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Deutschland

Ökotopia: Experiment für eine bessere Zukunft

Wiesenburg hat gut 4000 Einwohner. Die kleine Gemeinde in Brandenburg war in den vergangenen drei Wochen ein Anziehungspunkt für Umweltaltaktivisten. Sie haben dort zusammen in einem internationalen Umwelt-Camp gelebt.

Das bunte Logo der Ökotopia 2010 (Foto: Jan Schilling)

Es ist seit 20 Jahren dasselbe Ritual. Jeden Vormittag treffen sich die Teilnehmer des Umweltcamps Ökotopia zum "Morning Circle". In Wiesenburg im ostdeutschen Bundesland Brandenburg findet er in einem Zirkuszelt statt, der das Herzstück des Lagers ist. "Hier besprechen und verteilen die Teilnehmer die Tagesaufgaben", erklärt Dorothee Bornath vom Organisationsteam. "Die Menschen kommen, um sich auszutauschen, Werbung für ihre Aktionen und Initiativen zu machen und um etwas zu bewegen". Rund 300 Camp-Teilnehmer proben das ökologische Leben der Zukunft.

Abwaschen im Camp, jeder ist mal dran (Foto: Jan Schilling)

Jeder wäscht mal ab!

Ein Camp so gut wie seine Teilnehmer

Jeder kann Seminare anbieten und organisieren. "Wenn keiner etwas macht, dann passiert auch nichts", sagt Bornath. Aber das komme nicht vor. Tatsächlich sind die Workshops zahlreich und vielfältig. Sie reichen von grüner Architektur über biologische Landwirtschaft bis hin zu Meditation und Massage. Aber vor allem geht es um Politik. "Es wird auch konkret geübt, wie man Atomtransporte stoppen kann", sagt Wam Kat, einer der Mitbegründer von Ökotopia.

Stärkung junger Bewegungen

Das internationale Umwelt-Camp versteht sich als Hilfestellung für Aktivisten aus Ländern, in denen es noch keine starke Umweltbewegung gibt. Der Künstler Vahagn Vardumyan kommt aus der armenischen Hauptstadt Eriwan. Er baut dort ein Fahrradnetzwerk auf, obwohl das Fahrrad dort noch kein anerkanntes Transportmittel ist. Die Idee kam Vardumyan beim Ökotopia-Camp 2004.

Der armenische Künstler Vahagn Vardumyan im Ökotopia-Camp (Foto: Jan Schilling)

Vahagn Vardumyan

Er habe sich dort mit niederländischen Aktivisten ausgetauscht und die Ideen mit nach Hause genommen. "Die Umweltbewegungen in Europa haben lange gekämpft und ihre Erfahrungen in Bewegungen verwandelt", sagt der Armenier und fügt an, dass es wichtig sei "zu lernen, wie wir diese Strukturen übernehmen können."

Eco statt Euro

Zentraler Bestandteil von Ökotopia ist die eigene Währung Eco. Der Wert richtet sich nach den persönlichen Lebensumständen. Ein Eco entspricht einem Tausendstel des monatlichen Einkommens. Wer im Monat 1000 Euro verdient, tauscht Euro und Eco im Verhältnis eins zu eins. Jemand, der nur 500 Euro verdient, bekommt den Eco schon für 50 Cent. Auch wenn es im Umwelt-Camp eine Bank und einen täglichen Wechselkurs gibt, überprüft niemand, ob die Besucher tatsächlich Geld tauschen und den Tagesbeitrag von 15 Eco bezahlen. Es kann also auch jemand drei Wochen auf Kosten der Ökotopia-Gesellschaft leben. "Wir gehen davon aus, dass die Gemeinschaft das mitträgt", sagt Bornath, "denn Ökotopia ist auf Vertrauen aufgebaut."

Null Abfall und Toilette ohne Wasser

Die Aktivisten versuchen, Abfall zu vermeiden. Junge Campteilnehmer um den Polen Pavlik Elf sammeln den Müll, der doch anfällt, ein und analysieren ihn. Sie notieren alles, was sie nicht wiederverwerten können. "Am Ende soll daraus eine virtuelle Datenbank entstehen", erklärt Pavlik. " Dann können die Menschen im Internet nachsehen, welche Produkte sie am besten gar nicht erst kaufen.“

Die Müll-Sammelstelle des Camps (Foto: Jan Schilling)

Müllsammelstelle

Komposttoiletten sind Standard im Camp. Sie funktionieren ganz ohne Wasserspülung und erinnern ein wenig an Plumpsklos, da die Fäkalien in einem Eimer unter den Plastiksitzen aufgefangen werden. Wenn die Benutzer sie dann mit Sägespänen bedecken, zersetzen sie sich langsam. Dadurch entsteht Kompost, der zum Düngen von Pflanzen verwendet werden kann. "Der größte Vorteil ist, dass diese Toiletten kein Trinkwasser verschwenden", findet Agnes Werner, die sich bei Ökotopia um die Kompostklos kümmert.

Alte Geschichte in neuem Gewand

Das internationale Umweltcamp hatte 1989 Premiere. Die Jugend-Umweltorganisation "European Youth For(est) Action" (EYFA) rief das jährliche Camp ins Leben, um junge Aktivisten aus Ost- und Westeuropa zusammenzubringen. Die neuen Umweltbewegungen aus Osteuropa sollten von den langjährigen Erfahrungen der westeuropäischen Aktivisten profitieren. "Wir wollten ein Camp, bei dem nicht Aktionen im Vordergrund stehen“, erklärt Wam Kat, "sondern der Austausch und die gegenseitige Inspiration.“

EYFA entschied sich 2008, das Camp nicht mehr zu veranstalten, weil sich die Ziele der Organisation nicht mehr im Camp wiederfanden. "Sicher lag es auch daran, dass die Teilnehmer immer älter wurden", lacht Wam Kat und zeigt auf seine langen grauen Haare. Aber er wollte Ökotopia auch nicht ganz sterben lassen. Zusammen mit Gleichgesinnten organisierte er zum 20. Geburtstag der Bewegung die generationenübergreifende Neuauflage in Wiesenburg.

Autor: Jan Schilling
Redaktion: Sandra Petersmann

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