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Wirtschaft

Ölfieber auf Usedom

Deutschland hat sich aufgemacht zur Energiewende. Windräder und Solarparks entstehen überall. Aber ganz im Nordosten des Landes ist das Ölfieber ausgebrochen. Eine deutsch-kanadische Firma vermutet dort reiche Vorkommen.

Erdöl-Förderpumpe (Foto: dpa)

Unter Jaap Bouwman blubbert und gurgelt eine braune dampfende Brühe. Der mittelgroße Mittsechziger im weißen Schutzanzug steht auf einem Metallrost darüber, neben dem hektisch wackelnden Rüttelsieb, der Sand, Gestein und Bohrmittel trennt. "Das kommt aus 1900 Metern Tiefe hoch und wird ständig untersucht", sagt Bouwman. "Wenn wir auf Öl oder Gas treffen, dann merken wir das hier sofort." Noch ist es nicht soweit, aber der gebürtige Niederländer ist überzeugt, dass unter ihm ein Schatz liegt, der 250 Millionen Jahre darauf gewartet hat, dass ihn seine Firma, die Central European Petroleum (CEP), hebt.

Die weißgestrichene Bohranlage reckt sich 54 Meter in den Himmel der Ostseeinsel Usedom, genauer bei Pudagla, auf der dem offenen Meer abgewandten Seite. Die Landschaft fällt hier sanft ab zu einer Mündungsbucht des Peenestroms. Vor gut 50 Jahren ist ein Staatsbetrieb der damaligen DDR in der Gegend auf Öl gestoßen – viel davon gefördert wurde aber nicht. "Der Osten Deutschlands war bis vor kurzem noch ein weißer Fleck auf den Karten der Erdölexperten", sagt Bouwman. Fast die gesamte einheimische Ölförderung kommt aus den westdeutschen Bundesländern Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Die Suche vor der Suche

Jaap Bouwman auf der Bohranlage (Foto: DW)

Prüfender Blick: Jaap Bouwman auf der Bohranlage

Vor sechs Jahren hätten ihn zwei kanadische Fachleute darauf angesprochen - ihn, der damals deutscher Honorarkonsul in Calgary war – und wollten wissen, warum es so wenige Informationen gäbe. Bouwman sah seine Chance und machte sich auf, die Informationen aufzutreiben, die zusammen mit der DDR verschwunden waren. Die Suche vor der Suche. "Wir haben alle Behörden, Forschungseinrichtungen und Universitäten in der Gegend abgeklappert, bis wir die Unterlagen zusammen hatten", sagt er. Es handelte sich um Daten von Probebohrungen und seismischen Erkundungen. "Die haben damals ihr Geschäft verstanden", urteilt Bouwman, "deswegen wissen wir, dass da unten Öl ist. Wir wissen nur nicht, ob es auch fließt."

Klarheit sollen zunächst vier Probebohrungen in Mecklenburg-Vorpommern bringen. Bei Pudagla soll sie acht Wochen dauern, dann wird die Bohranlage ein paar Kilometer weiter bei Lütow aufgestellt. Zehn Millionen Euro pro Bohrung sind veranschlagt. Erwartet werden in dem Feld bei Pudagla etwa zehn Millionen Barrel Öl. Die Maßeinheit Barrel entspricht 159 Litern. "Das hat sich früher vielleicht nicht so gelohnt, aber für einen Preis von derzeit 110 Dollar ist das schon lukrativ", freut sich Bouwman.

Aufwändige Horizontalbohrung

Bohrkopf der Anlage (Foto: DW)

Noch nicht fündig geworden: Bohrkopf der Anlage

Aber noch ist es nicht soweit. Bouwman stapft die Stahltreppe zur Plattform des Bohrturms hoch. Dort dreht sich das Bohrgestänge unablässig in den Grund. Im Augenblick sind es zwei bis drei Meter pro Stunde, eigentlich sollten es zehn bis zwölf Meter sein. Aber es geht jetzt nicht mehr gerade nach unten, sondern es wird sozusagen um die Ecke gebohrt.

In einem verglasten Kabuff sitzen zwei Techniker und steuern die Bohrung. Eine schwierige Phase: Jetzt, fast zwei Kilometer unter der Oberfläche wird die Bohrung abgelenkt und soll flach unter dem Wasser hindurchführen. Insgesamt soll knapp vier Kilometer gebohrt werden. Der CEP-Manager nickt den Spezialisten aufmunternd zu. Sie gehören, wie die meisten auf der Bohrstelle, zu Vertragsfirmen, die für das Projekt eingekauft wurden.

Angst vor Umweltschäden

Sandra Doil, Geschäftsstellenleiterin des Tourismusverbandes Usedom (Foto: DW)

Macht sich keine Sorgen: Sandra Doil

Auf der Bohrstelle hat Bouwman alles unter Kontrolle. Aber in der Nachbarschaft kämpft er gegen die Skepsis der Anwohner. Öl hat ein schlechtes Image. Was ist mit Umweltschäden und Lärm? Das könnte auch die Touristen verschrecken. Der Bürgermeister von Pudagla sagt am Telefon, er wolle nicht mehr weiterschimpfen, das ändere ja doch nichts. Aber die Stimmung wird langsam besser für die Ölsucher. Sandra Doil, vom Tourismusverband der Insel Usedom stellt fest, dass es mittlerweile "ein gutes Miteinander" gebe: "Anfangs war da schon Skepsis vorhanden", sagt sie, "aber auf den Tourismus wirkt sich die Bohranlage bislang nicht aus, und Lärm macht die Anlage auch kaum." Doil hat sich die Anlage selbst angesehen: "Das war schon beeindruckend."

Auch Bouwman findet seine Bohranlage toll. "Das ist das modernste Gerät, das es gibt!" ruft er, während er die Stahltreppe wieder nach unten geht. Und: "Zehn Prozent unserer Ausgaben bleiben bei den Leuten in der Region hängen, wenn wir Öl finden, verdient das Land mit." Und es wäre Öl ohne Diktatoren, Bürgerkrieg und Umweltzerstörung, betont Bouwman. Wenn er über Öl spricht, mischt sich ein warmer schwärmerischer Ton in seine Stimme. "6000 Artikel unseres täglichen Lebens werden mit Öl produziert, das Zeug ist eigentlich viel zu schade, um es zu verbrennen."

Autor: Heiner Kiesel
Redaktion: Henrik Böhme

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