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Wirtschaft

Über die Bühne aus der Arbeitslosigkeit

Es ist eine ungewöhnliche Idee: Menschen über Theater aus der Langzeitarbeitslosigkeit zu holen. Sandra Schürmann hat "Jobact" gegründet, eine Institution, die genau das mit Erfolg macht, wie sie im Interview erklärt.

DW: Frau Schürmann, wie kamen Sie auf die Idee, dass Langzeitarbeitslose über Theaterspielen in den Beruf finden könnten?

Sandra Schürmann: Aufgrund meiner Biographie, ich bin selbst Schulverweigerin. Das heißt, ich habe eine sehr schräge Schulentwicklung gemacht mit mehreren Abbrüchen mit mehrfachen Schulverweisen. Für mich stellte sich daher schon immer die Frage, ob die Art und Weise, wie Arbeitsagenturen versuchen Langzeitarbeitslose wieder in die Berufswelt zu integrieren, die richtige Form sein kann - über eine fachliche Qualifizierung, über das Nachholen von Schulabschlüssen… Können das geeignete Maßnahmen sein, für Menschen, die schon in der Schule gescheitert sind, im Grunde danach so weiter zu machen. Und zu hoffen, dass irgendwann der Funke überspringt.

Dann gab es diesen zündenden Moment, als ich in einem Schülertheater hier in Witten war. Dabei muss man sagen, ich bin keine große Theatergängerin und habe selber nie Theater gespielt, aber dieses Feuer im Raum, diese Energie, die hat mich inspiriert. Ich glaube mit dieser Energie kann man alles weitere erreichen.

Wie sieht das Projekt Jobact aus?

Im Grunde wird fast Vollzeit von der Idee bis zur Premiere ein komplettes Bühnenstück erstellt. Das fängt an mit der Gruppenfindung, geht weiter mit der Auswahl eines Stückes, dem Bühnenbau, der Masken- und Kostümbildnerei. Alles rund um das Theaterstück wird gemeinsam erarbeitet.

Sandra Schürmann (Foto: Jobact)

Sandra Schürmann, Gründerin der Projektfabrik

Parallel dazu betreut ein Sozialpädagoge die Gruppe. Dadurch findet eine sehr intensive Wahrnehmung statt und es können natürlich auch vertiefte Gespräche mit jedem einzelnen geführt werden. Das ist etwas ganz anderes, als wenn sie in einer Beratungssituation dem Menschen - mit einem Tisch dazwischen - gegenüber sitzen und fragen, was willst du eigentlich? Die erste Phase des Projektes endet dann mit der Premiere.

Was ist das Besondere am Theaterspielen?

Also beim Theater erlebe ich mich ganzheitlich, in einer sehr feinen und sehr differenzierten Art und Weise. Ich erlebe mich körperlich ganz anders. Am Anfang fällt es den Jugendlichen zum Beispiel oft extrem schwer, sich körperlich zu betätigen. Am Ende des Projektes fordern die das ein. Auf der anderen Seite berührt das Theater auch die Seele. Das heißt, ich bin in einer Gruppe, ich muss im Team zusammen spielen. Ein Theaterstück ohne ein Team funktioniert nicht. Wenn mein Gegenüber schlecht Theater spielt, dann muss ich umso besser spielen, um ihn dadurch gut wirken zu lassen. Denn nur so, wirke ich auch gut. Das ist natürlich ein sehr schönes Mittel, um festzustellen, wie man eigentlich zusammenarbeitet.

Der dritte Aspekt ist, ich treffe natürlich in einer kreativen, künstlerischen Arbeit auch auf die Welt der Ideen und Inspiration. Die Teilnehmer lernen den Mut zu haben, auch mal einer Inspiration oder einer Idee nachzugehen und die in die Tat umzusetzen.

Über Theater werden die Jugendlichen also auf drei Ebenen gleichzeitig angesprochen. Und wenn sie ihren Job machen, können sie diese Ebenen genau so gut gebrauchen. Natürlich muss ich im Beruf auch in einer Interaktion sein. Ich muss auch mit meinen mitarbeitenden Kollegen zusammenspielen können. Ich muss mich darauf einlassen. Ich muss mich auch mal trauen einer Idee zu folgen und die in die Tat umzusetzen.

Teilnehmerin von Jobact (Foto: Jobact)

Teilnehmerin von Jobact

In der sechsmonatigen Theaterphase erleben die Menschen das Miteinander in der Gruppe. Das schweißt sie unheimlich zusammen und gibt ihnen ein Gefühl dafür, was es heißt, auch mal durch etwas durchzuhalten, anstatt abzubrechen und keinen langen Atem zu haben, weil es sich ja sowieso nicht lohnt. Das sind ja oft die Erfahrungen, die die Teilnehmer vorher schon häufig gemacht hatten, dass niemand an sie glaubt, dass niemand sie bestärkt, dass es egal ist, ob sie etwas abbrechen oder nicht. Das ist in unserem Projekt eben anders. Es endet in der Premiere und die Premiere gibt eine unglaubliche Energie.

