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Nahost

Überfällige Neueinschätzung Arafats

Das kleine Dreieck von Jaffa-, Ben-Yehuda- und King-George-Straße ist das Einkaufs-Zentrum West-Jerusalems. Immer mehr jedoch wird es zum Zentrum des Terrors. Ein Kommentar von Peter Philipp.

Innerhalb weniger Tage gleich zwei Selbstmordanschläge, in den letzten Wochen ein halbes Dutzend, in den zurückliegenden Jahren Dutzende von Terrorakten. Die Bilder scheinen austauschbar zu sein: eine verwüstete Pizzeria, zerstörte Läden und Cafés, Blut und Scherben auf dem Pflaster, verstörte und wütende Passanten. Und merkwürdige Schicksale: wie das der Frau, die als kleines Mädchen einem anti-jüdischen Pogrom in Hebron entkam, nun aber in Jerusalem von einem Terroristen erschossen wurde. Oder das des Mannes, der am 11. September im World Trade Center überlebte und nun beinahe in der Jaffa-Straße umkam.

Was sich im Herzen Jerusalems ereignet, überschattet auch andere Anschläge - etwa den, der sich nur Stunden später bei Tel-Aviv ereignete. Denn dies sind Anschläge nicht nur im Herzen Jerusalems, sondern im Herzen Israels und - wenn man so sagen kann - im Herzen des israelisch-palästinensischen Konfliktes.

Um dieses verteufelte Straßendreieck auf den Schlagzeilen zu nehmen, müsste der Nahe Osten endlich wieder den Weg in Richtung einer Friedensregelung einschlagen. Und selbst dann gäbe es keine Garantie für Ruhe. Denn die Feinde eines Friedens, die nicht bereit sind Israel anzuerkennen, werden so leicht nicht Ruhe geben. Was die Sache in letzter Zeit aber erschwert, ist die Tatsache, dass diese kompromisslosen Gegner Israels Zulauf bekommen. Sie bekommen Zulauf aus den Reihen der Gruppen und Organisationen, deren Führer - Yasser Arafat - bis vor kurzem wenigstens noch als Partner des Oslo-Abkommens und weiterer Friedensverhandlungen auftrat.

Diese Rolle wird Arafat von der Regierung Scharon abgesprochen. Was freilich nicht in deren Kompetenz steht. Man kann sich seine Feinde nicht aussuchen - und nur mit denen gilt es, Frieden zu schließen. Allerdings - und da hat Israel sicher recht: man kann nicht hinnehmen, dass die Gegenseite von Frieden spricht, aber Gewalttäter gewähren lässt, insgeheim unerlaubte Waffen importiert und selbst jetzt noch die Massen aufhetzt. Wie sonst wäre Arafats Aufruf vom Wochenende zu verstehen, die - so wörtlich - "Märtyrer" sollten "nach Jerusalem gehen". Selbstmordattentäter werden als solche "Märtyrer" bezeichnet.

Arafat hat sich auf solche Weise nicht nur Israel gegenüber in die Isolation gebracht, sondern auch gegenüber den USA. Im Gegensatz zu manchen Europäern hat Washington seine Ansicht über den Palästinenser-Führer gründlich geändert und will sich wieder aus der Nahost-Vermittlung zurückziehen. Letzteres mag eine völlig falsche Entscheidung sein - die Neu-Einschätzung Arafats aber war sicher längst überfällig.

Nur: Solange die Palästinenser Yasser Arafat als ihren Führer betrachten, solange wird man auch mit ihm zu tun haben. In Washington, im Kabinett Scharon. Und - leider - auch in der Jaffa-Strasse.