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Bücher

Über Änderungen in letzter Sekunde

Über Buchsortiersysteme, Literatur-Roboter oder Schriftsteller als Autofahrer: Hier schreibt Thomas Böhm Kolumnen aus dem Lesealltag.

Symbolbild Buchmanieren (Foto: DW)

Die erhellendste Email, die ich in den letzten Monaten bekommen habe, lautet so: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, bereits im vergangenen Jahr haben wir Ihnen das Leseexemplar von" – ich nenne den Buchtitel nicht, der ist eh so unglaublich, Sie würden ihn für erfunden halten – "zugesandt. Nach dem Druck dieses Vorabexemplars hat" – auch den Autorennamen möchte ich als Briefgeheimnis hüten – "noch kleine Änderungen an der Originalausgabe, die in England erst nach unserer erscheint, vorgenommen, auf die ich Sie hiermit hinweisen möchte. Am wichtigsten sind drei Namensänderungen: "Roszak" wurde zu "Zroszak", "Blevins" wurde in "Giddins" umbenannt und "Karsten Mowinckel" in "Kasimir Mowinckel"."

Es kommt auf die Nuance an

Da es in der Literatur auf jede Nuance ankommt, macht es sicher einen Unterschied, ob eine Figur Blevins, Giddins, Rozak oder Zrosak heißt – aber warum ändert ein Autor solche Details in letzter Sekunde, eigentlich zu spät, denn das Buch war ja schon – zumindest als Vorab-Leseexemplar für Journalisten und Buchhändler – gedruckt und verschickt?

Unwillkürlich fragt man sich: Wie viele solcher brenzlichen Änderungen wurden in der Weltliteratur wohl vorgenommen, von denen wir nichts wissen, weil es damals noch keine Brandmails gab und die vorletzten Fassungen der Manuskripte in die Überlieferungsabgründe gefallen sind. Hieß Winnetou etwa bis kurz vor Drucklegung Winnie Puh? Oskar Matzerath Ottokar Matzurke?

"Gerettet" oder "gerichtet"

Thomas Böhm -Programmleiter des Kölner Literaturhauses (Foto: Birgit Rautenberg)

Thomas Böhm -Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Es lassen sich ja auch nicht nur Namen ändern, ganze Handlungsstränge sind mit einem Federstrich umgedeutet, wie das Beispiel von Faust I zeigt, dessen letzte Zeilen in der einen Fassung zu Gretchens (wie hieß die wohl mal?) Schicksal vermerken, sie sei "gerichtet" – also tot – und in der anderen Fassung, sie sei "gerettet".

Sicher treibt die Dichter bei den Änderungen in letzter Sekunde die Angst vor dem Urteil der Kritiker an. Aber, wie sagte doch mal ein Freund, der in der Unternehmensberatung tätig ist: "Wenn die Kreativen das letzte Wort haben, wird es teuer." Der Verlag, der Blevins in Giddins umwandeln musste, kann davon ein Lied singen. Und wird sich deshalb nicht allzu oft auf solche Eskapaden einlassen. Hermann Hesse abwandelnd, ließe sich folgende Warnung an die schreibenden Kollegen aussprechen: Wer bis zuletzt die Worte ändern will, führt am Ende nur noch Selbstgespräche.

Redaktion: Gabriela Schaaf

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