Und nach der Premiere - kommt der Arbeitsmarkt?

Nach der Premiere wechselt das Projekt dann in die praktische Umsetzung. Das heißt, da nutzen wir noch mal die gleiche Zeit - fünf bis sechs Monate - für betriebliche Praktika. Da bekommen die Jugendlichen die Möglichkeit, das Gelernte, das Erfahrene, in der Praxis umzusetzen. Sie sind aber noch begleitet durch die Gruppe; die treffen sich noch einmal in der Woche zu einem Seminartag und arbeiten das in den Unternehmen Erlebte noch mal sowohl theaterpädagogisch als auch miteinander auf.

Wie findet jemand, der Theater spielt, denn den Beruf, der zu ihm passt?

Wir gucken wirklich sehr individuell, was jeder einzelne will, was er kann und sich zutraut. Da kommt vom Verkäufer im Einzelhandel bis hin zum Handwerker alles raus. Nur Schauspieler ist - soweit ich weiß - noch keiner geworden.

Ein Teilnehmer, ein junger Mann beispielsweise, wollte unbedingt in einer Bank arbeiten. Das konnte ihm niemand ausreden. Das Problem war aber, er hatte noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss und damit so gut wie keine Chance, in einer Bank genommen zu werden. In dem Projekt wurde aber klar, ihm ging es eigentlich hauptsächlich ums Auftreten. Er wollte immer auf der Bühne in einem schicken Anzug auftreten und er wollte einen Beruf haben, wo er in einer schicken Aufmachung arbeiten konnte. Das ist durch den Prozess, durch diese gemeinsame Arbeit klar geworden. Bis heute arbeitet dieser junge Mann bei einem Herrenmodeausstatter, der Armani-Anzüge verkauft. Er ist da einer der besten Verkäufer. Da kann er natürlich jetzt bei der Arbeit solche Anzüge tragen. Er hat seine Lehre dort gemacht und ist wirklich glücklich in dem Beruf.

Wie vielen Menschen konnten Sie mit dem Projekt aus der Arbeitslosigkeit helfen?

Theaterarbeit Jobact (Foto: Jobact)

Theaterarbeit soll nachhaltig wirken

Wir haben 2005 mit dem Projekt begonnen und zu dem Zeitpunkt hatten wir noch eine viel höhere Arbeitslosenzahl in Deutschland. Das heißt, das Klientel in den Projekten heute hat sich deutlich verschlechtert. Zu Beginn hatten wir eine Vermittlungsquote von durchschnittlich 60 Prozent. Das war deutlich höher als bei herkömmlichen Projekten für Langzeitarbeitslose.

Wir sagen nämlich, dass unsere Arbeit so nachhaltig wirkt, dass die Menschen gar nicht unbedingt direkt nach dem Projekt einen Arbeitsplatz haben. Aber dass die Arbeit, die wir machen, so eine tiefgreifende Selbsterkenntnis bewirkt, dass die Menschen sehr kreativ lebensgestaltend ihren Weg danach meistern. In einer Studie haben wir untersucht, was aus den Menschen drei Jahre nach dem Projekt geworden ist. Das Ergebnis war, das 70 Prozent der Teilnehmenden drei Jahre nach dem Projekt in einer versicherungspflichtigen Beschäftigung waren.

Wer wird über ihr Projekt gefördert?

Also die Projekte haben wir mittlerweile ausgeweitet, wir arbeiten also nicht nur mit Jugendlichen. Eine wirkliche Auswahl treffen wir bei den Teilnehmern nicht, das einzige Kriterium ist die Langzeitarbeitslosigkeit. Erst mal bekommen wir die Menschen von den Job-Centern benannt und wir laden sie zu einer Art Casting ein. Dabei erklären wir nicht viel, sondern regen direkt zum Mitmachen an. So können die Jugendlichen sich dann entscheiden, ob sie bei dem Projekt mitmachen ober nicht.

Die Projektfabrik hilft Arbeitslosen auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Anfänglich bezogen sich die Projekte auf jugendliche Langzeitarbeitslose unter 25 Jahren, inzwischen wurde das Programm ausgeweitet unter anderem auf Arbeitslose über 50, Alleinerziehende und Jugendliche ohne Schulabschluss. Für ihr Engagement wurde Sandra Schürmann mehrfach ausgezeichnet. Sie bekam den Deutschen Förderpreis "Jugend in Arbeit", belegte 2008 den zweiten Platz bei der Wahl zum Social Entrepreneurs 2008, wurde als eine von sieben deutschen Social Entrepreneurs 2009 in das weltweite Fördernetzwerk von Ashoka aufgenommen, erhielt 2010 das Bundesverdienstkreuz und gehörte auch 2011 zu den Finalisten des Wettbewerbs "Social Entrepreneur des Jahres"!

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