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Wirtschaft

Ökologische Verwirrung an der Ladentheke

Die Biobranche boomt, weshalb es immer mehr Öko-Siegel für Lebensmittel gibt. Die Vielzahl der Zertifikate verwirrt Verbraucher und führt zur Frage, ob alle Waren ökologisch produziert werden, die so ausgewiesen sind.

Ratlos im Bioladen: So geht es vielen Verbrauchern, Quelle: dpa

Ratlos im Bioladen: So geht es vielen Verbrauchern

Die größte Landwirtschaftsmesse der Welt, die Grüne Woche, geht am Sonntag (27.1.2008) in Berlin zu Ende. Wer die Schau besucht hat, dem fiel auf, wie viele Unternehmen und Verbände mittlerweile eigene Bio-Waren anpreisen. Entsprechend groß ist die Auswahl in Naturkostländen, aber auch in Supermärkten. Weil die Bio-Branche europaweit boomt, hat die Zahl der Zertifikate für Öko-Lebensmittel stark zugenommen. Allein in Deutschland gibt es schätzungsweise mehr als hundert solcher Kennzeichnungen.

"Aus Sicht der Verbraucher ist das verwirrend. Allerdings bedeutet das ja auch Produktvielfalt, von der wir profitieren", sagt Alexander Gerber, Fachreferent beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, dem Dachverband der deutschen Öko-Anbauverbände. Viele Kunden haben keine klare Vorstellung, was "Bio" bedeutet, was genau hinter den Siegeln steckt. Das hält manche vom Kauf der Öko-Produkte ab, wie eine Studie der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young ergab. Trotz zweistelliger Zuwachsraten hat die Branche also noch Spielraum nach oben. Fast 80 Prozent der Verbraucher sind bereit, für Bio-Lebensmittel mehr auszugeben, doch nur 37 Prozent tun dies regelmäßig, zeigt die Studie weiter.

Staatliches Siegel wird empfohlen

Grafik Logo Deutsches Bio-Siegel nach EG-Öko-Verordnung

Oft versteckt, aber überall zu finden: das staatliche deutsche Bio-Siegel

Ob Bioland, Demeter, BioBio (Plus-Supermärkte), Naturkind (Tengelmann), Bio Smiley (Aldi Süd) oder schlichtweg "Bio nach EG-Ökoverdordnung" – die Namen der Siegel sind vielfältig. Worauf kann man sich verlassen? Diese Frage stellen Verbraucher immer öfter, wie Christiane Kunzel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen berichtet. "Wir empfehlen das staatliche Siegel, denn es garantiert, dass man wirklich Bioprodukte kauft." Das deutsche Siegel führte Ex-Verbraucherschutzministerin Renate Kühnast 2001 ein. Es verwirklicht die Vorgaben der EU-Ökoverordnung. Ihr müssen alle Produkte in Europa gerecht werden, die "Bio" oder "Öko" im Namen führen. Deshalb haben Bio-Waren aus Supermärkten prinzipiell die gleiche Qualität wie Obst und Gemüse aus Naturkostläden, die allein das Staatssiegel tragen.

Nach der EG-Verordnung müssen Öko-Lebensmittel zu mindestens 95 Prozent biologisch produziert sein. Sie dürfen nicht mit gentechnisch veränderten Organismen behandelt, radioaktiv bestrahlt oder mit leicht löslichen Mineralien gedüngt werden, die ins Grundwasser sickern. Keine kontrollierten Öko-Waren sind Produkte mit Bezeichnungen wie "umweltschonend" oder "aus kontrolliertem Anbau." Die strengsten Maßstäbe legen Öko-Anbauverbände wie Demeter, Biopark, Bioland und Naturland an. Im Demeter-Verband wird etwa die Bodenfruchtbarkeit durch Präparate aus Mist und Heilpflanzen gefördert. Biopark und Bioland versprechen artgerechte Tierhaltung auf der Weide und rein pflanzliches Futter. Produkte der Verbände sind auch seltener mit chemischen Zusatzstoffen hergestellt.

Die Krux liegt im Detail

Bio-Produkte haben in Deutschland einen Markanteil von vier Prozent. 2006 stieg der Umsatz laut Deutschem Bauernverband um 15 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro an. Nahezu alle Öko-Waren tragen das freiwillige Staatssiegel, wie Gerber erklärt. "Es hat sich flächendeckend durchgesetzt. Verbraucher haben so eine große Sicherheit." Die Krux liegt im Detail: Weil Anbieter mit eigenen Siegeln werben, wandert das staatliche Zeichen nicht selten an den Rand oder die Rückseite der Verpackung – und wird so leicht übersehen. Nicht alle Verbraucher wissen deshalb, dass sämtliche Bio-Waren in Deutschland das gleiche Siegel tragen. Auch deshalb entsteht Verwirrung.

EU-Landwirtschaftskommissarin Fischer Boel, Quelle: AP

Bereitet neues Siegel vor: EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel

Ein zentrales Bio-Siegel gibt es auch in Großbritannien, Frankreich, Dänemark und der Schweiz. In vielen europäischen Staaten herrscht aber echtes Ökochaos, weil sich kein Kennzeichen durchsetzen konnte. 2009 wird sich das ändern, wenn ein neues EU-Öko-Siegel Pflicht wird: Ein hellgrüner Kreis mit zwölf Euro-Sternen wird dann in den Regalen für Klarheit sorgen, hofft die EU-Kommission. Dabei gelten die gleichen EU-Standards wie bisher. Einzige Ausnahme: Spuren gentechnisch veränderter Organismen werden bisweilen zugelassen, was Umweltverbände kritisieren. Dennoch wird das neue Siegel europaweit die Sicherheit erhöhen, tatsächlich Öko-Waren im Einkaufskorb zu haben. Dazu kommen Zeichen etwa für besonders klimafreundliche oder gentechnikfreie Lebensmittel, wie sie in Deutschland schon auf den Weg gebracht werden.

Qualität von Importprodukten bleibt umstritten

Umstritten bleibt die Qualität von Importware, die nicht einfach zu erkennen ist, da die EU-Ökoverordnung Qualitätskontrollen im Ausland, jedoch keinen Herkunftsnachweis vorschreibt. Genau das fordert jetzt der Bauernverband, denn Öko-Obst und -gemüse aus Neuseeland oder China macht den heimischen Landwirten das Leben schwer. Nach Schätzungen der Universität Kassel kommt bereits ein Drittel der angebotenen Bioware aus dem Ausland. Tendenz steigend. Der Grund: Immer weniger Bauern steigen in die Bioproduktion ein, weil Bund und Länder Subventionen für die Betriebsumstellung gekürzt haben.

Das könnte sich nun rächen. Denn anderswo sind die Kontrollen selten so streng wie in Deutschland. Das baden-württembergische Agrarministerium hat erste Fälle aufgedeckt, bei denen Biowaren ihren Namen nicht mehr verdienten. Vor allem italienisches Gemüse war stark mit Pestiziden belastet. Auch Bio-Lebensmittel aus Übersee fielen schon öfter durch. "Regelverstöße bleiben aber die Ausnahme", betont Gerber. Wer sicher gehen will, greift dennoch zu heimischen Waren - auch aus einem anderen Grund. "Man muss sich die Öko-Bilanz anschauen, die die ganze Produktionskette in den Blick nimmt", sagt Christiane Kunzel. "Bio-Äpfel etwa aus China sind wegen der langen Transportwege dann eher kritisch zu bewerten."

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