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Politik

Über-Leben in Moskau

Stell Dir vor, Du wohnst in der zweitteuersten Stadt der Welt und hast im Monat 50 bis 100 Euro zum Leben. So ergeht es hunderttausenden Rentnern, Studenten oder unterbezahlten Verkäufern in Moskau.

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Es heißt, rund ein Drittel der Russen, knapp 50 Millionen, lebten unter der Armutsgrenze. Wenn Du sehenden Auges durch das Land fährst, ist die Armut auch zum Greifen nah. Vor allem in der Provinz, auf dem Land, fragst Du dich, wovon viele Menschen überhaupt leben. Aber die meisten von ihnen, gerade die Moskauer, sind erfinderisch und suchen nach Wegen, um dem harten postkommunistischen Alltag zu trotzen.

Besonders im Sommer bestätigen sich alle Deine Klischees. Die Babuschkas, alte Frauen in bunten Kopftüchern, säumen die Eingänge zur Moskauer Untergrundbahn. In ihren Händen halten sie Blumen, in kleinen Eimern findest Du einige Gurken, Kirschen, Pilze oder Sonnenblumenkerne. Alles selbst geerntet, im Wald oder eigenen Garten, auf der Datscha, dem kleinen Häuschen, meist viele Kilometer vor dem Stadtrand der zwölf-Millionen-Metropole Moskau.

Unaufhaltsamer sozialer Abstieg

Mit dem Bus, der Vorortbahn und der U-Bahn bringen die Babuschkas ihre Waren nach Moskau. Einige Stunden dauert oft die Fahrt ins Stadtzentrum. Aber nicht alle kommen vom Land. Viele ältere Frauen und einige Männer, die heute allein vom Gelegenheitshandel leben, hatten zu Sowjetzeiten sichere Jobs, waren Lehrerinnen oder Ingenieure. Heute ist selbst für viele ältere Moskauer mit guter Ausbildung der Straßenhandel zum Alltag geworden. Auf eine menschenwürdige Pension wirst Du in Russland noch lange warten müssen.

Als Rentner mit besonderem Status kannst Du deine kostenlosen Vergünstigungen, die Du vom Staat bekommst, gegen bare Münze tauschen. Veteranen des Zweiten Weltkrieges, Behinderte oder Opfer der Atomkatastrophe von Tschernobyl, verkaufen schon mal ihr subventioniertes Theater-Abonnement an Besserbetuchte. Damit kannst Du dir vielleicht einen kleinen Extrawunsch erfüllen. Große Sprünge wirst Du trotzdem nicht machen können. Die staatliche Rente reicht so gerade mal für die Miete, die Sozialabgaben und die Grundnahrungsmittel.

Zu arm, um zu wohnen

Eine Wohnungsrenovierung wäre unbezahlbar, und wenn Dein Fernseher mal kaputt geht, bleibt der Bildschirm eben schwarz, ein Neugerät bleibt Dein ewiger Wunschtraum. Ein Restaurant oder Cafe haben die meisten Rentner schon seit Jahren nicht mehr von innen gesehen. Westliche Medikamente sind ebenfalls außerhalb der Reichweite. Nur wenn Du dazuverdienst, führst Du als Rentner ein halbwegs menschenwürdiges Leben.

Auch die jüngeren Hauptstädter sind erfinderisch. Wenn Du vom Aussehen noch als Student durchgehst und kein Geld hast die U-Bahn zu bezahlen, besorgst Du dir kurzerhand einen Studentenausweis. Das geht mehr oder weniger ohne Probleme, ein wenig Geld musst Du an der richtigen Stelle aber schon abliefern. Der Wechsel vom Studenten- zum Senioren-Ticket geht dann nahtlos. Als in die Jahre gekommener Student, begibst Du dich zu einem Arzt und überzeugt diesen, dass Du ein Invalide bist. Gegen einen kleinen Betrag wird der Arzt Dir schnell zustimmen. Jetzt kannst Du die U-Bahn wieder kostenlos benutzen. Allerdings nicht mehr sehr lange. Das neue Sozialgesetz ersetzt alle kostenlosen Vergünstigungen durch staatliche Barzahlungen. Ein anderer Weg, preiswert durch Moskau zu fahren zu fahren, wird sich aber sicherlich bald finden.


Not macht erfinderisch

Du hast noch eine Möglichkeit deine bescheidenen Monatseinkünfte aufzubessern, vorausgesetzt, Du hast ein Auto. Dann gurkst Du einfach durch Moskaus Straßen und schaust, wer gerade einen Arm ausstreckt. Dort hälst Du an, nimmst den Passagier mit und kannst als nirgendwo registrierter Taxifahrer, pro Fahrt im Zentrum, so Deine 100 Rubel, also rund drei Euro verdienen. Steuerfrei versteht sich.

Nennst Du sogar eine Wohnung im Zentrum von Moskau, noch aus Sowjetzeiten, Dein eigen, dann solltest Du das Nützliche mit dem Schönen verbinden und die frische Luft im Umland genießen. Wohlhabende Russen oder Ausländer ziehen gerne in Deine Gemächer ein. Du ziehst in eine kleine Datscha bei Moskau und lebst, sogar recht gut, von der überteuerten Miete. Wäre das was?

Solltest Du all diese oben aufgezählten Voraussetzungen aber nicht erfüllen, hast Du in Moskau schlechte Karten. Dann bleibt Dir im Überlebenskampf nur noch ein völlig unterbezahlter Job als Parkplatzwächter, Stadtkurier oder Zigarettenverkäufer. Als Rentner-Kurier kannst Du übrigens (noch) die U-Bahn kostenlos benutzen. Obwohl all die Angebote nicht wirklich lukrativ klingen, ist es vielleicht am Ende doch besser, als zu Hause auf die nächste staatliche Rente zu warten.