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Wirtschaft

Öl-Pipelines und moderne Landwirtschaft

Beim Wiederaufbau Afghanistans sind die wirtschaftlichen Perspektiven gering

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Für die Aufgabe, die den internationalen Hilfsorganisationen in Afghanistan bevorsteht, gibt es kaum einen Vergleich. Nach 23 Jahren Krieg muss das Land in praktisch sämtlichen Bereichen den Wiederaufbau beginnen. Die Infrastruktur Afghanistans liegt in Trümmern, die Sozialsysteme müssen neu entwickelt werden - eine große Mehrheit im Land muss sogar erst wieder lesen und schreiben lernen. Afghanistan hat weltweit die höchste Sterblichkeitsrate bei Kindern, die niedrigste Lebenserwartung und eine der höchsten Quoten von Behinderten.

Wie diese Aufgabe des Wiederaufbaus überhaupt zu schaffen sein soll, darüber beraten derzeit zahlreiche Hilfsorganisationen und deren Partner aus Afghanistan im pakistanischen Islamabad auf einer von Weltbank, Asiatischer Entwicklungsbank und den Vereinten Nationen organisierten Afghanistan-Konferenz. Und so manches Mal scheint es den Beteiligten sogar recht zu sein, dass im Augenblick die Soforthilfe für die vom Hunger bedrohte Bevölkerung Vorrang vor den konkreten Aufbaumaßnahmen hat. Dadurch wird die Zeit gewonnen, die für einen durchdachten Aktionsplan nötig ist.

Die drängendsten Fragen drehen sich derzeit um die Wasserversorgung, die provisorische Unterbringung der Menschen und die Rückführung von Flüchtlingen. Rund sieben Millionen Afghanen sind auf der Flucht, im Land, wie außerhalb der Grenzen.

"Bis zu sieben Millionen Menschen in Afghanistan sind vom Hunger bedroht", sagt der UN-Koordinator für Afghanistan, Mike Sackett. Bis zum Juli 2002 müssten monatlich 52 000 Tonnen Nahrungsmittel nach Afghanistan gebracht werden, um eine Hungerkatastrophe zu verhindern. In den nächsten Monaten werde sich zudem entscheiden, ob Afghanistan im Erntejahr 2002/2003 in der Lage sein werde, sich wieder stärker aus eigenen Ressourcen zu ernähren. Alleine die Nahrungsmittelhilfe der UN wird bis zum März 2002 etwa 260 Millionen Dollar erfordern. Zur vollständigen Finanzierung dieser Summe fehlen nach Angaben Mike Sacketts bisher noch 95 Millionen Dollar.

Mögliche Summen, die der Wiederaufbau des Landes kosten könnte, nennen die Hilfsorganisationen bislang nicht. Allerdings lassen sich aus vorangegangenen Beispielen Werte ableiten. So hatte der Aufbau Mozambiks nach dem Bürgerkrieg rund 6,5 Milliarden US-Dollar benötigt. Hochrechnungen, für Afghanistan müssten bis zu 10 Milliarden US-Dollar aufgebracht werden, sind deshalb nicht illusionär. William Byrd, Länderbeauftragter für Afghanistan bei der Weltbank, setzt sich angesichts des Umfangs der Hilfe für die Einrichtung einer Wiederaufbauagentur ein, die bei der künftigen afghanischen Regierung angesiedelt ist. Verwaltet werden soll das Gros der Mittel von einem Treuhandfonds, der dann je nach Notwendigkeit Gelder auszahlt.

Doch wo liegen die Ansatzpunkte für den Neuanfang? Wenn sich in der Vergangenheit die afghanische Bevölkerung - rund 25 Millionen - nicht lediglich von dem ernährte, was der eigene Boden hergegeben hat, dann profitierte eine wachsender Teil der Bevölkerung von illegalem Handeln und von Korruption. Drei Einkommensquellen hat die Asiatische Entwicklungsbank ausgemacht: Schmuggel, Rauschgifthandel und Teilhabe an der Verteilung internationaler Hilfe. Wer diese Geschäfte betrieb, wirtschaftete vor allem für die eigene Tasche und nicht für die Gesellschaft. An die Unterstützung von außen gewöhnten sich die Menschen. Diese internationale Hilfe setzte mit dem Abzug der russischen Streitkräfte 1989 ein. Seit rund zehn Jahren ist das Land - mal mehr, mal weniger - vom Beistand des Auslands abhängig.

Relativ schnell könnte das Land lediglich Einnahmen aus dem Erdöl- und Ergastransit erzielen. Attraktiv macht Afghanistan hier seine Geographie. Für die energiedurstigen Staaten Pakistan und Indien ist die Region um den Hindukusch strategisch wichtig, wollen sie Pipelines nach Zentralasien, vor allem aber in das gasreiche Turkmenistan verlegen. Selbst unter der Taliban-Herrschaft hatten sich amerikanische Mineralölkonzerne schon an die Realisierung solcher Pläne gemacht. Jetzt könnten sie auch tatsächlich umgesetzt werden.

Ein zweiter Ansatzpunkt muss die Landwirtschaft sein, Afghanistans ursprüngliche wirtschaftliche Basis. Werden die Bewässerungssysteme modernisiert und haben die Bauern Geld für Samen und Dünger, wäre das Land mittelfristig in der Lage, sich selbst zu ernähren, sagen die Experten. Und dies könnte dann auch gelten, wenn erneut Dürreperioden Afghanistan heimsuchen.

Auf der Konferenz in Islamabad richteten sich die Blicke immer wieder auf das Geschehen in Bonn. Das ist nicht verwunderlich. Denn eine stabile Regierung, die Korruption und Schmuggel bekämpft, gilt als zentrale Voraussetzung für den Wiederaufbau. Ansonsten bliebe jede Hilfe ohne Nachhaltigkeit. Die Hilfsorganisationen stehen bereit. Jetzt sind die Konfliktparteien in Kabul am Zug.