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Kultur

Über die Mauer in die Welt

China stellt weltweit die größte Gemeinde an Internetnutzern. Hingebracht hat das Internet vor 20 Jahren ein Deutscher. Welch rasantes Wachstum es weltweit erleben sollte, konnte er damals noch nicht einmal ahnen.

Prof. Werner Zorn 1987 in China, Foto: HPI

Prof. Werner Zorn brachte China ans Netz

"Über die große Mauer erreichen wir alle Ecken der Welt." Am 20. September 1987 tippte Werner Zorn diese Worte in eine Computertastatur an der Technischen Universität Peking, Sekunden später traf der Satz auf dem Großrechner der Universität Karlsruhe im Süden Deutschlands ein. Da war sie, die erste E-Mail aus China. Der Informatikprofessor Werner Zorn war nach Peking gereist, um chinesische Wissenschaftler an das neue elektronische Netz anzuschließen. Drei Jahre zuvor hatte er das schon Deutschland getan.

Rechner, so breit wie ein Kleiderschrank

"Es war ja die Zeit, in der China sich zu öffnen begann. Wo Deng Xiaoping gesagt hat, es soll allen besser gehen." In dieser Lage habe man alles gut geheißen, was die Verbindung irgendwie verbessern konnte, sagt Zorn über die damalige Stimmung. Eine engere Anbindung Chinas an den Westen wurde jedoch nicht überall auf der Welt gerne gesehen. In den USA fürchteten Militärs und Politiker moderne Technik in den Händen der kommunistischen Führung Chinas.

Laut Zorn ging es jedoch vorallem darum, dass keine amerikanischen High-Tech Produkte ohne Zustimmung nach China eingeführt wurden. Das habe man damals dadurch vermieden, "dass wir eben deutsche Rechner mit deutscher Implementierung verwendet haben." Die damaligen Siemens-Rechner hätten noch die Breite eines Kleiderschrankes gehabt, sagt Zorn.

Was schicken die denn da?

Surfende Chinesin, Quelle: AP

Die 'Bestimmungen zur Kontrolle des Internets' hindern Chinesen am freien Surfen

Trotz der sperrigen Rechner – die neue Technik begeisterte. Die E-Mails flogen fröhlich hin und her zwischen den Kontinenten, endlich konnten chinesische Informatiker sich am weltweiten Wissensaustausch beteiligen. Und noch wurde das Netz kaum kontrolliert. Der Nachrichtenfluss war "so ein kleines Rinnsal" und noch überschaubar, sagt Zorn. Natürlich sei es abgreifbar gewesen und vielleicht auch gemacht worden - Zorns Meinung nach jedoch eher unter dem Motto "Was schicken die denn da?"

Erst 1994 entwickelte China ein eigenes unabhängiges Netz. Und zwei Jahre später schob die chinesische Regierung mit den "Bestimmungen zur Kontrolle des Internets" der freien Entwicklung einen Riegel vor. Das Internet habe sich in China seit dem ja trotzdem ganz prächtig entwickelt, sagt Hu Qiheng. Sie ist Vorsitzende der chinesischen Internetgesellschaft, einer staatlichen Organisation, die eng mit dem Ministerium für die Informationsindustrie zusammenarbeitet. Das Internet wird heute nicht nur von der Mehrheit der jungen Menschen genutzt, sondern auch von sehr vielen älteren Menschen in China. "Die chinesische Internetwirtschaft wächst schneller als der Rest der chinesischen Wirtschaft", so Hu Qiheng. Gerade wegen des ungebremsten Wachstums müssten die "negativen Auswüchse" des Netzes bekämpft werden.

Das Internet, ein "höllischer Ort"

Darüber muss man aber laut Qiheng gar nicht diskutieren. "In China herrscht Konsens darüber, dass das Internet ein Teil unserer Gesellschaft ist, in dem es eben auch Verbrechen und Betrug und viele schlechte Taten gibt", sagt sie. "Wenn wir die Kontrolle darüber verlieren und die Regierung das Internet nicht mehr bewacht und betreut, dann wird das Internet zu einem höllischen Ort."

Prof. Hu Qiheng überreicht Prof. Werner Zorn eine Auszeichnung der Internet Society of China als Dank für seine Bemühungen um den Anschluss Chinas ans Internet vor 20 Jahren, Foto: HPI/ K. Herschelmann

Prof. Werner Zorn brachte China ans Internet

Chinesische Oppositionelle bemängeln jedoch, dass vor allem regierungskritische Websites von staatlicher Zensur betroffen sind. Für sie widerspricht ein kontrolliert wachsendes Internet dem Grundgedanken des sich frei entwickelnden Netzes. Für Internetpionier Werner Zorn steht fest, dass sich am Ende immer der Erfindergeist gegen die Kontrolle durchsetzt. Die Wissenschaft habe unter allen politischen Systemen stets versucht, "die Verbindung zu halten". Aus eigener Erfahrung rate er deshalb dazu, stets den Kontakt mit scheinbar verschlossenen Ländern zu suchen. Zumindest eine E-Mail könne man ja mal schreiben.

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