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Wirtschaft

Ölpreis sinkt trotz Krisen

In wichtigen Ölförderländern gibt es Krisen und bewaffnete Konflikte. Eigentlich müsste die Sorge um die Ölversorgung den Ölpreis noch oben treiben, doch das Gegenteil ist der Fall. Was sind die Gründe?

In der vergangenen Woche ist der Preis für ein Barrel (159 Liter) der europäischen Referenzsorte Brent auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr gesunken. Seitdem pendelt er kaum verändert um die Marke von 102 Dollar. Auch die US-Sorte Light Crude ist derzeit so billig wie lange nicht mehr. Noch im Juni waren beide Sorten mehr als zehn Dollar teurer.

All die Nachrichten über bewaffnete Konflikte in der Ukraine, im Irak und in Libyen scheinen den Ölpreis kalt zu lassen. Selbst als Ende Juli beim Kampf rivalisierender Milizen in Libyens Hauptstadt Tripolis große Öltanks in Brand geschossen wurden, reagierte der Ölpreis nur kurz.

Großes Angebot

"Die teilweise beträchtlichen kurzfristigen Ausfälle in Libyen sind sehr schnell kompensiert worden durch eine erhöhte Produktion in Saudi-Arabien", sagt Klaus-Jürgen Gern, der beim Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel zu den internationalen Rohstoffmärkten forscht. "Gleichzeitig gibt es ein im Trend ansteigendes Angebot, insbesondere aus den Vereinigten Staaten, wo der Schiefergas- und Ölboom ganz neue Produktionsmengen ermöglicht hat."

Symbolbild Fracking Anlage

Fracking-Anlage im US-Bundesstaat Pennsylvania

Mit dem sogenannten Fracking werden in den USA Risse in tiefen Gesteinsschichten verursacht, um Öl- und Gasreserven anzuzapfen, die bisher unzugänglich waren. In Europa ist diese Abbaumethode sehr umstritten, in den USA hat sie einen Förderboom ausgelöst. Laut Wall Street Journal haben zwei US-Ölkonzerne Ende Juni sogar grünes Licht erhalten, um Rohöl zu exportieren - erstmals seit 40 Jahren.

Auch die Internationale Energieagentur (IEA) kommt in ihrem jüngsten Bericht zu dem Schluss, der Ölmarkt sei "besser versorgt als erwartet".

Schwache Nachfrage

Das große Öl-Angebot trifft auf einen Nachfrage, die sich laut IEA "überraschend stark" verringert hat. Das liegt vor allem an der schwachen Konjunkturentwicklung. Erst Ende Juli senkte der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Erwartungen für das Wachstum der Weltwirtschaft von 3,7 auf 3,4 Prozent. Als Gründe nannte der IWF schwaches Wachstum in den USA und China, außerdem geopolitische Risiken in der Ukraine und im Nahen Osten.

Auch in Europa ist die Wirtschaft weit von einer Erholung entfernt. Wie die jüngsten Zahlen der Statistikbehörde Eurostat zeigen, ist die Wirtschaft in der Eurozone im zweiten Quartal 2014 überhaupt nicht gewachsen, in Deutschland und Italien sogar geschrumpft.

Wenn die Wirtschaft in den Industrienationen und großen Schwellenländern schwächelt, bleibt auch die Nachfrage nach Öl gering.

Entspannte Märkte

Kampf um Baidschi Öl-Raffinerie im Irak

Die Baidschi Raffinerie im Nord-Irak war Mitte Juni umkämpft

Angesichts des großen Angebots und der schwachen Nachfrage werden die Nachrichten aus den Krisenregionen an den Märkten relativ entspannt aufgenommen. Das Vorrücken der Miliz "Islamischer Staat" (IS) im Irak schürte im Juli zwar Sorgen um Produktionsausfälle, der Ölpreis stieg kurzzeitig an. Doch nachdem die USA erklärten, IS-Stellungen aus der Luft zu attackieren, gab der Preis wieder nach.

Auch der Ukraine-Konflikt scheint die Teilnehmern an den Rohstoffmärkten nicht nervös zu machen. "Sie gehen überwiegend davon aus, dass die Russen selbst überhaupt kein Interesse daran haben, ihre Lieferungen zu reduzieren, weil sie dringend auf die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft angewiesen sind", sagt IfW-Experte Klaus-Jürgen Gern.

Allerdings können sich Erwartungen und Lage jederzeit ändern, so Gern. Dann würde auch der Ölpreis kräftig nach oben ausschlagen. "Das Risiko ist auf jeden Fall da."

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