht groß genug. Denn Platz hat es für gerade mal 640 Gefangene. Vor allem aber: Die Verurteilten werden nicht nach ihrem Alter und der Schwere ihrer Vergehen aufgeteilt. In manchen der insgesamt acht Gebäudeblöcke - euphemistisch "Pavillons" genannt - teilen sich bis zu sechs Verurteilte eine Zelle - Jugendliche gemeinsam mit Gewalttätern, Diebe mit Mördern.

Renovierungsmaßnahmen

Nihad Spahić ist Direktor der Anstalt. Er bemüht sich die Verbesserungen der letzten Jahre hervorzuheben; betont, dass man sich europäischen Menschrechtsstandards annähere: "Wir haben den vierten Pavillon renoviert, gerade werden Arbeiten am Dritten verrichtet und kommendes Jahr nehmen wir dann hoffentlich auch den größten Pavillon Nummer eins in Angriff, in dem um die 400 Insassen ihre Strafe verbüßen".

Ehemaliger Folterkeller im Gefängnis (Foto: DW)

Früher wurde noch gefoltert

Block eins stammt noch aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie und ist über 100 Jahre alt. Große Teile des Innenausbaus bestehen aus Holz - ein großes Risiko im Brandfall. Auch die Haftbedingungen dort sind schlechter, gibt der Gefängnisdirektor zu - und gibt seiner Hoffnung auf baldige Sanierung Ausdruck.

Kritik aus dem Ausland

Aber fehlende Räumlichkeiten sind bei weitem nicht das einzige Problem in Zenica. Das europäische Komitee zur Verhütung von Folter (CPT) des Europarates berichtete nach einem Besuch im März diesen Jahres von Misshandlungen. Spahić versucht abzuwiegeln: Ja, vor drei oder vier Jahren habe es einen unschönen Fall gegeben.

Der Insasse Nisat Ramic im Hof des Gefängnisses (Foto: DW)

Insasse Ramic sorgt sich um Sauberkeit

Ein Insasse sei in der Zelle verprügelt worden, gesteht der Gefängnisdirektor ein. Allerdings hätte die Anstaltsleitung darauf disziplinarisch reagiert: "Danach gab es eine Anzeige und später ein Gerichtsverfahren wo der Täter, ein Aufseher des Gefängnisses, auch verurteilt wurde!"

Noch immer ist das Gefängnis von Zenica gefürchtet. Dabei, so Direktor Spahic, hätten sich die Umstände deutlich gebessert - allerdings von einem sehr niedrigen Niveau: "Vor 30 oder 40 Jahren konnte nicht einmal das Internationale Rote Kreuz diese Justizvollzugsanstalt betreten. Was hinter den Gittern geschah, können nur die Wände bezeugen." Heute aber, so versichert Spahic, gebe es in diesem Gefängnis keine Misshandlungen, Quälereien oder Folterungen mehr.

Gefährliche Arbeit

In der Enge von Zenica brechen aber die Aggressionen unter den Gefangenen dennoch oft gewaltsam hervor. Prügeleien sind an der Tagesordnung. Deshalb wurden in diesem Jahr 50 neue Aufseher eingestellt. Deren Sorge gilt vor allem der eigenen Sicherheit. Ständig stehen sie mit anderen Kollegen in Funkkontakt. Admir Karić gehört zu den alten Hasen.

Admir Karic arbeitet als Wächter im Gefängnis von Zenica Bosnien (Foto: DW)

Der Stress wirkt sich auch auf die Familien der Wärter aus

Seit vielen Jahren arbeitet er schon in dem Gefängnis und beklagt, dass der tägliche Stress auch Spuren im Privatleben hinterlässt. Spahic berichtet von schlechtem Schlaf und Problemen in Ehe und Familie. "Es ist nicht leicht, aber man muss nun mal arbeiten," zuckt Karic mit den Schultern.

Die Insassen der Vollzugsanstalt dürfen nur unter Aufsicht der Gefängniswärter interviewt werden. Niset Ramić sitzt eine dreißigjährige Strafe ab. Verurteilt wurde er für Kriegsverbrechen an der serbischen Zivilbevölkerung in der Nähe der Stadt Visoko in Zentralbosnien. Mit grimmigen Humor macht er sich über die hygienieschen Zustände lustig: "Im Gebäude wo ich untergebracht bin, haben wir sowohl Insassen, als auch Küchenschaben. Während man schläft, krabbeln sie einem über das Gesicht. Manchmal verschwinden sie für kurze Zeit, wenn zum Beispiel desinfiziert wird. Aber sie kommen jedes Mal wieder..."

"In Deutschland ist es besser, aber hier habe ich mehr Freiraum"

Mirzet Arsenovski wurde 1977 im deutschen Ravensburg geboren. Schon als Jugendlicher wurde er wegen Drogendelikten verhaftet. Mehrfach wurde Arsenovski in Deutschland verurteilt.

Die Werkstatt im Gefängnis (Foto: DW)

Die Werkstatt - Freiraum des Gefangenen Arsenovski

Vor zehn Jahren wurde er aus Deutschland abgeschoben und sitzt seitdem in Zenica. In deutschen Gefängnissen schätzt er die Unterbringung in Einzel- oder Zweimann Zellen. "Aber hier genieße ich mehr Freiheit. Ich bin von sechs Uhr Morgens bis 19 Uhr im Hof und arbeite, laufe überall im Knast herum. In Deutschland konnte ich das nicht", sagt Arsenovski.

Die Insassen der Justizvollzugsanstalt Zenica bereiten sich auf ihre Weise auf ein Leben in Freiheit vor. Manche von ihnen arbeiten für ein kleines Entgelt in der hauseigenen Werkstatt, andere erlernen handwerkliche Berufe. Die Arbeit lässt ihnen die Tage hinter düsteren Gefängnismauern zumindest etwas kürzer erscheinen.

Autorin: Belma Fazlagić-Šestić
Redaktion: Fabian Schmidt