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Bücher

Über Literaturverfilmungen

Über Buchgeschenke, den Frühjahrsputz im Bücherregal oder Schriftsteller als Autofahrer: hier schreibt Thomas Böhm Kolumnen rund ums Lesen.

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Es gibt eine Versuchung, die mich regelmäßig überkommt: "Wechsle die Kunstgattung! Geh zum Film!" Denn, das rechnet mir der Teufel auf meiner Linken Schulter vor (woher habe ich eigentlich dieses Bild?): ich kann zu meinen Lebzeiten nicht mehr alle guten Bücher der Weltliteratur lesen. Aber ich kann mir alle guten Filme der Filmgeschichte anschauen.

Wenn ich dann so beim Rechnen und Vergleichen bin, fällt mir ein, was für ein Aufwand zum Beispiel so eine Szene wie der Ball in der neuen Buddenbrooks-Verfilmung ist. 300 Komparsen, Kostüme, Kulissen, Stars, Kamerakräne. Thomas Mann hat die gleiche Szene mit ca. vier Tassen Tee, einer halbe Tafel Schokolade, einer warmen Mahlzeit, fünf Blatt Papier und einem Füllfederhalter hingekriegt. Aufwandsunterschiede

Über solche Aufwandsunterschiede könnte man diskutieren, wenn es um Literaturverfilmungen geht, statt über die öde Frage, ob nun der Film besser oder schlechter ist als das Buch.

Natürlich können Filmfreunde die Gegenrechnung aufmachen: Dank der Verfilmungen haben die Bücher ein zweites Leben – denn gelesen werden sie ja kaum noch. Und die Verlage freuen sich, wenn sie ihre Klassiker mit dem Foto bekannter Schauspieler neu auflegen können.

Aber genau da fängt das Problem an, zumindest meines. Ich will gar keine Schauspieler, die meine Phantasie besetzen. Ich will keinen Armin Müller-Stahl als Konsul Buddenbrock. Wenn ich dessen Gesicht sehe, denke ich immer an den von ihm in Jim Jarmush’ "Night on Erath" gespielten New Yorker Taxifahrer Helmut, der kein Wort Englisch spricht. Und warte im Buddenbrook Film darauf, dass der Konsul am Ende des Balls alle in die Sammeltaxe lädt. Die Schwarzen Löcher der Drehbuchschreiber

Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Um noch grundsätzlicher zu werden: Bücher lassen sich nicht verfilmen. Bestenfalls Geschichten. Der Raum, den Bücher brauchen – ihre Ausdehnung in Zeilen auf Papier – gerät bei Verfilmungen in die Schwarzen Löcher der Drehbuchschreiber. Und die Zeit, die Bücher ihren Lesern schenken, wird geschnitten auf die Länge einer Familienpackung Popcorn und einem Liter Cola.

Sicher: Es gibt gute Filme. Sogar solche, die von Büchern inspiriert wurden. Aber es gibt (und das sage ich dann immer dem Teufel, der daraufhin verpufft): viel mehr gute Bücher als gute Literaturverfilmungen.

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