1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Über die Kunst des Übersetzens

Wie werktreu muss eine Übersetzung sein? Darf sich der Übersetzer selbst einbringen? Im Interview erzählt Burkhart Kroeber, der langjährige Übersetzer von Umberto Eco in Deutschland, über seinen Beitrag zum Erfolg.

default

Burkhart Kroeber erzählt von der Schwierigkeit, die richtigen Worte in einer anderen Sprache zu finden.

DW-WORLD: Herr Kroeber, nach über 26-jähriger Erfahrung als Übersetzer haben Sie nun ein Buch über das Übersetzen selbst übersetzt – es heißt "Quasi dasselbe mit anderen Worten" und ist das neue Buch von Umberto Eco, für dessen Werke Sie von Beginn an zuständig gewesen sind. Wie haben Sie diesen Ausflug in die Meta-Ebene empfunden?

Burhart Kroeber: Das war natürlich ein absolut einmaliges Ereignis. Ich habe so etwas persönlich noch nie vorher gemacht und ich kenne auch niemanden unter meinen Kollegen, der jemals ein Buch, das sich derart ausführlich mit unserer eigenen Tätigkeit auseinandersetzt, selbst übersetzt hätte - womöglich gar ein Buch seines eigenen, langjährigen Autors. Normalerweise wird solch ein Buch auch gar nicht übersetzt. Hätte zum Beispiel ein französischer oder englischer Autor mit einem weit geringeren Bekanntheitsgrad als Umberto Eco sich mit der Materie beschäftigt, so hätte es vielleicht in seinem eigenen Land großes Interesse dafür gegeben, aber das Buch würde kaum in andere Sprachen übersetzt werden, denn zum Beispiel an Universitäten und in anderen interessierten Leserkreisen würde man es in der Originalsprache lesen können.

Buchcover Umberto Eco Quasi dasselbe mit anderen Worten

Umberto Ecos neues Werk: "Quasi dasselbe mit anderen Worten"

Aber bei Eco lag der Fall natürlich ganz anders. Zumal er ja keine Theorie des Übersetzens geschrieben hat, davon gäbe es ohnehin bereits genug. Stattdessen hat Eco seine jahrzehntelange Erfahrung als weltweit übersetzter Autor und seinen Umgang mit Übersetzern, sowie auch seine eigene übersetzerische Tätigkeit – die vielen vielleicht gar nicht bekannt ist – zum Thema gemacht. Natürlich lässt er auch sein theoretisches Wissen zu diesem Thema mit einfließen, aber das steht nicht im Mittelpunkt. Insgesamt ist also ein Buch entstanden, in dem eine Fülle von Beispielen aus der Welt des Übersetzens erörtert wird. Für mich persönlich war es natürlich besonders lustig und interessant, dass ich selbst als Beispielgeber immer wieder darin vorkomme, zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen in anderen Sprachen. So etwas ist für literarische Übersetzer sicherlich singulär.

Wie muss man sich das vorstellen, Übersetzungen zu übersetzen? Eco hat sein Buch schließlich auf die italienische Sprache bezogen.

Das war ein generelles Problem bei diesem Buch. Als es vor drei Jahren in Italien erschien, haben alle erst einmal den Kopf geschüttelt und gesagt, das ließe sich doch gar nicht in andere Sprachen übersetzen. Und selbst wenn – wem sollte man es verkaufen? Es wimmelt von Beispielen aus bis zu sechs verschiedenen Sprachen. Eco schreibt selbst im Vorwort des Buches, dass er sich dieser Problematik durchaus bewusst ist. Doch mein Verlag in Deutschland hatte beschlossen, das Buch auf jeden Fall zu machen. Und so wurde ich mit der Übersetzung beauftragt und um eine "pragmatische Lösung" des Problems gebeten – ich würde das schon irgendwie hinkriegen [lacht]. Ich habe mir dann beim Übersetzen als Idealleser jemanden vorgestellt, der zwar Englisch lesen kann – was man bei Intellektuellen und literarisch Interessierten schließlich voraussetzen darf –, aber doch für erklärende Hilfe dankbar ist, wenn es etwa um Französisch oder Italienisch geht. Natürlich habe ich die von Eco angeführten Beispiele so übernommen, wie sie waren. Ein Übersetzungsbeispiel kann man ja nicht übersetzen. Aber man kann durchaus kleine Verständnishilfen geben, sei es durch Fußnoten oder durch eigene Erklärungen.

Eco hat seinen weltweiten Erfolg hauptsächlich seinen belletristischen Werken zu verdanken. Wird nun dieses neue Buch nur einen viel kleineren Kreis ansprechen?

