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Dürre

"Überall tote Tiere" am Horn von Afrika

Die Krise am Horn von Afrika spitzt sich zu. Millionen Menschen hungern. Asia Abdulkadir ist für die Kindernothilfe vor Ort. Im DW-Interview schildert sie ihre Eindrücke.

Eine verendete Ziege liegt auf einem grau-braunen Steinboden

Verendete Tiere sind an vielen Orten am Horn von Afrika zu finden (Archivbild)

DW: Frau Abdulkadir, Sie sind gerade am Horn von Afrika unterwegs. Wie erleben Sie die Situation dort?

Asia Abdulkadir: Am Horn von Afrika grassiert derzeit die schlimmste Dürre seit 2011. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben 40 Prozent der Somalis nicht genug Nahrungsmittel. Kinder sind davon am stärksten betroffen.

Was sehen Sie, wenn Sie unterwegs sind?

Als ich im März verschiedene Dörfer besucht habe, lagen überall tote Tiere herum. Wenn man in die Krankenstationen geht, sieht man dort Kinder, die durch Durchfallerkrankungen sehr geschwächt sind. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 5,5 Millionen Menschen in Gefahr, durch verseuchtes Wasser zu erkranken. Kinder sind oft am schwersten betroffen. In unserem Bereich beobachten wir, dass viele Kinder nicht zur Schule gehen. Es gibt eine unglaubliche soziale Destabilität, weil Familien auseinander gerissen werden. Unsere Partner aus Somaliland berichten auch, dass in den urbanen Gegenden viel mehr Straßenkinder zu sehen sind.

Wenn Kinder nicht mehr zu Schule gehen, wenn Kinder geschwächt sind - was wird das für Spätfolgen haben?

Wir versuchen, mit unseren Projekten Bildung zu fördern und unterstützen Familien. Kinder sind die Zukunft des Landes. Doch im Moment entsteht eine verlorene Generation: Kinder, die keine Schulen besuchen können, die gesundheitliche Probleme haben, die geschwächt sind. Es werden Erwachsene werden, die einen schwierigen Start ins Leben hatten, weil sie mit dieser massiven Situation konfrontiert waren.

Asia Abdulkadir (Foto: Kindernothilfe)

Asia Abdulkadir ist Länderreferentin für Somaliland

Hätte die internationale Gemeinschaft früher handeln müssen?

Ja. Die Regierung von Somaliland hat sich vergangenes Jahr im November an die internationale Gemeinschaft gewandt, weil sich die Situation zuspitzte und die Menschen viele ihrer Tiere verloren haben. Man hätte früher reagieren müssen. Und das ist leider nicht das erste Mal, das war auch 2011 so. Es wird oft leider erst gehandelt, wenn Bilder von toten Kindern in den Medien zu sehen sind. Vorher wird die Situation oft heruntergespielt.

Was kann man tun, damit sich solche humanitären Krisen nicht wiederholen?

Wir als Kindernothilfe haben Projekte, die langfristig angelegt sind. Viele unserer Projekte beschäftigen sich mit der Thematik der Genitalverstümmelung. Wir unterstützen parallel auch eine Komponente zur Dürrebekämpfung, um so den klimaangepassten Anbau zu fördern. Wir leben in Ländern, die maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich sind. Deshalb müssen wir unsere Haltung gegenüber der Umwelt und dem Klimawandel ändern und die Bedürfnisse der Menschen dort ernst nehmen. 

Ist es möglich, die Lage langfristig zu verbessern, wenn es keine politische Stabilität am Horn von Afrika gibt?

Somaliland ist politisch relativ stabil und ein Vorbild für andere ostafrikanische Staaten. Aber es ist genau so vom Klimawandel und von der Dürre betroffen wie der Südsudan oder andere Länder, in denen es keine politische Stabilität gibt. Deshalb muss man eine funktionierende Zivilgesellschaft fördern und von den Regierungen einfordern, dass sie die Zivilgesellschaft ernst nehmen. Das sehe ich als eine langfristige Perspektive. Somaliland hat auch eine gut funktionierende Diaspora, also Clan-Mitglieder, die im Ausland leben und ihre Verwandten und die eigene Community von dort unterstützen. In dieser schwierigen Situation reicht diese Hilfe jedoch nicht aus. Ohne internationale Unterstützung wird sich die Lage weiter zuspitzen.

Asia Abdulkadir ist die Landeskoordinatorin des deutschen Hilfswerks "Kindernothilfe" für Somaliland.

Das Interview führte Daniel Pelz.

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