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Bücher

Über das Lesen in der Öffentlichkeit

Über Buchgeschenke, den Frühjahrsputz im Bücherregal oder über Schriftsteller als Autofahrer: Hier schreibt Thomas Böhm, Programm-Leiter des Kölner Literaturhauses, regelmäßig Kolumnen rund ums Lesen.

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In seiner Laudatio auf den Kleist-Preisträger Max Goldt riet Daniel Kehlmann ausdrücklich davon ab, Goldts Bücher im öffentlichen Raum zu lesen, da die Lektüre zu lautem und anhaltendem Lachen führe.

Ich halte diesen Rat für höchst seltsam, erst recht für einen Laudator, der ja will, dass der oder die von ihm Gepriesene unters Volk kommt. Und gibt es eine bessere Werbung dafür als Leser, die vor aller Augen das Lachen über deren Texte nicht unterdrücken können?

Ich jedenfalls schaue immer ganz geneigt hin, wenn ein Mitmensch einen literarisch inspirierten Lachanfall bekommt. Und halte, wenn ich selbst einer Lachattacke erliege, das Buch ein wenig senkrechter, um es neugierigen Mitreisenden nicht unnötig schwer zu machen.

Öffentliches Lesen ist doch sowieso eine latent aggressive Form von Exhibitionismus. Schaut her! Ich lese. Im Trendcafé, im ICE, auf der Nudistenwiese, im Billigflieger, auf der Bank vor dem Affenhaus.

Schaut her: ich bilde mich!

Was sagt man der Öffentlichkeit eigentlich damit, wenn man in ihr liest? Wohl doch: Du interessiert mich grundsätzlich nicht, bitte sprich mich nicht an, Du darfst mir aber gerne zuschauen wie ich mich bilde. Schau auf mein Gesicht, wie ich empfinde, erkenne auf meiner Stirn, wie ich denke, sieh an meiner Gelassenheit, was ich alles kenne.

Wenn man bedenkt, wie sich die stille Lektüre erst im 18. Jahrhundert parallel zur Entstehung neuer Wohnverhältnisse entwickelte, im Zuge derer Wohnungen mit Räumen entstanden, in denen die individuelle Privatheit und Muße gewährleistet waren, ist es höchst bemerkenswert, wie schnell die Lektüre aus dem grade bezogenen stillen Kämmerlein in den Lärm der Öffentlichkeit gelangt ist. Das kann nur mit dem Distinktionsgewinn zu tun haben.

Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Thomas Böhm Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Ein Buch ist ein gleichermaßen wertvolles wie bezahlbares Statussymbol; ein Bildungs-Benz, aus dem heraus es sich auch mal lachen lässt, ohne das gleich der Sozialneid ausbricht. Angesichts der neusten Studie der Stiftung Lesen, die einen erschreckenden Leseschwund festgestellt hat, empfehle ich, Daniel Kehlmann widersprechend, eine Werbekampagne mit dem Slogan: "Lest öffentlich! Und macht andere neidisch und neugierig."

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