Abgesehen von den erwähnten Englischkenntnissen muss der Leser, der ein Sachbuch dieser Art in die Hand nimmt, natürlich auch ein bisschen was von der Thematik selbst verstehen – oder aber zumindest verstehen wollen. Wer sich ausschließlich für Ecos Romane interessiert, für den ist das sicher nicht das Richtige. Auf der anderen Seite erfährt der Eco-Fan aber auch sehr viel Hintergründiges: Es werden schließlich zu einem Großteil Beispiele aus seinen eigenen Romanen angeführt. Außerdem gibt Eco sehr viel über seine eigenen literarischen Vorlieben und Abneigungen preis, wenn er etwa aus seinen Lieblingsgedichten und Lieblingsromanen zitiert. Man lernt also sehr viel über den Autor, seinen Geschmack und natürlich sein Gesamtwerk.

Wie viel steckt vom Übersetzer in diesem Gesamtwerk drin?

Lassen Sie mich das an einem Beispiel zeigen: Es gibt dann und wann das Phänomen, dass ich beim Übersetzen vielleicht auf ein Wortspiel stoße, das sich einfach nicht ins Deutsche übersetzen lässt – wenn es schlichtweg nicht machbar ist, muss ich mich mit diesem Verlust eben abfinden. Wenn ich nun aber an einer anderen Stelle, vielleicht auch einige Seiten weiter, ein eigenes Wortspiel erfinde, das so im Original gar nicht vorkommt, aber gut passt, dann bietet es sich doch an, den vorangegangenen Verlust dadurch zu kompensieren. So etwas finde ich absolut legitim. Natürlich sollte man das im Vorfeld mit seinem Autor abklären, aber in so einem Fall würde er wahrscheinlich zustimmen.

Kann denn ein Übersetzer das Originalwerk sogar verbessern?

Zunächst auf einer ganz banalen Ebene sowieso: Wenn sich etwa ein sachlicher, nachprüfbarer Fehler eingeschlichen hat, dann ist man sogar dazu verpflichtet, diesen auszubessern und auch den Autor darauf hinzuweisen.

Aber man bekommt als Übersetzer hin und wieder von wohlmeinenden Kritikern auch zu hören, die Übersetzung habe ihnen besser gefallen, als das Originalwerk. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Aussage des großartigen Schriftstellers Gabriel García Márquez gegenüber der New York Times, die englische Version seines Romans "Hundert Jahre Einsamkeit“ finde er besser als sein Original.

Dass es so etwas geben kann, sehe ich aber nicht als Wunder an. Denn wie Umberto Eco es selbst einmal so schön beschrieben hat: Ein Autor, der einen Roman schreibt, muss zunächst eine ganze Welt erfinden – nicht nur die Sprache, in der sich diese Welt ausdrückt, sondern das gesamte Konstrukt. Erst wenn die Architektur dieser Welt vollständig entwickelt ist, wenn das Gebäude steht, erst dann kann er sich der Fassade – der Sprache – widmen. Wir Übersetzer müssen kein ganzes Haus neu bauen, wir können uns gleich voll und ganz der Fassade widmen. Insofern kann es durchaus in bestimmten Konstellationen dazu kommen, dass ein für sich wunderbarer Roman in einer übersetzten Fassung sprachlich eine kleine Spur gelungener erscheinen mag.

Denken Sie, dass die Arbeit des Übersetzers heute ausreichend wahrgenommen und anerkannt wird?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist eher so, dass Kritiker, Buchhändler, und am Ende wahrscheinlich auch die Leser – allerdings äußern sich von denen ja nur die wenigsten – sich in vielen Fällen gar nicht bewusst sind, dass sie es mit einer Übersetzung zu tun haben. Sie nehmen es einfach nicht zur Kenntnis. Wie oft kommt es vor, dass ein Kritiker die „feine, sensible“ Sprache eines bestimmten Autors lobt und dabei völlig vergisst, dass er eigentlich die Sprache des Übersetzers loben müsste. In letzter Zeit hat sich das zwar ein wenig zum Besseren gewandelt, aber die Wahrnehmung ist immer noch viel zu gering. Noch schlimmer als bei belletristischen Übersetzungen ist dies aber bei Sachbüchern – hier ist das Verdienst der Übersetzer noch überhaupt nicht richtig ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Die Arbeit der Übersetzer wird offenbar als rein mechanisch und nicht erwähnenswert erachtet, was natürlich eine grobe Unterschätzung ist.

Eine philosophische Frage zum Schluss: Empfinden Sie persönlich die Sprachvielfalt unserer Welt – sei es aus der Sicht des Literaten, Übersetzers oder des Privatmenschen – eher als babylonischen Fluch oder als Bereicherung?

Nun, als Übersetzer lebe ich davon: Wenn es nur eine Sprache für alle gäbe, hätte ich nichts zu tun, insofern ist die Sprachenvielfalt ein Segen. Und dasselbe würde ich auch als Literat oder Literaturleser sagen, denn mit den vielen Sprachen kommen ja auch viele neue Denk- und Sichtweisen in die Literatur. Als Privatmensch leide ich manchmal daran, dass ich nicht genug Sprachen beherrsche und selbst mit der eigenen oft genug zu ringen habe. Aber als Fluch würde ich das nicht bezeichnen, eher als permanente Herausforderung.

Die Redaktion empfiehlt