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Wirtschaft

Ölpreis am Tiefpunkt?

Autofahrer sind begeistert: Benzin und Diesel kosten immer weniger, die Preise für Rohöl befinden sich im freien Fall. Für reine Rohstoff-Staaten ist das ein Fiasko. Kommt bald die Wende?

Die Ölpreise haben zum Wochenstart ihre heftige Talfahrt der vergangenen Monate zunächst gestoppt. Händler sprachen von einer typischen Gegenbewegung nach starken Rückgängen. Am Montagmorgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 62,60 US-Dollar. Das waren 75 Cent mehr als am Freitag. Auch die US-amerikanische Sorte WTI konnte leicht zulegen. Der Preis für ein Fass stieg um 58 Cent auf 58,39 Dollar.

Seit diesem Sommer sind die Ölpreise um rund 40 Prozent gefallen. Seit Ende November, als sich die Organisation Erdölexportierender Staaten (OPEC) nicht mit einer Förderkürzung gegen den Preisverfall stemmen wollte, sind es 20 Prozent. Nach wie vor sieht es nicht nach einer Produktionsverringerung aus: Neben dem größten Kartellmitglied Saudi-Arabien sprechen sich auch die Vereinigten Arabischen Emirate gegen eine Förderkürzung aus.

Allzeithoch im Sommer 2008

Ein kurzer Rückblick: Im Jahr Sommer 2008 pendelten die Ölpreise noch um 150 Dollar pro Barrel und Fachleute prophezeiten damals weitere Anstiege. Doch dann kam die Weltfinanzkrise, die einen traurigen Höhepunkt mit dem Zusammenbruch der Lehman-Bank erreichte. Innerhalb weniger Wochen sank der Ölpreis auf rund 45 Dollar.

Zwar kletterte er mit Erholung der Weltkonjunktur bis zum Sommer 2014 wieder über die Marke von 100 Dollar, doch seitdem geht es bergab. Nicht nur konjunkturelle Einflüsse sind für die großen Schwankungen beim Preis für den Rohstoff Öl verantwortlich. "Lange hat man nicht berücksichtigt, dass durch technischen Fortschritt mehr Öl gefördert werden könnte", sagt Leon Leschus, Rohstoff-Experte vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) im Gespräch mit der DW. "Insbesondere in den USA ist es gelungen, durch Fracking mehr Öl aus dem Boden herauszuholen." Die Amerikaner haben ihre Ölförderung in den vergangenen Jahren um vier Millionen Barrel pro Tag erhöhen können. "Das ist eine ganze Menge. Mit diesen vier Millionen Barrel wären die USA das zweitgrößte OPEC-Mitglied", so Leschus. Die 12 OPEC-Staaten fördern etwa 40 Prozent des weltweiten Erdöls. Die USA gehören der Vereinigung nicht an.

Unterschiedliche Prognosen

Die Entwicklung der weltweiten Ölmärkte im kommenden Jahr wird nach einer Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) die Ölpreise weiter unter Druck setzen. Die Nachfrage wachse nicht so stark wie bisher angenommen, erklärte die IEA vor kurzem. Dennoch lasse der Förderboom vor allem in den USA nicht nach. Dadurch stiegen weltweit die Lagerbestände, die Ölpreise sackten weiter ab. Vor allem werde mit einem geringeren Eigenbedarf in Öl-Exportländern wie Russland gerechnet. Zugleich sei vorerst kein Ende des Produktionsanstiegs gerade aus Schiefergas-Vorkommen in den USA abzusehen. Es werde einige Zeit dauern, bis Angebot und Nachfrage wieder im Gleichgewicht seien.

Leon Leschus ist der Meinung, dass zumindest der Preisverfall zu Ende geht. "Ich denke, der Ölpreis hat seinen Boden langsam gefunden." Er geht davon aus, dass die Weltkonjunktur 2015 wieder anziehen wird. Dadurch wird die Nachfrage nach Öl zunehmen, die Preise werden damit steigen, glaubt der HWWI-Experte.

Fracking wird durch niedrige Preise unrentabel

Gleichzeitig sei davon auszugehen, dass das Überangebot an Öl, das zurzeit auf dem Markt herrscht, zurückgehen werde, "weil einige Produzenten weniger Öl fördern werden, da es für sie bei dem niedrigen Preis nicht mehr rentabel ist".

Auch Eugen Weinberg, Rohstoff-Experte von der Commerzbank, sieht diese Wechselwirkung zwischen niedrigen Ölpreisen und aufwändigen Fördertechniken wie dem Fracking: Wenn die Preise sinken, sinkt auch die aufwändige Produktion, wodurch wiederum die Preise langsam steigen. "Viele Gründe sprechen dafür, dass die Preise bald deutlich höher liegen werden als bei den gegenwärtigen 60 Dollar plus X", so Weinberg gegenüber dem ARD-Börsenstudio, "denn in der Zwischenzeit wird das auch einen Einfluss auf die amerikanische Produktion haben. Die wird nicht mehr steigen."

Keine Entwarnung für Russland

Auch Leon Leschus vom HWWI sieht im Laufe des Jahres 2015 ein höheres Preisniveau. "Wir prognostizieren, dass der Ölpreis sich wieder zwischen 80 und 90 Dollar pro Barrel einpendeln wird."

Ähnlicher Ansicht ist auch Eugen Weinberg. Entwarnung für Länder wie Iran, Irak, Nigeria oder Russland, die sehr stark von den Einnahmen aus Erdölexporten abhängig sind, sieht der Commerzbanker trotzdem nicht. "Für sie werden jetzt harte Zeiten kommen, denn wir rechnen nicht damit, dass die Ölpreise sich in Kürze wieder in Richtung der 100 Dollar oder mehr erholen werden, die diese Länder letztendlich brauchen."