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Bücher

Über teure Klassikerausgaben

Über Buchgeschenke, den Frühjahrsputz im Bücherregal oder über Schriftsteller als Autofahrer: Hier schreibt Thomas Böhm, Programm-Leiter des Kölner Literaturhauses, regelmäßig Kolumnen rund ums Lesen.

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Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich jahrlang nicht für einen bestimmten Klassiker oder einen Naturforscher interessieren - aber dann, wenn die 200 Euro teure kommentierte Dünndruck-Gesamtausgabe mit Goldschnitt eben dieses Klassikers oder eine Prachtausgabe der Schriften jenes Naturforschers mit farbigen Illustrationen annonciert werden – sehr versucht sind, diese anzuschaffen?

Mein Buchregal ist voll mit solchen, meist zum Subskriptionspreis erworbenen, bleischweren Meilensteinen der Klassikeredition, die ich in nie müde werdender Selbstüberredung deshalb angeschafft habe, weil ich sie sicher eines Tages in ihrer ganzen Vollständigkeit und Pracht brauchen werde. In den Fällen, in denen ich schon mal einen Blick in die lieben und teuren Neuanschaffungen geworfen habe, geschah dies stets mit einem gehobenen Gefühl - das mir unheimlich geworden ist, seit ich eine Studie der amerikanischen Akademie für Wissenschaften gelesen habe, die Experimente zur Verbindung von Werbung, Preis und Genuss von Produkten anstellte.

Teuer gleich Genuss?

Dabei stellte sich beispielsweise heraus, dass bei Probanten, denen gesagt wurde, sie tränken teuren Wein die Aktivität in den Gehirnregionen, die über den Geschmack mitentscheiden, deutlich anstieg – auch wenn es sich tatsächlich gar nicht um teuren Wein handelte. Bei einem anderen Versuch wiesen die Forscher nach, dass allein der Preis eines Energy Drinks die Fähigkeit des Probanten mitbestimmte, Rätsel zu lösen.

Es bedurfte schon eines großen Schlucks meiner bevorzugten Energy Drink-Qualitätsmarke um mich von dieser Selbsterkenntnis zu erholen und weiterzudenken.

Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Wenn die Verbindung von Hochpreis und Hochgenuss wirklich gegeben ist, dann müssten Leser z.B. in Finnland, wo Bücher vergleichsweise teuer sind... jemand erzählte mir, dass der durchschnittliche Buchpreis in Finnland dem eines guten Abendessens für zwei Personen entspricht; eine Buchpreisbindung die mir sofort einleuchtete... dann müssten also Finnen genussvollere und letztlich bessere Leser sein.

Und wo stehen die Finnen in der Pisa-Studie? Ach so, auf Platz 1. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass sie so hohe Alkoholsteuern haben, dass niemand es sich leisten kann, beim Lesen zu trinken. Und somit wissen sie eine alterwürdige Kombination nicht zu schätzen: ein Buch und dazu ein Glas Wein. Ein echter Klassiker, bei dem der Preis keine Rolle spielt.

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