Über Krankheiten reden | Spurensuche | DW | 16.02.2018
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Spurensuche

Über Krankheiten reden

Mit einer Krankheit verändert sich alles im Leben, besonders wenn die Diagnose sehr ernst ist. Nicht nur die Therapie ist wichtig. Pfarrer Ralph Frieling wirft einen Blick auf eine biblische Geschichte.

Zwölf Jahre krank

Zum Gesund-Werden gehört es auch, über die eigene Krankheit reden zu können. Davon erzählt eine Geschichte in der Bibel.

Zwölf Jahre lang war die Frau chronisch krank gewesen. Sie wusste alles über ihr Leiden, hatte alle Ärzte ausprobiert. Jeder untersuchte sie, stellte die Diagnose und begann mit einer Therapie, und jedes Mal keimte die Hoffnung in ihr auf: Vielleicht wird es ja diesmal etwas und ich werde gesund. Aber unter`m Strich hatte ihr keiner der Ärzte helfen können. Berechnet hatten sie ihr die Bemühungen natürlich trotzdem. Die Frau war darüber arm geworden, sie brauchte ihre Ersparnisse auf, verkaufte ihr Haus und ihr Hab und Gut. Eines Tages, so erzählt es das Markusevangelium, kam Jesus an ihr vorbei, umringt von unzähligen Menschen. (Markus 5,24-34): Begleiter und Schaulustige überall.

Jesus hatte es eilig, das sah sie sofort. Kein Händeschütteln, kein Verweilen, keine Gespräche im Bad der Menge. Wohin ihn seine Schritte so schnell führten, das wusste sie nicht. Nur soviel: Jetzt bot sich ihr eine Chance. Jesus heilte Kranke, das hatte sie gehört. Warum nicht auch sie - nach zwölf Jahren...

Nur, ob er sie hören wird, wenn sie ihn anspricht? Da war sie sich nicht so sicher. Selbst wenn, ob er sich wohl Zeit für sie nimmt? Wahrscheinlich nicht. „Aber vielleicht“, dachte sie, „vielleicht reicht es ja, wenn ich die Kleidung des Wundertäters berühre, so nebenbei, muss ihn ja nicht weiter stören“. Die Frau drängte sich an den anderen vorbei, schob und schubste, bis sie hinter Jesus war, kurz innehielt und sein Gewand berührte.

 

Die ganze Wahrheit

Jesus blieb stehen. Die Leute blieben stehen. Er fragte: „Wer war das? Wer hat meine Kleider berührt?“ Die Jünger guckten ihn fragend an: „Na wer wohl, hier rempeln doch alle.“ - „Nein, nein“, sagte er, „da passierte gerade etwas, ich habe gespürt wie eine Kraft von mir ausging“, und sein Blick ging durch die Menge und fiel auf sie. Die Frau erschrak. Ja, sie war gesund geworden mit dieser einen Berührung seines Gewandes. Sie spürte förmlich, wie die Krankheit von ihr gewichen war, spürte diese Kraft in sich aufsteigen. Und kam sich jetzt vor wie auf frischer Tat ertappt: die Heilung hatte sie sich heimlich erschlichen. War das verboten? Sie kam zu Jesus, so heißt es in der biblischen Geschichte, und fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.

Wie die Wunderheilung ging, erzählt die Bibel nicht. Ich bleibe aber an diesem letzten Halbsatz hängen, weil er - Wunderheilung hin oder her - von großer Bedeutung ist. Die Frau erzählte Jesus ihre lange Krankengeschichte, berichtete von ihren enttäuschten Hoffnungen, von ihrer Armut, ihrer Einsamkeit. Denn zur Wahrheit gehörte vermutlich auch, dass sie in ihrer Familie und im Freundeskreis inzwischen nur noch auf taube Ohren stieß mit ihren Krankengeschichten. Die Menschen in ihrem Umfeld konnten ihre Beschwerden nicht mehr hören. Die Krankheit hatte nicht nur die Frau selbst geschwächt, sondern auch die Beziehungen, in denen sie lebte.

Die Frau kostete es Kraft, Haltung zu bewahren mit ihren chronischen Schmerzen. Wenn sie eines gelernt hatte, dann dies: Gesundheit ist ein unglaubliches Geschenk. Wie gerne wäre sie damit beschenkt worden.

Und sie sagte Jesus die ganze Wahrheit. Wie gesagt, Jesus hatte es eilig, und doch nahm er sich jetzt die Zeit. Er hörte der Frau zu, gab ihr Ruhe und Gelegenheit sich auszusprechen. Und das Gefühl, geschätzt und ernst genommen zu werden. Zum Schluss sagte er zu ihr: „Geh in Frieden und sei gesund von deiner Plage.“

Zum Heilungsprozess gehört es, über die Krankheit reden zu können. So wird sie verarbeitet. Wie gut, dann auf offene Ohren zu treffen.

 

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