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Welt

Ölsuche in der Arktis - ein Geschäft mit Risiken

In der Arktis nimmt die Ausbeutung von Ölreserven zu. Ein umweltgefährdendes Geschäft, das durch den Klimawandel begünstigt wird. Ein neues Abkommen zur Seenotrettung soll die Suche jetzt sicherer machen.

Eisberge im Eisfjord von Illulisat (Foto: DW/ Irene Quaile Kersken)

Zwischen den Eisbergen vor der Grönländischen Küste wird nach Öl gesucht

Das Eis der Arktis schmilzt. Und mit dem Fortschreiten des Klimawandels wachsen die Begehrlichkeiten der Öl- und Gaskonzerne, die sich von dem abtauenden Poleis einen leichteren Zugang zu den Ressourcen der Arktis versprechen.

Am Donnerstag (12.05.2011) trifft sich der Arktische Rat in der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Er besteht aus acht Ländern in Zusammenarbeit mit sechs internationalen Organisationen, die indigene Völker vertreten. Ein wichtiges Ziel in Nuuk ist es, die erste rechtlich bindende Vereinbarung zur Seenotrettung in der Arktis zu unterzeichnen. Dieses soll unter anderem die Rahmenbedingungen für eine sichereren Abbau der Öl- und Gasressourcen in der Region schaffen.

Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko vor einem Jahr dachten viele, die Pläne für Ölbohrungen in der Arktis würden endlich aufgegeben. Das Gegenteil ist jetzt der Fall: Nur ein Jahr später wagt sich die Ölindustrie immer tiefer in die einst unzugängliche Region. Umweltverbände warnen von den Gefahren eines möglichen Ölunfalls in der Region mit ihren empfindlichen Ökosystemen. Nach einem Bericht der US-Regierung könnten im Falle eines Unfalls im Chukchi Meer vor Alaska riesige Mengen an Öl frei gesetzt werden, deren Dimension die Ölbekämpfungskapazitäten der Industrie weit übersteigen würden. Ende April besetzten Aktivisten der Umweltorganisation Greenpeace nahe der türkischen Stadt Istanbul eine Bohrinsel, die nach Grönland gebracht wird, um dort im Auftrag der schottischen Firma Cairn Energy Plc in der Tiefsee Probebohrungen vorzunehmen.

Keine Ölbohrungen ohne vorherige Umweltforschung?

Ein Greenpeace-Aktivist hält ein Plakat vor einer Ölbohrplattform hoch (Foto: Markel Redondo/ Greenpeace)

Greenpeace Aktivisten wollen verhindern, dass die Ölplattform Leiv Eiriksson die Arktis erreicht

Ungefähr 13 Prozent der noch unentdeckten weltweiten Ölreserven werden in der Arktis vermutet. Deshalb glaubt John Farrel, Geschäftsführer der US Arctic Research Commission, einer arktischen Forschungsagentur der USA, dass weitere Ölbohrungen im hohen Norden unumgänglich seien. Er glaubt allerdings auch, dass der Unfall im Golf von Mexiko das Bewusstsein für die Risiken geschärft habe. Zurzeit werde viel stärker darauf geachtet, dass die Region weiter erforscht wird, bevor die wirtschaftliche Erschließung zunimmt, so der amerikanische Experte.

Man brauche eine grundsätzliche Erforschung der Umwelt, in der diese Aktivitäten stattfinden werden. "Wie gut verstehen wir die Meere, das Ökosystem? Wir brauchen diese Grunddaten, um einen möglichen Ölteppich oder andere Probleme in diesen Gewässern bekämpfen zu können", sagt Farrel.

Grönland, Boot vor Eisbergen (Foto: DW/ Irene Quaile Kersken)

Der Klimawandel erleichtert die Schifffahrt in der Arktis

Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest des Planeten. Es wird zunehmend unwahrscheinlich, dass die Forschung Schritt halten kann in dem Rennen, um von den Ressourcen in der Arktis zu profitieren. Der Grönländer Aqqualuk Lynge ist Vorsitzender der Inuitorganisation Circumpolar Council, die zur Vorsicht und Nachhaltigkeit bei der Ausbeutung der Naturschätze der Arktis mahnt. Lynge kritisiert die Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung voranschreitet. Es sei fraglich, ob man wirklich die technologischen Fähigkeiten habe, um sicher in arktischen Gewässern zu bohren. Gefährdet seien unter anderem die Seehunde und Wale, die sich dort aufhalten. "Haben wir zuerst verlangt, dass die Ölindustrie vorher die möglichen Auswirkungen auf die Umwelt untersucht? Nein, das haben wir nicht", kritisiert Lynge, der die circa 160.000 Inuit vertritt, die in den arktischen Gebieten von Alaska, Kanada, Grönland und Chukotka (Russland) leben.

