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Europa

Ökourlaub in der Tschernobyl-Sperrzone

Urlaub in Weißrussland – ein abwegiger Gedanke? Nicht für die Regierung der ehemaligen Sowjetrepublik. Sie will jedes Jahr zehn Millionen ausländische Touristen ins Land locken. Mit Ökotourismus und Katastrophen-Touren.

Verwildertes Dorf in Weißrussland (Foto: Klaus Jansen)

Eine Chance für den Tourismus? Geisterdorf in der Tschernobyl-Sperrrzone

Die großen Pläne der Regierung kann Yury Akudovich nicht nachvollziehen: Der Reise-Veranstalter mit dem grauen Bart ist selber viel gereist, damals in der Sowjet-Union. Jetzt schlägt er sich mit den weißrussischen Behörden herum. Er würde schon viel dafür tun, damit ausländische Touristen ins Land kommen, aber selbst für Fachleute sei unklar, wie die Regierung das Ziel von zehn Millionen Touristen aus dem Ausland pro Jahr realisieren will.

Die meisten Touristen sind nur auf der Durchreise

Reiseveranstalter Yury Akudovich in seinem Minsker Reisebüro (Foto: Klaus Jansen)

Reiseveranstalter Yury Akudovich

Für viele Europäer ist Weißrussland gar nicht auf der Landkarte. Wenn überhaupt, dann denken sie dabei an die Tschernobyl-Katastrophe von 1986, als in der Sowjetunion der Reaktorblock eines Atomkraftwerks explodierte, und die radioaktive Strahlung zu großen Teilen im Gebiet von Weißrussland niederging. Auch Reiseveranstalter Yury Akudovich meint, sein Land sei nicht viel mehr als ein Transitland. Die Mehrheit der ausländischen Touristen sei nur auf der Durchreise. Die Europäer zieht es eher in die schönen und interessanten Städten Russlands, nach Moskau und Sankt Petersburg. Für Weißrusslands Hauptstadt Minsk, die im zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde, interessiert sich kaum jemand.

Keine Berge, kein Meer, aber viel Wald

Man kann nur das Touristen anbieten, was man auch hat, und im Fall Weißrussland ist das die Natur: Ein gutes Drittel des Landes besteht aus Wald, dazu gibt es Sumpf- und Seen-Landschaften. Recht flach, ohne große Highlights wie Berge oder Meer, aber vielerorts eine scheinbar unberührte Idylle.

Deshalb hat das Land den Ökotourismus für sich entdeckt: Hier wird "Ökotourismus" ganz einfach mit "Urlaub auf dem Lande" übersetzt, Konzepte zur Nachhaltigkeit und Ressourcen-Schonung gibt es nicht, und Reise-Veranstalter Yury Akudovich meint sogar, dass der Begriff vor allem dazu da sei, Gäste aus Europa anzulocken.

Urlaub auf dem Lande

Bienenstöcke in einem Dorf bei Minsk (Foto: Klaus Jansen)

Bienenbehausungen und Dorfidylle: weißrussischer Öko-Tourismus

Der Ökotourismus weißrussischer Machart wird seit mehr als sechs Jahren staatlich gefördert, mittlerweile gibt es im ganzen Land fast 500 Landhäuser mit Übernachtungs-Angebot. Nicht alle davon sind erfolgreich, das Haus Sarechany im gleichnamigen Dorf in der Nähe von Minsk läuft aber sehr gut. Für 15 Gäste bietet es einen großen Garten, einen kleinen Angel-Teich, und viel Ruhe. Hier können gestresste Stadtmenschen durchs Gras streifen und die Seele baumeln lassen, dazu gibt es traditionelles Essen und Musik, und auch ein Aufguss in der Banja, der russischen Sauna, darf natürlich nicht fehlen.

Ausländer sind weiter Mangelware

Andrejs Gasthaus in Sarechany bei Minsk (Foto: Klaus Jansen)

Nicht das klassische Wohnen auf dem Land

Auch einige Ausländer hätten es schon mal hierhin geschafft, erzählt der ehemalige Bauarbeiter und jetzige Gastgeber Andrej, der das Landhaus mit seiner Familie betreibt. Viele waren es allerdings noch nicht. Das liege hauptsächlich wohl daran, dass sein Dorf zu weit weg ist von der Grenze, mutmaßt Andrej. Wenn mal Ausländer in sein Gasthaus kämen, dann seien das oft Geschäftsreisende, die von Freunden einen Tipp bekommen haben.

Eine 30-köpfige Geschäftsreise-Gruppe hat das Gasthaus von Andrej gerade angemietet. Die Gruppe bleibt aber nur zum Essen, nicht zum Übernachten, und sie besteht komplett aus Weißrussen. In der staatlichen Übernachtungsstatistik werden die Geschäftsreisenden also nicht auftauchen, und auch zum staatlich verordneten Zehn-Millionen-Ziel werden sie nicht beitragen können.

Warum nicht auch Touren in die Tschernobyl-Region?

Schranke vor der Sperrzone rund um Tschernobyl (Foto: Klaus Jansen)

Hier ist Schluss für interessierte Touristen

Dabei könnte Weißrussland ausländische Touristen-Devisen durchaus sehr gut gebrauchen. Rund ein Viertel des Staatsgebietes ist durch die Tschernobyl-Katastrophe nachhaltig verstrahlt, vor allem der Süden und der Osten sind betroffen. Selbst dieses schwere Erbe könne man aber auch touristisch nutzen: Kurzfristige Aufenthalte dort seien kein Problem, meint der Reise-Veranstalter Yury Akudovich. Das Problem sei, dass das negative Image noch nicht genügend ausgenutzt werde. Immerhin sei Weißrussland durch die Atom-Katastrophe weltweit bekannt geworden, man könne spezielle Routen für interessierte Menschen anbieten. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew gibt es schon ein Reisebüro, das eine Foto-Tour zum Reaktor-Block anbietet. Warm nicht im Negativen auch das Positive sehen, meint Akudovich.

Große Hoffnung Eishockey-WM 2014

Verlassenes Haus in der Sperrzone (Foto: Klaus Jansen)

Verlassenes Haus in der Sperrzone

Noch hat Weißrussland ein großes Image-Problem. Wohl auch deshalb, weil bisher nur wenig Geld in die Werbung gesteckt wurde. Wer Reiseliteratur über das Land sucht, der findet auf dem sonst so überlaufenen Markt nur wenige Publikationen, die meist auch schon mehrere Jahre alt sind. Wegen der Wirtschaftskrise schickt das Land immer seltener Vertreter auf internationale Reisemessen. Ein Visum für Weißrussland zu bekommen, ist für Touristen außerdem nach wie vor eine mühselige und teure Angelegenheit.

Trotzdem: Die Hoffnung stirbt in Weißrussland zuletzt. Die nächste große Chance für den Tourismus ist die Eishockey-WM im Jahr 2014, die In Weißrussland stattfinden wird. Und während der Weltmeisterschaft sollen die Visa dann auch kostenlos sein. Das hat Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko – selbst der größte Eishockeyfan des Landes – jetzt schon angekündigt.

Autor: Klaus Jansen

Redaktion: Andreas Ziemons

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