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Bücher

Über Liebesbriefe

Über Buchgeschenke, den Frühjahrsputz im Bücherregal oder Schriftsteller als Autofahrer: hier schreibt Thomas Böhm Kolumnen rund ums Lesen.

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"Nichts wird in einem Liebesbrief so übelgenommen wie orthographische Schnitzer. Die Sorgfalt, die man auf das Schreiben verwendet, gilt als Ausdruck für die Ernsthaftigkeit der eigenen Gefühle." Dies ist eine der Aussagen, mit der die Züricher Soziolinguistin Eva Wyss jüngst in einem Artikel im Handelsblatt unter der Überschrift "Küsse aus Tinte" zitiert wurde. Wyss hat, so das Handelsblatt, ein weltweit einzigartiges Liebesbriefarchiv mit insgesamt 6.306 Herzensbotschaften zusammengetragen und ausgewertet und kann deshalb Tipps für den richtigen Liebesbrief geben wie, zum Beispiel, dass man die "eigenen Gefühl befragen, statt irgendwelche formelhafte Wendungen" bemühen soll, wie sie exemplarisch der Liebesbriefgenerator www.liebste.de auswirft.

"So persönlich wie möglich, heißt das Geheimnis" verrät Eva Wyss.

Küsse aus Tinte mit eigenem Gefühl

Der Artikel macht leider ein Geheimnis daraus, wie die 6.306 Briefe zueinander gefunden haben; ob Wyss Privatarchive gesichtet, Zeitungsanzeigen aufgegeben, auf Trödelmärkten Briefkonvolute gekauft oder die Briefwechsel der Weltliteraten gelesen hat. Wahrscheinlich hat sie von allem ein bisschen getan, was mich ein bisschen traurig macht, wenn ich bedenke, welchen Weg all unsere Liebes-Worte, die so persönlich wie möglich sind, einst gehen. Haben sie grade noch die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt, unüberbrückbare Distanzen mit ein paar Zeilen überwunden, gemeinsame Augenblicke zur Ewigkeit gedehnt, sind sie jetzt Material für Soziolinguisten und landen in einer Wirtschaftszeitung.

Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Human Ressources haben Schicksale

Aber wer weiß, vielleicht lernen die Manager, die das Handelsblatt lesen, ja aus der Lektüre von Liebesbriefen. Zum Beispiel, dass Wirtschaft auch etwas mit Gefühlen, mit Menschen und Schicksalen, statt mit formelhaften Wendungen wie "betriebsbedingte Kündigung" oder "Human Ressource" zu tun haben könnte.

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