Fehlende Infrastruktur als logistische Herausforderung

Exxon Baton Rouge-Schiff von oben (Foto: AP)

Ölunfall im kalten Norden: 1989 lief der Tanker Exxon Valdez vor Alaska auf Grund

Ölbohrungen sowie der Transport von Öl in der Arktis stellen eine riesige Herausforderung für die Sicherheit und die Infrastruktur dar. Jörn Harald Andersen ist Berater der Norwegian Clean Seas Association, NOFO, die die Betreiberfirmen in norwegischen Gewässern bei der Beseitigung von Ölverschmutzung unterstützt. "Je weiter nördlich wir arbeiten, desto weniger Tageslicht hat man im Winter", erklärt Andersen. Außerdem spielten schlechte Sichtverhältnisse durch Nebel, niedrige Temperaturen sowie die mangelnde Infrastruktur in Nordnorwegen eine wichtige Rolle. "Wir müssen sehr viel Ausrüstung und Personal dorthin transportieren. Es gibt kaum Unterstützung vor Ort und die Logistik ist viel schwieriger als anderswo", so der norwegische Experte. Andersen ist trotzdem überzeugt, dass seine Gruppe mit einem Ölunfall im Eis fertig werden könnte. "Unser erstes Ölfeld im Norden, das Goliath-Feld, wird bereits 2013 in Produktion gehen", sagt Andersen. Deswegen laufe auch eine Kampagne, um neue Technologien zu entwickeln, um Fischerboote mit einzubeziehen, um Fernerkundungssysteme für schlechte Sichtverhältnisse und Dunkelheit zu testen. Alles laufe auf Hochtouren, um diese zusätzliche Herausforderung im nördlichen Teil Norwegens meistern zu können.

Die schwarze Gefahr im Eis

Amy MacFadyen ist Ozeanografin im Noteinsatz-Team von NOAA, der US-Behörde zur See- und Wetterüberwachung. Sie arbeitete bei der Beseitigung der Ölpest im Golf von Mexiko mit. Die logistischen Voraussetzungen, die dort vorhanden waren, seien in der dünn besiedelten Arktis nicht gegeben, sagt sie. Und auch technisch seien die Bedingungen bei einem Ölunfall in eisbedeckten Gewässern völlig andere. "Das wäre zum Beispiel problematisch für die mechanischen Absauggeräte. Das Eis kann aber auch als natürliche Barriere für das Öl fungieren und es an einer Stelle konzentrieren. Danach könnte man es abbrennen wie im Golf von Mexiko."

Abbrennendes Öls (Foto: SINTEF)

Forschungsorganisationen wie SINTEF in Norwegen erforschen Techniken wie das Abbrennen des Öls

Es sei aber nicht immer einfach, ausgelaufenes Öl überhaupt unter dem Eis zu finden, erklärt MacFadyen. Manche Arten von Radar könnten eine dichte Eisschicht gar nicht durchdringen. Trotzdem glaubt auch sie, dass ein Ölunfall in der Arktis nicht unmöglich zu bekämpfen wäre.

Bedrohung für das Ökosystem

Umweltgruppen sehen das anders. Der WWF und Greenpeace zweifeln daran, dass die Ölindustrie auf einen größeren Ölunfall in der Arktis ausreichend vorbereitet ist. Die Unterzeichnung der Seenotrettungsvereinbarung durch den Arktischen Rat reiche noch lange nicht aus, um die Sicherheit bei der Ausweitung der Ölausbeutung und des Öltransports in der Arktis zu garantieren, erklärt Frida Bengtsson von Greenpeace Norwegen. Die riesigen Gebiete der Arktis seien zu schwer zugänglich, um auf einen Ölunfall bei den Bohrarbeiten oder beim Tankertransport zu reagieren. "Das ist meiner Meinung nach die größte unmittelbare Bedrohung für das arktische Ökosystem", sagt die Greenpeace Aktivistin. Außerdem sei sie sehr wegen der langfristigen Auswirkungen des Klimawandels besorgt, der durch das Verbrennen des Öls weiter verstärkt würde.

Auch John Farrel von der US-Arktisforschungsbehörde sieht das Verhältnis zwischen dem Einsatz von fossilen Brennstoffen und dem Klimawandel kritisch, der den Zugriff auf die zusätzlichen Ressourcen erst möglich macht. Die Geschwindigkeit der Umweltveränderungen in der Arktis sieht er als große Herausforderung: Das schnelle Abschmelzen des Meereises, die zunehmende Erwärmung, das Abschmelzen des Permafrosts, die Erosion der Küsten. "Die Arktis ist eine sehr dynamische Region aufgrund des vom Menschen verursachten Klimawandels, der den Norden ebenso verändert wie die Belastung durch die zunehmenden ökonomischen Aktivitäten", erklärt der US-Experte.

Grönland und der Klimawandel

Deshalb tritt Inuitführer Aqqaluk Lynge für eine Verlangsamung der Entwicklung der arktischen Region ein. "Ich möchte, dass die Politiker auf Grönland und in den anderen arktischen Gebieten erst einmal abwarten. Wie wird es hier in zehn Jahren aussehen? Was passiert mit dem Abschmelzen der Arktis? Was passiert mit unserer unmittelbaren Umwelt? Was wird aus unseren Häfen, aus unserer Infrastruktur, wenn das Meeresniveau weiterhin so schnell ansteigt? Wir können die Veränderungen live beobachten. Was wir hier haben, ist ein Spiegel des Klimawandels."

Die grönländische Regierung will offensichtlich nicht warten. In dieser Woche gab sie endgültig grünes Licht für die von Greenpeace beanstandeten Probebohrungen vor der Westküste der Insel.

Autorin: Irene Quaile
Redaktion: Tamas Szabo/Friedel Taube