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Wirtschaft

Öl: Sticht Kasachstans Trumpf im geostrategischen Poker?

Im kasachischen Boden ist jedes natürlich vorkommende Element des chemischen Periodensystems zu finden. Die riesigen Ölvorkommen sind eine Chance, sich auf dem Weltmarkt weiter zu etablieren. Doch wer profitiert davon?

Das Hauptbüro der nationalen Öl- und Gasfördererkompanie KasMunaiGas in Astana

Das Hauptbüro der nationalen Öl- und Gasfördererkompanie KasMunaiGas in Astana

Keiner weiß ganz genau, wie viel Öl Kasachstan eigentlich hat. Die Reserven schätzt man von 9 bis auf 40 Milliarden Barrel. Jedes Jahr wird mehr Erdöl und Gaskondensat gefördert als im vorherigen. Milliarden US-Dollar flossen ins Land seit der Unabhängigkeit von Moskau 1991. Im Jahr 2015 will die zentralasiatische Republik zu den zehn größten Öl- und Gasfördernationen gehören. Aber viele in Kasachstan und außerhalb des Landes zweifeln daran, dass die Nutzung des Rohstoffreichtums zur Mehrung des nationalen Wohlstandes führt.

Fortschritt auf einem Bein

Natürlich ist die Gelegenheit günstig: Die Ölpreise steigen, und Europa sucht neue, zuverlässige Energieexporteure. Doch es besteht die Gefahr, dass die Ökonomie trotz boomender Exporte verfällt. Galymshan Shakijanow, führender Oppositionsvertreter in Kasachstan, beklagt, dass die Wirtschaft sich nur einseitig entwickele, die verarbeitende Industrie, der Maschinen- und Gerätebau kaum Erfolge vorzuweisen haben. Die Rohstoffabhängigkeit bestimme auch die soziale Entwicklung: "Wir haben zunehmend ungleiche Löhne, und die Kluft zwischen Armen und Reichen wir immer größer."

Astana, Nursultan Nasarbajews Traumstadt

Astana, Nursultan Nasarbajews Traumstadt

Wirtschaftsschmierstoff - oder doch nicht?

Der Rohstoffsektor wird in Kasachstan besonders stark gefördert, und er expandiert. Kritiker fürchten jedoch, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit trotzdem stagnieren könnte, da der Aufbau anderer Sektoren wie Dienstleistungen oder Industrie nicht genügend vorangetrieben werde. Kaisar Djanachanov, Geschäftsführer der Assoziation von Energieunternehmen unter dem Namen "KazEnergy", sieht das anders. Er kritisiert die vorherrschende öffentliche Meinung, nach der die im Ölbusiness Tätigen lediglich die Schätze aus dem Boden pumpen, um eine Menge Geld zu machen: "Rund um jede Ölförderung bildet sich eine Stadt. Und die Einwohner dieser neuen Städte haben alles: Satelliten-Fernsehen, Internet, Krankenhäuser mit modernster Technik."

Djanachanov sieht Kasachstan dank der Ölindustrie schon eines Tages unter den 50 bestentwickelten Länder der Welt. Der Staatshaushalt lebe zum größten Teil von Ölgeldern, und diese Gelder investiere man wiederum in andere Wirtschaftssektoren. "Der Staat hat sieben Prioritätssektoren gewählt, die besonders von den Rohstoffgeldern profitieren sollen, darunter der Tourismus, der Maschinenbau, die Textilindustrie und die Lebensmittelproduktion. Außerdem finanziert jede Ölgesellschaft, die in Kasachstan vertreten ist, verschiedene Sozialprogramme."

Ablasshandel

Der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew präsentiert sich stolz im Ausland. Für 2007 strebt das von ihm regierte Land den Beitritt zur WTO an. 2009 will Kasachstan in der OSZE den Vorsitz übernehmen. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier demonstrierte sein Einverständnis, als er Ende Oktober Zentralasien besuchte. Doch Europa erwartet von Astana eine Liberalisierung der Gesetze und eine Demokratisierung der Gesellschaft.

Ölarbeiter - sie fördern das schwarze Gold

Sie fördern das schwarze Gold

Die kasachische Opposition hingegen ist davon überzeugt, dass der Westen die demokratische Entwicklung des zentralasiatischen Landes hintanstellt, sobald es um Energielieferungen geht. Tulegen Shukejev, einer der Köpfe der Oppositionspartei "Nagyz Ak Zhol" fürchtet, dass Europa mit seinem Energiehunger autoritär regierte Länder falsch einschätzt. "Sie können keine Stabilität garantieren. Europa muss weitsichtig bleiben." Für Nasarbajew würde der OSZE–Vorsitz zum Ablassbrief. Der Westen bekomme Öl, und Astana dürfe so weiter machen wie bisher - und die Opposition weiter knebeln. "Die Machthaber erzählen den europäischen Politikern, die Kasachen seien für eine Demokratie noch nicht reif. Wir sind aber durchaus im Stande, nach demokratischen Prinzipien zu leben."

Problem Transport

Demokratie ist kein Thema für die Mächtigen Kasachstans. Wichtiger ist ihnen die Antwort auf die Frage, wie das Öl am sichersten und schnellsten auf die Märkte der industrialisierten Welt gebracht werden kann. Der Westen sucht neue Wege, um an Öl zu gelangen, ohne mit Russland kooperieren zu müssen. Die 2006 in Betrieb genommene, 1760 Kilometer lange Transkaukasische Pipeline soll langfristig den Westen vom Rohöl aus der Region am Persischen Golf und von Russland unabhängiger machen. Das Baku-Tiflis-Ceyhan–Projekt (BTC) transportiert Rohöl von Ölfeldern aus Kasachstan über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan, dann weiter nach Georgien und in die Türkei. Die Transportkosten sollen 3,2 US Dollar pro Barrel betragen. Teuer, aber ohne Moskau.

Europa vor China

Pipeline, irgendwo in Kasachstan

Irgendwo in Kasachstan

Doch nicht alle Experten halten die Umgehung Russlands für wirklich rentabel. Kanat Berentaev aus dem Zentrum für Problemanalyse in Almaty hält die Teilnahme Kasachstans am Baku-Tiflis-Ceyhan–Projekt für wirtschaftlich uninteressant. "Man braucht eine Tankerflotte oder eine Unterwasserpipeline. Beides ist sehr kostspielig." Der Westen mache Druck wegen seiner Bedenken gegenüber Moskau.

Ein weiterer großer Abnehmer des kasachischen Öls ist China, das am liebsten so viele Energieträger aufkaufen würde wie möglich. Allerdings ist die technische Entwicklung Chinas nach Ansicht des Analysten im Vergleich zu Europa noch auf dem Niveau der 60er Jahre. "Doch die Lage ändert sich extrem schnell, und China wird auf Energiesparsamkeit setzen." Der zukünftige ökonomische Gigant bliebe zwar trotzdem ein großer Abnehmer, jedoch nur ein Kunde unter mehreren. "Die größten Ölmengen werden weiter in den Westen fließen."

Kasachstan bleibt Gegenstand geostrategischer Ambitionen Russlands, Chinas, Westeuropas und der USA. Seine Trumpfkarte ist das Öl. Noch ist nicht abzusehen, ob sie wirklich geschickt ausgespielt wird.

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